Warum laufen eigentlich Männer ganz selbstverständlich oben ohne herum, Frauen aber nicht?

Ein Anblick bleibt uns im Sommer immer seltener erspart: der des halbnackten Mannes, der das, was bei ihm zwischen Hals und Schamhaaren sitzt oder schwabbelt, freizügig zur Schau stellt, weil es ihm mit Hemd ja viel zu warm ist. Warum laufen Frauen eigentlich nicht genauso selbstverständlich oben ohne herum?

Es fängt leider wie so vieles schon im Kleinkindalter an: Mädchen sehen zu dieser Zeit rund um die Brust haargenauso aus wie kleine Jungen. Und dennoch müssen sie oftmals bereits Bikinioberteile und T-Shirts tragen, während die Jungen oben ohne gehen dürfen.

Diese Unfreiheit wird Mädchen lebenslang einschränken

Diese Unfreiheit wird die Mädchen dann lebenslang einschränken. Den Jungen aber wird da schon suggeriert: Ihr seid frei! Macht, was ihr wollt! Auch dann, wenn sie eines Tages selbst Brüste entwickeln (und sich dabei immer noch als Mann definieren). Denn diiiiiie sind dann ja schließlich etwas gaaaanz anderes!

Als Erwachsene entblößen sich Männer also ganz selbstverständlich, ob bei der Gartenarbeit, beim Fußballspiel als Spieler oder Zuschauer oder beim Spaziergang durch die Stadt, ob mit oder ohne Männerbrüste. Schön finden wir wahrscheinlich alle das, was wir da zu sehen bekommen, eher selten. Doch kaum jemand nimmt heute noch Anstoß daran. Weil sie Männer sind.

Warum aber wird das so unterschiedlich bewertet? Warum können wir Frauen bis heute nicht genauso selbstverständlich oben ohne unterwegs sein, ohne beglotzt, verhöhnt, beschimpft, belehrt, zum Ankleiden gezwungen, begrapscht oder sogar verhaftet zu werden? Warum würde unser nackter Oberkörper viel eher als Störung der „öffentlichen Ordnung“ angesehen als der nackte Oberkörper von Männern? Warum sehen viele Hetero-Männer unseren nackten Körper als Einladung zur Selbstbedienung, Hetero-Frauen den männlichen Körper aber nicht? Warum müssen Frauen auch bei Temperaturen von weit über 30°C unter doppelten bis vier Lagen schwitzen, während Männer sich einfach ausziehen?

„Das war schon vor 2.000 Jahren so!“ … Wer behauptet das?

Es gibt einige Gründe für dieses Verhalten, und sie haben ihren Ursprung u. a. in den monotheistischen Religionen, die nur einem männlichen Gott huldigen, und den daraus entstandenen gesellschaftlichen Regeln.

Es wird zwar immer berichtet, dass Frauen schon in der Antike ihre Brüste züchtig gebunden und ihre Oberkörper verhüllt haben. Also zu einer Zeit, in der die Menschen an viele Gött_innen geglaubt haben. Doch muss man bei allen Interpretationen archäologischer Funde immer bedenken, wer diese Interpretationen vorgenommen hat.

Diese Archäologen waren meist Männer, und sie wuchsen in Gesellschaften auf, die nicht nur schon seit Jahrhunderten durch den Glauben an einen einzigen, männlichen Gott geprägt waren. Diese Männer hatten auch von Kindheit an gelernt, dass alle Macht bei ihnen lag, dass Frauen ihnen untergeordnet zu sein hatten. U. a. steht’s ja so schließlich schon in der Bibel, die die Frau lediglich als Nebenprodukt darstellt, aus der Rippe des Mannes geschaffen, dem wohl einzigen Körperteil, auf das er locker verzichten konnte. Den Mann stilisiert sie dagegen zur vermeintlichen Krone der Schöpfung.

U. a. deshalb interpretierten die Archäologen bspw. einen Grabfund aus der Wikingerzeit mit vielen Waffen als das Grab eines mächtigen Kriegers. „Der Krieger von Birka“ ist einer der berühmtesten Funde für diesen Zeitraum. 2017 brachte eine DNA-Analyse allerdings die Erkenntnis, dass es sich – huch! – um das Grab einer mächtigen Kriegerin gehandelt hat. Bezeichnenderweise wurde sofort, also 2017!, laut darüber nachgedacht, ob man ihr die Waffen nicht nur beigelegt habe, dass sie also gar keine echte Kriegerin war – diese Zweifel sind m. W. nie aufgekommen, solange man glaubte, es handle sich bei dem Fund um einen Mann.

Wenn also heute immer noch behauptet wird, dass Frauen sich schon in der Antike züchtig verhüllt und ihre Brüste nicht (für den Mann) zur Schau gestellt hätten, dann sollte man solche Aussagen nicht als tatsächliche Wahrheit akzeptieren, sondern immer mit angemessener Skepsis hinterfragen. Und schon gar nicht davon ableiten, dass es deshalb auch heute noch o. k. ist, sich als Mann bei 35 Grad im Schatten halb auszuziehen und sich als Frau mit mehreren Schichten zu verhüllen.

„Das provoziert doch nur die Männer!“ … Wie bitte?

Ein weiterer Grund ist, dass die Nacktheit der Frauen noch immer so dargestellt wird, dass sie die Männer angeblich zu sexuellen Handlungen provoziere. Frauen sollen also daran schuld sein, dass viele Männer nicht genug Respekt vor Frauen haben, um ihren Sexualtrieb unter Kontrolle zu halten. Bezeichnend ist, dass dies von vielen Menschen bei ultrareligiösen Bekleidungsvorschriften, denen sich z. B. viele muslimische Frauen unterwerfen müssen, harsch kritisiert wird. Doch wenn es um die Brüste der Frauen hierzulande geht, dann haben die gefälligst auch nicht erregend in der Gegend herumzuhängen.

Wie in so vielen anderen Fällen auch müssen wir Frauen deshalb unsere Freiheit vorauseilend einschränken, damit Männer ihre eigene Freiheit immer und überall ausleben können. Wir Frauen müssen unseren berechtigten Wunsch nach Freiheit (und Abkühlung) der Furcht davor unterordnen, von ihnen weiterhin als Objekt betrachtet zu werden, das sie jederzeit begrapschen und zur Befriedigung ihres Egos und ihres Sexualtriebs benutzen können. Nicht von ungefähr wird vielen weiblichen Vergewaltigungsopfern bis heute völlig an der Realität vorbei vorgeworfen, mit dieser Kleidung seien sie ja wohl „selbst schuld“, dass sie vergewaltigt wurden. Männlichen Vergewaltigungsopfern wird dies übrigens i. d. R. nicht vorgeworfen.

„Es ist gesünder einen BH zu tragen!“ … Sagt wer?

Auch mit der Begründung, es sei gesünder, das schwabbelnde Organ in feste Bande zu zwängen, wird versucht Frauen die Entscheidungshoheit über ihren eigenen Körper abzunehmen und damit ihre Freiheit und Selbstbestimmung einzuschränken. Dass es für einige Frauen mit sehr großen Brüsten tatsächlich gesünder, weil rückenschonender, sein kann, ist davon unbenommen. Doch der Mehrheit der Frauen zu suggerieren, es ginge ja nur um ihre Gesundheit, obwohl Frauen schon seit Jahrtausenden nicht an herabhängenden Brüsten sterben, ist ebenfalls nichts weiter als Heuchelei. Denn es basiert schlicht auf der irrigen Annahme, dass eine herabhängende Brust für Hetero-Männer nicht mehr attraktiv sein könne.

Wie sehr diese Heuchelei Frauen beeinträchtigt, zeigen die vielen Leidensberichte jener, die sich ihre Brüste sogar künstlich aufplustern lassen, damit sie etwas haben, das das Tragen eines BH in ihren Augen überhaupt erst rechtfertigt und das ihnen dank der vermeintlich neu gewonnen Aufmerksamkeit der Männer mehr Selbstbewusstsein gibt. Womit ich beim nächsten Grund bin:

„Schäm dich für deine Brüste!“ … Ernsthaft?

Viele Mädchen nehmen das Wachsen ihrer Brüste erst wahr, wenn jemand anderes sie darauf anspricht. Sie finden dieses Wachstum dann häufig peinlich und möchten es am liebsten verstecken. Warum eigentlich? Auch das ist u. a. auf überkommene religiöse Vorstellungen zurückzuführen. War nicht Eva daran schuld, dass die Männer aus dem Paradies geworfen wurden? Frauen müssen dafür bis heute büßen und sich züchtig verhalten (sprich: verhüllen), um nicht noch mehr Schuld auf sich zu laden.

Nun ausgerechnet an dieser so prominent sichtbaren Stelle weibliche Attribute zu bekommen, sorgt bei vielen Mädchen für Schamgefühle, denn diese Dinge gehen ja nicht mehr weg. In den meisten Fällen werden sie ja immer größer und größer und sichtbarer und sichtbarer. Sie lassen sich ja gar nicht mehr verhüllen, erst recht nicht in einem Alter, in dem die Pubertät ohnehin schon alles schambehaftet werden lässt, was vorher Freiheit war. Nur, dass diese Scham dann bleibt. Lebenslang.

Mädchen lernen also zuerst ihre Brüste zu verstecken, bevor sie lernen sie zu entdecken. Gut verhüllt hinter mindestens zwei Schichten Kleidung sollen sie nicht nur ewig geile Jungen und Männer nicht ablenken, wie wir es jeden Sommer wieder dank der mädchenfeindlichen Kleidungsvorschriften vieler Schulen erleben müssen. Sie sollen auch die Mädchen selbst nicht ablenken, damit die bloß nicht zu früh auf die Idee kommen, dass sie eine eigene Sexualität haben. Und erst recht nicht eine Sexualität, die zu mehr da ist, als nur dem Mann zur Befriedigung und zur Fortpflanzung zu dienen.

Diese puritanische Vorstellung gipfelt darin, dass unwahrscheinlich viele Frauen erst als Erwachsene, lernen, was ein weiblicher Orgasmus ist und wie sie ihn erreichen. Dass sie erst sehr spät lernen, dass sie überhaupt eine eigene, unabhängige Sexualität haben. Dass sie ihren Körper sogar lieben können und dürfen. Dass ihre eigenen Brüste gar nicht nur zur Befriedigung des Mannes und der Sättigung des Babys da sind, sondern auch ihnen selbst zum Genuss dienen können.

Bevor wir Frauen lernen, wie schön unsere Brüste sind, lernen wir außerdem erst noch, wie todbringend sie sein können. Für viele Frauen, die kerngesund sind, ist mit diesem Organ immer die Lebensgefahr Brustkrebs verbunden. Die Ärztin Dr. Ingrid Olbricht beschrieb das so:

„Die Brust […] hat eine Umdeutung erfahren und ist zum Symbol für Vergänglichkeit, Krankheit, Angst und Tod geworden. Fast ist die Brust die potenzielle Feindin der Frau, die durch ihre möglicherweise tödlichen Gene Frauen umbringen könnte.“

Und das hat leider nicht nur damit zu tun, dass diese furchtbare Krankheit tatsächlich viele Frauen trifft – es hat auch damit zu tun, dass Brüste und all das Positive, das Frauen damit in Verbindung bringen könnten, ganz grundsätzlich skandalisiert und negativ interpretiert werden.

„Aber das ist doch unästhetisch!“ … Wirklich?

An der Femen-Bewegung war eins besonders interessant: dass nämlich ausschließlich Frauen, deren Brüste dem derzeitigen Schönheitsideal entsprechen, dabei waren und sind. Denn die Femen-Frauen wussten sehr genau, dass ihr Protest weniger Wirkung zeigen würde, wenn sie Frauen mit großen oder Hängebrüsten, womöglich beidem!, dabei hätten. Die Öffentlichkeit hätte sich viel weniger auf ihre Botschaft konzentriert als darauf, dass ein paar angeblich schamlose Frauen es doch tatsächlich wagen, ihre vermeintlich unästhetischen Brüste vor laufende Kameras zu hängen! Wenn schon feministisch, dann doch bitte ansehnlich! (Ernst nehmen werden wir sie dennoch nicht, aber angucken: klar, gerne, höhöhö!)

Wir sollten uns aber fragen, woher dieser Vorwurf, manche Brüste seien unästhetisch, kommt. Zum einen hat er mit dem kaum vorhandenen Verhältnis der Frauen zu ihren eigenen Brüsten zu tun (s. o.). Zum anderen aber auch damit, dass die Industrie, die uns die Verhüllung unserer Brüste anpreist und mit ständig neuen Kreationen erträglich zu machen versucht, viel zu gut daran verdient. Denn irgendetwas bleibt doch immer hängen. Sagt dir jemand, du brauchst dringend einen Bügel-BH, dann schaust du ab sofort anders in den Spiegel, selbst wenn du deine Brüste bisher ganz o. k. fandest. Du fragst dich, ob diese Person nicht vielleicht doch recht hat. Ob es nicht doch schöner, ästhetischer wäre, du würdest deine Brüste hinter mit süßen Röschen bedruckten, gerüschten, metallumwundenen, gepolsterten Dreiecken für 39 Euro im Sonderangebot zusammenquetschen, hinter denen du schwitzt wie ein Wasserfall.

Aber wer legt überhaupt den Standard für Ästhetik fest? Es heißt immer: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ (sic!), aber wenn du dich selbst betrachtest, trifft das ja dann plötzlich nicht mehr zu (und nicht nur, weil du kein Mann bist). Wie alle anderen Aussagen, die andere über Frauenkörper treffen, sollten wir also auch diese mit äußerster Skepsis betrachten und fragen: Wer behauptet das? Warum? Und mit welchem Recht, bitteschön? Denn hast du nie gelernt, deine Brüste zu mögen, wirst du diesen Rufen sonst kaum widerstehen können.

„Die weibliche Brust ist ein Sexsymbol, die männliche nicht!“ … Bitte, was?

Es ist schon erstaunlich, dass nur die weiblichen Brüste als Sexsymbol angesehen werden – solange es nicht die eigenen Brüste sind (s. o.). Mit den Brüsten wird aber gleich der gesamte Oberkörper in Mithaftung genommen. Heißt: bauchfrei geht auch nicht, denn dann ahnt man(n) ja schon, was da drüber ist, und wird angeblich ganz erregt (was für ein männerfeindliches Bild dahinter steht, ist nochmal ein ganz anderes Thema).

Aber die männliche Brust, erst recht die männlichen Brüste, werden kurioserweise nicht als Sexsymbol betrachtet. Wie absurd das ist, zeigt schon die Tatsache, dass die männliche Brust eine genauso erogene Zone ist wie die der Frau. Und doch steht die männliche Brust symbolhaft für Stärke und Dominanz, für Göttlichkeit, für Heldentum. Einfach nur, weil sie keine Milch produzieren kann? Oder doch nur aufgrund der gesellschaftlichen Rolle, in die wir Männer heute noch immer völlig grundlos erheben?

Es ist bezeichnend, dass das, was wir diesbezüglich beim Sex praktizieren, es immer noch nicht ins restliche Leben geschafft hat: zu akzeptieren, dass diese Zonen bei beiden, Frauen wie Männern, erogene Zonen sind, und sie dementsprechend gleich zu behandeln. Also entweder beide zu verhüllen oder beide zu entblößen, wann immer uns danach ist. Z. B. bei 35 Grad im Schatten.

„Die weibliche Brust ist ein Symbol der Potenz und Vollmacht!“ … Endlich sagt’s mal jemand!

Es gibt noch manch andere Gründe dafür, dass bei diesem wie auch bei fast allen anderen Themen in Bezug auf Frauen und Männer mit zweierlei Maß gemessen wird. Aber, Himmel nochmal, ist nicht schon ein einziger der o. g. Gründe unerträglich genug?

Wir Frauen wissen aufgrund all dieser Dinge gar nicht, welche Macht wir eigentlich haben. Ich will noch einmal Dr. Ingrid Olbricht zitieren, und zwar in aller Deutlichkeit:

„[Die weibliche Brust ist ein] zeitloses Symbol für Liebe, für Sexualität und Nahrung, für Lust, Fülle, Trost und Wärme, Potenz und Vollmacht, also für Leben insgesamt.“

Doch wir lassen es zu, dass sie, wie Olbricht ebenfalls sagte, enteignet und entwertet wird durch Normen, Maßstäbe, durch Werbung, Operationen usw.

Warum eigentlich? Warum geben wir anderen die Macht darüber, uns und unsere Körperteile als Objekte zu sehen, über die sie zu entscheiden haben? Warum sollen wir uns bitte selbst bei 35 Grad im Schatten verschnüren und verhüllen, nur weil viele Männer ihren Sexualtrieb nicht im Griff haben? Warum sollen uns Schwabbelbauch und -brüste eines versoffenen Fußballfans zugemutet werden, aber wir dürfen ihm unsere schönen, schwabbelnden Brüste nicht zumuten? Nur weil irgendwelche rückständigen, frauenfeindlichen religiösen und gesellschaftlichen Heucheleien uns unsere Freiheit vermiesen oder sogar verbieten wollen?

Warum wehren wir uns eigentlich nicht? Warum nehmen wir uns nicht die Freiheit, die uns zusteht? Warum verlangen wir von Männern nicht, sich genauso zu verhüllen wie wir Frauen es müssen, bis diese Gesellschaft es endlich akzeptiert, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind? Ich bin mir sicher: Wären Männer gezwungen, zwei bis vier Lagen bei 35 Grad im Schatten zu tragen, wir hätten sehr schnell alle die Freiheit, jederzeit oben ohne herumzulaufen.

 

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du ein Sachbuch schreiben? Hier findest du zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.

Schreibe einen Kommentar