Wir brauchen mehr Kuhfladen!

Was kleine Kinder noch können – das freie Hingeben an die Zeit und eine völlig sinnnlos erscheinende Tätigkeit (z. B. Kuhfladen* zu malen) – geht im Laufe der Kindheit verloren. Gerade Mädchen lernen, dass nur hübsch und nett gut ankommt und gelobt wird.

Ein süßes Bild, denken wir. Und doch kann genau das die ureigenste Kreativität der Zeichnerin zerstören. Deshalb: wir brauchen mehr Kuhfladen! (Bild: Xenia Kehnen / pixelio.de)
Ein süßes Bild, denken wir. Und doch kann genau das die ureigenste Kreativität der Zeichnerin zerstören. Deshalb: wir brauchen mehr Kuhfladen! (Bild: Xenia Kehnen / pixelio.de)

Dass jedoch genau diese Intervention – das Loben oder Kritisieren – die Kreativität der Mädchen nicht fördert, sondern einschränkt, beschreibt Nathalie Bromberger sehr schön in ihrer „Ode an den kreativen Kuhfladen„:

„Mit nichts blockieren wir unsere Kreativität mehr, als mit dem Nachdruck auf Produktion, und zwar vor allem auf die Produktion von Schönheit. Oder Ästhetik, wie wir Erwachsenen sagen. Meinen tun wir aber: „Mach bloß keine Kuhfladen“.  Mach nichts, das peinlich oder schmutzig, schlecht gemischt oder grob gekritzelt ist.“

„Was für ein schönes Bild“ sagen Eltern zu ihren Kindern, wenn diese ihr rotes Feuerwerk zeigen […]. Das Kind aber sieht das Leuchten in den Augen seiner Eltern, hört das Wort „schön“ und merkt sich: Mach Dinge, bei denen die Augen deiner Eltern / deiner Rezensenten aufleuchten.
„Och, jetzt hast du das schöne Bild kaputt gemacht!“, sagen die Eltern, wenn sie das zerknüllte Blatt sehen. Aha, merkt sich das Kind – es gibt schön und nicht schön. Und am Ende muss schön sein. Ab einem bestimmten Alter produzieren Kinder – vor allem Mädchen – endlose Reihen desselben Bildes: Haus, Baum, Mädchen. Heile Welt. Schön. Die Eltern beruhigt es. Die Kinder auch: Sie wissen, sie machen es richtig.“

Was sie nicht wissen, ist, dass das möglicherweise das Ende ihrer ursprünglich schier endlosen Kreativität bedeutet. Das ewige Bewerten von Dingen und Tätigkeiten kann gerade für Mädchen und Frauen sogar zerstörerisch sein. Denn es schadet nicht nur in Bezug auf die Kreativität, sondern auch im Umgang mit dir selbst.

Du schaust in den Spiegel und schaust nicht einfach nur, sondern bewertest sofort, was du siehst. Du tust etwas, aber du tust es nicht einfach nur, sondern du bewertest dich oder das Ergebnis ganz automatisch, ob du es willst oder nicht. Nur hübsch und nett kommt an und wird gelobt. So hast du es gelernt, und so machen es alle. Bewertung, als Lob, als Kritik, mag vordergründig hilfreich sein, um zu lernen, um besser zu werden, um weiterzukommen im Leben. Doch sie bedeutet in jeder Lebenslage gleichzeitig auch Beschränkung, Einschränkung – des Denkens, des Ausführens, der Kreativität und des Seins.

Die ursprünglichen Funken deiner ureigensten Kreativität gehen aber nie ganz verloren – irgendwo, tief verborgen, glühen diese Schätze noch und warten auf den Tag, an dem du sie endlich wiederbelebst und zum großen Lodern bringen wirst. Den Tag, an dem du die angelernte Schere im Kopf wegwirfst und nicht (mehr) darüber nachdenkst, ob das, was du kreierst, irgendeinen Wert hat oder ob irgendjemand sich über dein Aussehen lustig machen wird. Den Tag, an dem du endlich wieder endlose Kuhfladen produzierst.

* Für die Definition von „Kuhfladen“ bitte einmal hier entlang!

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Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du ein Sachbuch schreiben? Hier findest du zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.
Birte Vogel

2 Gedanken zu “Wir brauchen mehr Kuhfladen!”

  1. Tolles Blog! Hoffentlich zischt das genauso ab wie dein anderes Baby! <3

    Zu den Stereotypen und Bilder malen und Verfestigen und so: Meine Jungs malten mit Hingabe aus eigenem Antrieb Wikingerschiffe und Ritterburgen. Ordnerweise. (Immer die gleichen, aber: psssst!) Während das Mädchen vielleicht wirklich Lob für Akkuratesse aufsog, ergötzten sich die Jungs an meinem Entsetzen über das viele Blut im gleichen Maß mit identischem Ergebnis bzgl. ihrer Entwicklung?
    Hm. Mal nach-denken, im Wortsinn.

    Alles Gute für dein weiteres, starkes Thema!

    • Vielen Dank für die guten Wünsche, Carmen! :-)

      Was das Ergebnis von Lob und Entsetzen betrifft, glaube ich, dass da sehr viele weitere Faktoren mitspielen. Aber ich erlebe tatsächlich immer wieder, dass Eltern mit ihren Töchtern ganz anders umgehen als mit ihren Söhnen. Neulich z. B. fuhr eine Mutter mit Tochter und Sohn auf dem Bürgersteig an mir vorbei auf eine zu überquerende Straße zu. Die Kinder waren vielleicht 7 oder 8 Jahre alt und fuhren in etwa gleich auf. Aber nur die Tochter sollte vor der Straße absteigen, der Sohn durfte weiterfahren. Warum? War definitiv nicht ersichtlich. Und die Tochter, die brav abgestiegen war, beschwerte sich völlig zu recht, als der Sohn nicht absteigen musste. Kinder haben für Ungleichbehandlung ja ein sehr gutes Gespür. Was passiert damit eigentlich, wenn sie größer werden – wo geht das hin?

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