Warum ich Menschen nie mit einem Genderstern kennzeichnen werde

Die Grünen machen’s, viele Blogger_innen auch, und immer mehr Leute übernehmen ihn in ihre Social-Media-Beiträge und Texte: den sogenannten „Genderstern“. Doch ich werde Menschen nie mit einem Genderstern kennzeichnen. Warum nicht?

Was soll der „Genderstern“ überhaupt?

Der Genderstern soll zum einen dazu beitragen, das generische Maskulinum zu ersetzen, weil das Frauen und andere Geschlechter schlicht ausschließt und damit unsichtbar macht. Denn das Maskulinum wird beim Lesen und Hören nicht als geschlechtsneutral begriffen, sondern immer mit einem einzigen biologischen Geschlecht verbunden: dem männlichen. Da sich ohnehin in unserer Gesellschaft schon so gut wie alles um Männer dreht, muss damit endlich Schluss sein. Der Genderstern soll nun erlauben, auch Frauen mitzuschreiben und sie somit endlich sichtbar(er) zu machen.

Er ist außerdem eine Art Sammelzeichen, denn er soll zusätzlich all jene Menschen sichtbar machen, die sich weder als Frau noch als Mann begreifen. Jene, für die es in unserer Sprache bislang noch keine Worte gibt, auf die wir als Gesellschaft uns geeinigt haben.

Und er soll helfen, die Gesamtheit der Menschen dort auszudrücken, wo es (noch) keine neutralen substantivierten Adjektive (wie z. B. „Studierende“) gibt, die alle Geschlechter so bezeichnen oder zusammenfassen, dass auf den ersten Blick begreifbar wird, wer gemeint ist, nämlich alle.

Doch der Stern des Gendersterns ist kein neu erfundenes Zeichen. Er hat Geschichte und Funktionen, die es mir verbieten, ihn zu dem oben beschriebenen Zweck zu nutzen. Warum?

Es wurden schon zu viele Menschen mit einem Stern gekennzeichnet

Es ist gerade einmal 73 Jahre her, dass Menschen, die mit einem Stern gekennzeichnet wurden, aus Konzentrations- und Vernichtungslagern befreit wurden. Ab 1939 mussten Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung im von Deutschland besetzten Polen und später auch im gesamten Deutschen Reich zwingend einen Stern an ihrer Kleidung und in ihren Ausweisen tragen. Sie wurden dadurch noch stärker aus der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt als sie es ohnehin schon waren.

Dies allein ist für mich schon Grund genug, nie wieder einen einzigen Menschen mit einem Stern zu kennzeichnen.

„Stars“ und „Sternchen“ als Futter für Klatsch und Tratsch

Die Grünen nennen den Genderstern „Gender-Star“, was die Absurdität dieses Zeichens noch deutlicher macht. „Stars“ und „Sternchen“ sind in unserer Gesellschaft stark mit Boulevardunterhaltung unterster Güte für jene verbunden, die sich nur für Klatsch und Tratsch, für vermeintliche Skandale und für das Abwerten anderer Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten interessieren.

Natürlich können Worte neue Bedeutungen erhalten, und natürlich können diese Bedeutungen auch sehr unterschiedlicher Art sein. Sprache ist nie feststehend, sondern wandelt sich täglich. Doch ist mir persönlich der Bezug zu der gängigen Bedeutung von „Star“ und „Sternchen“ zu nah, um nun dieses Zeichen auch nur übergangsweise als Zeichen für Menschen zu nutzen, die meist ihr ganzes Leben lang darum kämpfen, in ihrem Sein ernst genommen und als ganz normaler Teil dieser Gesellschaft akzeptiert zu werden. Menschen, die nicht frei leben können, sondern sich oft verstecken oder verbiegen müssen, um sich der Oberflächlichkeit der Beurteilung durch andere entziehen zu können, weil sie vorschnell und oberflächlich als „anders“ und dadurch als „irgendwie nicht dazugehörig“ gebrandmarkt werden.

Doch es geht beim Gendern immer auch um die Würde jedes Menschen, egal welchen Geschlechts, und die wird durch diese implizierte Nähe zu unwürdigem Klatsch und Tratsch nicht einmal ansatzweise gewahrt.

Der Stern steht im Schriftdeutschen für eine Fußnote

Der dritte Grund, warum ich den Genderstern nie nutzen werde, ist, dass er im Schriftdeutschen das Zeichen für eine Fußnote ist. Menschen sind keine Fußnote. Menschen, für die wir noch keine Begriffe haben, weil wir sie zu lange in falsche Kategorien gezwängt und nie als normale, gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft akzeptiert haben, sind keine Fußnote. Menschen, die um ihre Würde kämpfen müssen, obwohl sie ihnen per Grundgesetz ganz selbstverständlich zusteht, sind keine Fußnote.

Sie jetzt mit dem Zeichen für eine Fußnote zu kennzeichnen führt das Ansinnen, das dahinter steht, meiner Ansicht nach ad absurdum. Es sagt: Ihr seid Teil des Ganzen, aber eigentlich doch nur eine Fußnote.

Darum nutze ich den Unterstrich

Der Unterstrich ist auch nicht ideal. Doch ist er längst nicht mit solchen negativen Frames verbunden. Für mich steht er vor allem für drei Dinge:

  • er verbindet alle Geschlechter, ob wir für sie bereits Worte haben oder nicht,
  • er macht die sprachliche (und gedankliche) Lücke deutlich, die durch den Mangel an Worten und an der alltäglichen Akzeptanz für alle anderen Geschlechter existiert,
  • er unterstreicht die Notwendigkeit, dass wir unsere Sprache verändern müssen, um auch sprachlich Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen.

Deshalb habe ich mich vor einiger Zeit dazu entschlossen den Unterstrich zu nutzen. Und niemals den Genderstern.

Hast du einen besseren oder anderen Vorschlag? Schreib ihn mir gerne in den Kommentaren (bitte beachte dabei aber theas Kommentar-Netiquette).

 

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du wissen, wie man ein Sachbuch schreibt? Hier gibt's zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.
Birte Vogel

6 Gedanken zu “Warum ich Menschen nie mit einem Genderstern kennzeichnen werde

  1. Hi Birte,
    mal wieder ein toller Text von dir. Ich mag deine Herleitung und schließe mich dir ab sofort an. Ich habe immer mal wieder den Stern, den Unterstrich oder das große Binnen-I genutzt und werde von nun an vom Sternchen absehen. Danke für diese neue Perspektive und weiter so!
    Alles Liebe
    Lisa

    • Das Binnen-I schließt m. E. alle anderen Geschlechter außer dem weiblichen und dem männlichen aus. Deshalb ist es für mich heute dort nicht mehr akzeptabel, wo alle Geschlechter gemeint sind.

  2. Liebe Birte, danke Dir für den interessanten Beitrag: werde ich genau drüber nachdenken. Spannende Perspektive, die ich so noch nicht bedacht habe. Herzliche Grüße, Beatrix

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