Die stille Gewalt gegen Frauen – lasst uns endlich darüber reden!

Der Großteil der Gewalt gegen Frauen findet hinter verschlossenen Türen statt. Es ist keine Gewalt, die wir sehen oder hören können. Es ist die stille Gewalt, die uns Millimeter für Millimeter die Luft zum Leben abschnürt. Reden wir endlich darüber!

Stille Gewalt entsteht nicht von jetzt auf sofort. Sie wird ganz langsam und ganz unauffällig aufgebaut, so unauffällig, dass du selbst es zunächst nicht bemerkst, wenn es dir widerfährt. Manchmal dauert es Jahre, bis du selbst erkennst, was dir da widerfährt. Meine Geschichte ist auch keine kurze und eine verwirrende noch dazu – ich hoffe, du liest sie dennoch bis zum Schluss.

Ich glaubte, ich hatte wirklich Glück mit ihm

Es war von Anfang an etwas merkwürdig an diesem Mann, um den es hier geht. Nennen wir ihn Frank. Mein erster Kontakt mit Frank war telefonisch und ging von ihm aus, was mir seltsam vorkam, denn es hatte dazu keinen Anlass gegeben, und seine Begründung dafür erschien mir ziemlich weithergeholt (bitte habe Verständnis dafür, dass ich aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keine weiteren Details nennen kann und einige wiedererkennbare Dinge verfremden muss).

Seitdem telefonierten wir ab und zu, da wir überlegten, zusammen ein recht großes Projekt anzugehen. Mit der Zeit gewann ich einen positiveren Eindruck von ihm. Frank fragte nie nach mir, erzählte aber viel von sich, von seinen Kindern und von seiner Arbeit in einer verantwortungsvollen Führungsposition. Dass er mir gar keine Fragen stellte, wunderte mich nicht weiter – als Journalistin bin ich es gewöhnt, dass Leute selbst in meinem privaten Umfeld mir ihr komplettes Leben in epischer Breite erzählen, aber selten auch nur einmal fragen, wie es mir geht.

Als Frank und ich uns nach einigen Monaten zum ersten Mal persönlich trafen, sah er genauso aus wie auf den Fotos, die ich im Internet von ihm gesehen hatte. Er hatte sogar Aftershave aufgelegt, nahm sich Zeit für unseren Termin, war auf zurückhaltende Weise höflich und machte einen verlässlichen und umgänglichen Eindruck. Mein ursprüngliches Gefühl, dass da irgendetwas merkwürdig an ihm war, verlor sich. Wir trafen einige ganz klare Abmachungen, die den Rahmen für unser Projekt setzten. Ich war mir jetzt ziemlich sicher, dass ich wirklich Glück hatte, dieses Projekt mit ihm gemeinsam machen zu können. Es hätte viel schlimmer kommen können, dachte ich damals. Ich hätte mich nicht mehr irren können.

Ich verstand nicht, warum er sich verändert hatte

In der Folge hatten Frank und ich es sehr oft persönlich miteinander zu tun. Wir mussten diverse Projektaufgaben, für die wir beide eine pauschale Summe erhielten, unter uns aufteilen. Frank übernahm sehr bereitwillig und mit durchaus nachvollziehbaren Begründungen jene Aufgaben, die mir so gar nicht lagen. Ich war einerseits froh darüber, andererseits war es mir etwas unangenehm. Doch es sei kein Problem, sagte er, ihm sei es wirklich recht so. Ich übernahm die restlichen Aufgaben, die allerdings, wie sich bald zeigen sollte, zeitlich sehr viel aufwändiger waren als seine. Aber weil sie wesentlich angenehmer waren, beschwerte ich mich nicht.

Frank bot mir auch bei anderen Dingen seine Hilfe an, meist, weil er sich da besser auskannte und die passenden Kontakte hatte. Dadurch vermittelte er mir den Eindruck, ein ziemlich anständiger, netter Kerl zu sein. Nach einiger Zeit merkte ich, dass er sich zurückzog. Ich dachte, vielleicht sei er sauer, dass ich mich noch nicht für seine Hilfsangebote revanchiert hatte. Also machte ihm ein paarmal Vorschläge dazu, wie ich ihm danken könnte. Er sagte immer wieder: Ja, das machen wir demnächst mal. Doch dieses „demnächst“ kam nie. Ich verstand nicht, warum er sich erst so sehr um mich bemüht hatte, aber nun fast schon zwanghaft Abstand halten wollte. Nach mehreren Versuchen gab ich auf.

Nachdem Frank eine seiner ersten Aufgaben, die die Basis für meine weitere Arbeit bildete, nach zwei, drei Erinnerungen kurz vor dem Stichtag auf letzte Minute ausgeführt hatte, musste ich feststellen, dass sie aber nur zu etwa 60% erledigt war. Er schob die Schuld auf einen Dienstleister, der ihn dazu falsch beraten habe, und sagte zu, sich um die restlichen 40% sofort zu kümmern. Ich glaubte ihm, doch es passierte nichts. Ich erinnerte ihn über mehrere Wochen immer wieder daran, bis er die Aufgabe schließlich fast so wie besprochen erledigt hatte. Ich gab mich mit diesem „fast“ zufrieden, obwohl es für mich von Nachteil war. Das Projekt würde noch lange andauern – da wollte ich zu Beginn lieber vorsichtig mit Kritik sein.

Ich ahnte nicht, dass das nun Alltag werden sollte

Eine der Aufgaben mussten wir gemeinsam zu einem Stichtag erledigen. Wir verabredeten uns für einen Tag vorher, kurz vor Feierabend, weil Frank anders keine Zeit hatte. Als er schließlich mit großer Verspätung ankam, war ich bereits fast fertig mit allem, auch mit seinem Anteil – ich wollte gerne endlich Feierabend haben. Den Rest erledigten wir ganz fix zusammen. Ich wunderte mich allerdings darüber, dass Frank eine extrem schlechte Laune an den Tag legte und dass er, der bislang so höflich war, sich weder für die Verspätung entschuldigte, noch sich bedankte, dass ich seinen Teil schon miterledigt hatte. Ich verbuchte es unter: Hat wohl einen schlechten Tag gehabt, kann ja mal vorkommen. Und ahnte nicht, dass dies nun Alltag werden sollte.

Nach und nach merkte ich, dass er alle anderen Aufgaben, die er übernommen hatte und für die er extra bezahlt wurde, schleifen ließ. Eine Sache, die für mich wichtig war, hätte bis zu einem bestimmten Stichtag erledigt sein müssen. Der Tag verstrich, nichts geschah. Ich erinnerte ihn daran, und er sagte: Ja, das habe ich schon in die Wege geleitet. Doch es geschah immer noch nichts. Jemand hatte ihn mir einmal als „zerstreut“ beschrieben, also verbuchte ich dieses Versäumnis unter „Das wird bestimmt noch“. Zum nächsten Stichtag erinnerte ich ihn sehr frühzeitig daran, und wieder sagte er: Ja, das habe ich schon in die Wege geleitet. Am soundsovielten wird es gemacht. Doch es geschah nichts. Es ist bis heute nicht gemacht worden.

Und dann änderte Frank eines Tages ohne Absprache das gesamte Konzept. Von dem, was er dadurch in die Wege geleitet hatte, profitierte er in ungeheurem Ausmaß. Das Nachsehen hatte ich, da diese Änderungen meine Arbeit stark beeinträchtigten. Aber genau das hatten wir in unserer ursprünglichen Abmachung ganz klar ausgeschlossen. Ich bat ihn wiederholt, sein Konzept entsprechend unserer Abmachung anzupassen, damit ich vernünftig arbeiten konnte. Ja, sagte er genervt, ich werde über eine Lösung nachdenken und einige Änderungen veranlassen. Doch es änderte sich gar nichts. Als die Situation deshalb eskalierte und meine Arbeit tagelang wieder und wieder stark beeinträchtigt wurde, kam es zum Streit.

Ich traute meiner Wahrnehmung nicht mehr

Nach den zuletzt immer öfter mürrischen und schlecht gelaunten, ruppigen Antworten zeigte Frank sich dann noch einmal von einer neuen Seite. Er weigerte sich schlichtweg, etwas an seinem Konzept zu ändern. Für ihn lief ja alles besser als je zuvor. Unsere Abmachung? Die habe es so ja gar nicht gegeben. Das würde ich mir einbilden. Ich war schockiert. Diese Abmachung war doch überhaupt die Basis unseres Projekts. Die soll es gar nicht gegeben haben? Ich sollte sie mir eingebildet haben? Ich, die Journalistin, deren Hauptarbeitsmittel Daten und Fakten sind? Das konnte doch gar nicht sein. Aber der Zweifel war gesät.

Einige seiner Aufgaben zögerte Frank nun über Monate hinaus. Hatte er endlich einmal etwas getan, setzte er mich unter Druck, meinen Anteil nun sofort zu erledigen. Wenn das nicht ging, z. B. weil er grobe Fehler gemacht hatte und alles überarbeiten musste, wurde er sauer. Ich blieb sachlich und bestand auf der Fehlerkorrektur, ohne die ich weder weiterarbeiten konnte noch wollte. Wieder dauerte es Monate, bis er reagierte. Wieder machte er gravierende Fehler. Wieder wurde er sauer. Und dann warf er, der sich nun schon mehrfach viele Monate für seine Aufgaben Zeit ließ, ausgerechnet mir vor, alles zu verschleppen. Und genau so meldete er es auch der uns übergeordneten Stelle.

Einige Zeit später, die Situation hatte sich nicht gebessert, eskalierte der Streit erneut. Ich hatte bemerkt, dass meine Arbeit an einer merkwürdigen Stelle wieder und wieder stockte, weil eine Leistung, die zu Franks Bereich gehörte, immer wieder fehlte. Zunächst traute ich meiner Wahrnehmung nicht mehr, dachte, vielleicht bilde ich mir das nur ein, so wie ich mir die Details unserer ursprünglichen Abmachung angeblich eingebildet hatte. Doch mir kam das wie ein bisschen zu viel Einbildung vor. Deshalb suchte ich immer wieder von neuem nach dem Grund, aber konnte ihn nicht entdecken.

Konnte ich mich wirklich dermaßen irren?

Nur durch Zufall fand ich schließlich heraus, dass Frank das Ergebnis seiner ersten Aufgabe, jener, die er ursprünglich nur zu 60% erfüllt und erst auf mein Betreiben hin, wie abgesprochen, auf fast 100% aufgestockt hatte, so manipuliert hatte, dass der Stand nun wieder bei 60% war. Das hatte er weder mit mir besprochen noch mir mitgeteilt. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er 60% müssten genügen, das sei seine Aufgabe, er habe das jetzt so beschlossen, und damit müsse ich mich abfinden. Eine Absprache? Es hat nie eine Absprache über die 100% gegeben, sagte er. Wenn ich das behaupten würde, dann würde ich lügen. Was ich ihm die ganze Zeit vorwerfen würde, sei doch alles erfunden!

Unsere Absprache eine Lüge? Alles erfunden? Es kam mir wirklich mehr als seltsam vor, dass ich mich in so vielen Dingen und bezüglich so vieler Absprachen und Zusagen seinerseits dermaßen irren könnte. Dass ich mir das alles wirklich falsch gemerkt oder falsch notiert haben könnte. Es wollte mir nicht in den Kopf.

Sämtliche Vorfälle, von denen ich hier nur einige ausgewählte ganz grob geschildert habe, zogen sich bis zu diesem Zeitpunkt bereits über etwa zwei Jahre hin. Zwischendurch gab es immer mal längere Phasen, wo alles glatt und scheinbar ganz normal lief, bis es das dann wieder nicht mehr tat.

Nach diesen letzten Vorwürfen beschloss ich, ab sofort nichts mehr mündlich mit Frank abzumachen, sondern alles nur noch per E-Mail festzuhalten. Es kam mir selbst ein bisschen übertrieben vor, denn wir sahen uns zwangsläufig immer wieder, und der schriftliche Weg schien alles nur noch komplizierter und aufwändiger zu machen. Doch ich zweifelte mittlerweile so stark an meinem Gedächtnis und meinen Wahrnehmungen, dass ich dachte, der schriftliche sei der einzige Weg, um ihm und mir zu beweisen, ob ich mir wirklich etwas einbilde und ihn anlüge oder nicht. Deshalb schrieb ich ihm, dass wir solche scheinbaren Missverständnisse, wie die bisherigen, ja ganz einfach ausräumen könnten, wenn wir alles nur noch schriftlich abmachten.

Ich bekam es mit der Angst zu tun

Bei unserer nächsten persönlichen Begegnung kam er, als er mich hörte, ganz leise aus einer Tür geschlichen und stand plötzlich hinter mir. Er fragte mich in einem verletzt und weinerlich klingenden Ton: Warum willst du nicht mehr mit mir reden? Ich verwies ihn an die sehr plausible Begründung in meiner E-Mail und wollte weitergehen. Doch er folgte mir und was er dann sagte, erschreckte mich: Sag mal, kommst du dir nicht albern vor? Es waren weniger die Worte als sein Ton, der mich erstarren ließ: Er war von einer Sekunde auf die nächste von weinerlich-verletzt zu eiskalt, schneidend und bedrohend gekippt.

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Wir waren alleine, niemand befand sich in Hörweite. Von drei Wegen in die Sicherheit versperrte er mir bereits zwei. Ich versuchte, mir die Angst nicht anmerken zu lassen und ging betont normal zum dritten Ausweg, einer Tür nach draußen. Er kam jedoch hinter mir her und wütete mich weiter an. Ich wollte dann die Tür hinter mir zuziehen, um wenigstens für einen Moment eine physische Barriere zwischen uns zu haben und Vorsprung zu bekommen. Doch als ich gerade die Klinke in der Hand hatte, griff er die Tür und hielt sie eisern fest. Du machst diese Tür nicht zu!, herrschte er mich in eisigem Ton an und starrte mich aus nur noch einem Meter Entfernung wütend an. Ich musste mir blitzschnell etwas einfallen lassen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich in echten Krisensituationen nicht einfach weglaufe, sondern dem Sturm immer erst noch einmal ins Auge sehe, bevor ich (eventuell) nachgebe, selbst wenn es womöglich zu meinem Schaden ist. So machte ich es auch diesmal. Ich wollte ein für allemal sehen, wen ich da wirklich vor mir hatte, wer wirklich hinter dieser sich immer wieder verändernden Maske steckte.

Ich zitterte unkontrollierbar, das Herz schlug mir bis zum Hals

Also ging ich noch einmal zwei Schritte auf ihn zu, und fragte ihn, nur noch Zentimeter von ihm entfernt, sehr laut und provokativ: Na, wie nahe willst du mir eigentlich noch kommen? Mir fiel in diesem Moment nichts Besseres ein. Jeder normale Mann ohne böse Absichten wäre jetzt zurückgezuckt, hätte abwehrend die Hände gehoben und gesagt: Hey, sorry, so war das doch gar nicht gemeint. Oder er hätte mich angeherrscht, ich solle ihm nicht so nahekommen, ich hätte sie ja nicht mehr alle. Irgendetwas halt, irgendeine normale, menschliche Reaktion.

Doch Frank zuckte noch nicht einmal mit den Wimpern. Er starrte mich eiskalt an und blieb genau dort stehen, wo er stand, die Tür noch immer eisern im Griff. Er wusste, er war der Stärkere, und er hatte keine Scheu, mir das zu zeigen. Und ich wusste in diesem Moment instinktiv, dass er auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschrecken würde. Ich war ihm völlig egal. Er wusste, er würde siegen, er würde seinen Willen bekommen, egal wie. Nichts anderes zählte mehr.

Ich hatte Angst, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht vor einem mir persönlich bekannten Mann hatte. Ich zitterte unkontrollierbar, das Herz schlug mir bis zum Hals, ich machte auf dem Absatz kehrt und sah zu, dass ich dort wegkam, während er mir noch irgendetwas hinterher schrie. Ich brauchte einige Stunden, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte.

Ich fühlte mich völlig hilflos

Das war das letzte Mal, dass ich ihm persönlich begegnet bin. Wir hatten es danach immer noch miteinander zu tun, das war unvermeidlich, auch wenn ich es jetzt auf das absolute Minimum reduzierte. Er versuchte, trotz meiner Bitte, alles nur noch schriftlich zu besprechen, noch mehr als ein Jahr lang wieder und wieder, mit mir persönlich zu sprechen. Ich sagte ihm, wie viel Angst er mir eingejagt hatte und forderte ihn zu einer Entschuldigung für sein Verhalten auf, doch die bekam ich nie. Im Gegenteil, er tat so, als hätte ich dieses Thema nicht erwähnt, als sei nie etwas passiert. Wieder und wieder rief er mich an oder stand an meiner Tür und wollte mit mir reden. Als ich das nicht zuließ, versuchte er, mich zu erpressen. Er verleumdete mich anderen gegenüber. Und ein paarmal war ich vor lauter Angst kurz davor, die Polizei zu rufen. Ich musste meine Telefonnummer ändern und seine Nummern blockieren, damit er mich nicht mehr anrufen konnte. Und jedesmal, wenn eine E-Mail von ihm in meinem Postfach lag, fing ich wieder unkontrollierbar an zu zittern, wieder schlug mir das Herz bis zum Hals.

Ich bin ein Mensch ohne Angst. Ich fürchte mich vor fast gar nichts, nicht einmal vor den Nazis, die mich einige Zeit bedroht haben. Doch diese Angst vor Frank bekam ich nicht mehr in den Griff. Ich fühlte mich seinen Machenschaften gegenüber völlig hilflos und plante ab sofort meinen kompletten Tag so, dass ich ihm nicht mehr begegnen könnte. Waren wir im selben Gebäude, schlotterten mir wieder die Beine. Und er wurde mit der Zeit völlig unberechenbar. Früher konnte ich darauf zählen, dass er zu bestimmten Zeiten Pausen machte, pünktlich Feierabend, und dass er immer mal einige Tage lang auf Dienstreisen war. Ich wusste meistens, wann er wo war, sodass ich ihm leicht ausweichen konnte. Zu Beginn hatte er mir sogar seine Abwesenheiten zumindest sporadisch noch mitgeteilt. Doch das war jetzt alles vorbei – ich wusste nie, wann er da sein würde und wann nicht. Ich wusste nicht, ob ich wenigstens einen einzigen Tag lang mal ohne Vorsicht und Planung und Über-die-Schulter-Sehen aufatmen könnte. Ob ich abends etwas unternehmen könnte, ohne ihm über den Weg laufen zu müssen. Mein kompletter Alltag war von ihm und der Angst vor ihm und dieser Eiseskälte, die mir noch viele Monate später in den Knochen steckte, bestimmt.

Als sei mein Leben allein dadurch nicht schon eingeschränkt genug gewesen, beschäftigten mich noch immer seine Vorwürfe, dass ich mir unsere Absprachen und seine Zusagen nur einbilden, nur ausdenken und ihn anlügen würde. Denn so bin ich nicht. So war ich auch nie. Ich benutze vielleicht mal eine kleine Notlüge, wenn ich keine Lust habe, mit jemandem ins Kino zu gehen. Aber ich denke mir definitiv keine wichtigen Absprachen aus, und ich schiebe niemandem Zusagen unter, die er in Wirklichkeit gar nicht gemacht hat. Ich möchte ja auch nicht, dass das jemand mit mir macht.

Ich wurde immer unsicherer und zweifelte immer stärker an mir

Also musste vielleicht wirklich irgendetwas mit mir nicht stimmen. Ich wurde immer unsicherer. Hatten wir all das wirklich nicht abgesprochen? Hatte ich mir das tatsächlich eingebildet? Meine Unterlagen und Notizen sagten etwas anderes. Aber was, wenn ich das damals alles schon falsch verstanden oder falsch notiert hatte? Auch ich mache ab und zu einen Fehler, ich kann mich irren, ich bin ja auch nur ein Mensch. Aber, wie es schien, machte ich solche Fehler wohl sehr viel öfter als ich mir bislang hatte eingestehen wollen. Oder doch nicht? Ich wusste nicht mehr ein, noch aus. Denn der einzige, der mir hätte sagen können, was die Wahrheit war und was nicht, war Frank. Und der bestand ja darauf, dass ich log.

Meine Zweifel wuchsen ins Unermessliche. So sehr, dass ich mir ernsthafte Gedanken darüber machte, ob ich meinen Beruf überhaupt noch ausüben konnte. Eine Journalistin und Texterin, die sich Fakten falsch notiert, die sich Sachen falsch merkt, die falsche Behauptungen aufstellt? Das wäre natürlich völlig untragbar. Aber wie, um Himmels willen, hatte es so weit kommen können, ohne dass irgendjemand vorher schon etwas mitbekommen und mir vorgehalten hätte? Der Beruf, den ich so sehr liebte, den ich gegen keinen anderen der Welt eintauschen wollte, in dem ich schon Preise für meine Arbeit bekommen hatte und seit vielen Jahren treue Stammkundschaft hatte – all das begann vor meinen Augen zu zerbröckeln.

Früher hatte ich jeden Text ein-, zweimal gegengelesen, die Fakten einmal überprüft, und ihn dann rausgeschickt. Jetzt prüfte ich alles mindestens zehn-, zwanzigmal. Und schickte die Texte dann nur zögernd und mit großem Herzklopfen raus. Immer seltener konnte ich dem dringenden Bedürfnis widerstehen, sie danach doch nochmal zu checken, und nochmal und nochmal, selbst als sie längst unbeanstandet veröffentlicht worden waren. Als Selbstständige kann man sich Fehler schließlich nicht leisten – da wäre die Kundschaft sofort weg. Die Tatsache, dass ich in so gut wie allen Fällen schon beim ersten Check keine Fehler gefunden hatte, änderte überhaupt nichts daran, dass ich für jeden Text mittlerweile das Fünf- bis Zehnfache an Zeit benötigte – Zeit, die ich meiner Kundschaft natürlich nicht in Rechnung stellen konnte.

Ich sah keinen Ausweg mehr aus diesem Alptraum

Ich stand immer stärker unter Druck. Ich nahm viele Kilos zu, und die starken Kopfschmerzen, die ich schon vorher immer wieder hatte, wurden nun chronisch: An neun von zehn Tagen war mein Leben dadurch, trotz täglicher Meditationspraxis, extrem beeinträchtigt. Ich musste meine Arbeit immer stärker vernachlässigen. Und ich begann gezwungenermaßen und schweren Herzens, nach einer beruflichen Alternative zu suchen. Es musste ein Beruf sein, in dem ich wenig Verantwortung hatte, in dem ich schon mal etwas durcheinanderbringen, übersehen und vergessen konnte, ohne dass es irgendwelche Auswirkungen hatte. Aber in welchem Beruf ist das überhaupt möglich? Dafür zahlt doch niemand Geld. Ich konnte natürlich nichts Passendes finden und sah in meinen düstersten Momenten keinen Ausweg mehr aus diesem Alptraum.

Diese ganze Zeit über traute ich mich nicht, irgendjemandem davon zu erzählen. Sie hätten mich für irre gehalten, für viel zu empfindlich, für paranoid. Schon als ich während meiner Schulzeit, von der 8. Klasse bis zum Abitur, ungehindert von einer Gruppe Mitschüler_innen gemobbt worden war, hatte ich die bittere Erfahrung gemacht, dass ich bei solchen Problemen keine Hilfe erwarten konnte. Nach solchen grauenhaften Erlebnissen bittest du nicht mehr um Hilfe, du beißt die Zähne zusammen und versuchst, stillzuhalten und es irgendwie auszuhalten, bis es hoffentlich von selbst vorbeigeht. Nach außen hin tust du so, als sei alles paletti, doch in Wirklichkeit isolierst du dich von anderen, ziehst dich immer weiter zurück, denn die Verunsicherung und die Angst bestimmen jetzt dein Leben. So war es auch jetzt.

Doch dann tauchte eines Tages in meiner Facebook-Timeline ein Link zu einem interessant klingenden Artikel auf. Aus reiner Wissbegierde klickte ich ihn an. Und mir stockte der Atem. Auf einmal spürte ich, wie die eisernen Ketten, die mein Herz und meine Seele schon seit zwei Jahren immer fester umschlossen hatten, bis ich kaum noch atmen konnte, mit einem lauten Knall zerbarsten. Nicht alle Ketten, wie ich später merkte, doch die, die mich am stärksten eingeschnürt hatten, gaben plötzlich nach.

In einem Artikel über „Gaslighting“ erkannte ich alles wieder

Denn das, was ich in diesem Artikel las, war 1:1 das, was ich mit Frank erlebt hatte. So gut wie alles an dem, was die Autorin dort beschrieb, passte. Die Anwerbephase mit seiner Höflichkeit, seiner Hilfsbereitschaft. Der plötzliche Rückzug. Die ersten Versuche, mich aufs Glatteis zu führen (Der Dienstleister ist schuld/Ja, das habe ich in die Wege geleitet). Die Eskalation (Das stimmt gar nicht! Das bildest du dir ein! Du lügst!). Die eiskalten Versuche, mich unter Kontrolle zu bekommen. Die Unverfrorenheit, sich auch danach noch über meine Bitten und Wünsche hinwegzusetzen, nur um seinen Willen mit aller Macht durchzusetzen. Es passte alles.

Und es nannte sich „Gaslighting“.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie ungeheuer erleichternd es für mich war, endlich einen Namen für das, was mir da passierte, zu haben. Zu wissen, dass diese Vorgehensweise bereits wissenschaftlich erforscht wurde. Endlich zu wissen, dass ich damit gar nicht alleine war. Dass das nicht nur mir passierte. Endlich zu wissen, dass ich mir das nicht einbildete, dass ich nicht irre, zu empfindlich oder paranoid war. Dass er sich von Anfang an ganz gezielt an mich herangewanzt hatte, um mich dann systematisch zu verunsichern und unter Kontrolle zu bekommen. Und dass ich meine verzweifelte Suche nach einem neuen Beruf getrost einstellen konnte, da mein Gehirn und mein Gedächtnis ganz offensichtlich völlig intakt waren. In Dr. Robin Sterns Buch „Der Gaslight-Effekt“, das ich mir dann schleunigst kaufte, fand ich all das noch einmal bestätigt.

„Ach du Scheiße, was für ein Arschloch“

Endlich konnte ich rausgehen und mit anderen darüber sprechen. Doch ich merkte sofort: Viele glaubten mir nicht. Eine Person sagte mir sogar ganz unverfroren ins Gesicht: Das glaube ich nicht, der ist doch so nett. Du musst ihn mit irgendetwas verärgert haben, dass der so reagiert. Am besten bestehst du nicht darauf, dass du recht hast, sondern kommst ihm einfach mal mehr entgegen. Andere gaben mir ähnliche Ratschläge, rieten mir, mich da bloß nicht „hineinzusteigern“, das nicht „aufzubauschen“. Eine Person wollte nicht einmal durch das Mitwissen in diese Sache mit hineingezogen werden. Es gab nur sehr wenige, die mir glaubten. Die einfach nur das einzig Passende in dieser Situation sagten, nämlich: „Ach du Scheiße, was für ein Arschloch“, und mir dann mitfühlend zuhörten. Doch diese wenigen waren eine unglaubliche Wohltat.

Meine Angst vor diesem Mann ist nie ganz weggegangen. Sie hatte mich und meinen Alltag noch sehr lange im Griff. Sie hat mich bis ins Mark verunsichert, sie hat mein Selbstverständnis stark beeinträchtigt und meine Selbstsicherheit sowieso. Sie hat mich gesellschaftlich fast völlig isoliert, sie hat meine berufliche Selbstständigkeit zeitweise an den Rand des Ruins gebracht, und sie hat mein persönliches Wohlbefinden in einem Maß beeinträchtigt, wie ich mir das nie im Leben hätte vorstellen können. Doch eins hat sie mir nie nehmen können: meine ganz eigene Stärke, mich auch nach solchen Erlebnissen selbst aus dem Sumpf wieder herauszuziehen und das Leben trotz allem mit jeder Faser zu genießen. Immerhin das.

Gaslighting ist seelische Gewalt. Diese und andere Formen der psychischen Gewalt, des Missbrauchs von Seele und Gefühl, sind eine sehr stille Gewalt. Sie geschieht häufig in aller Öffentlichkeit, vor aller Augen, aber so subtil, dass man es kaum bemerkt. Und sie wird durch das strukturelle Stillschweigen von Politik und Medien zu diesem Thema noch befördert. Denn Frauen, die dieser Form der Gewalt ausgesetzt sind, sind meistens völlig allein damit. Es gibt zwar Beratungsstellen und Frauennotrufe – doch wo sollen die ansetzen können, wenn die Verunsicherung der Opfer schon so groß ist, dass sie gar nicht erst darüber reden können? Weil sie ja selbst irgendwann glauben, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Weil sie verunsichert sind und Angst haben. Weil sie sich abgrundtief schämen. Weil sie um keinen Preis ein „Opfer“ sein wollen – schließlich sieht man ja auch gar keine blauen Flecke, keine Wunden, keine Narben. Wer soll ihnen denn da glauben?

Wenn wir nicht darüber sprechen, wird es nie aufhören

Sie ist sehr vielfältig, diese stille Gewalt, und sie ist allgegenwärtig. Sie ist sogar so präsent, dass wir sie als etwas Normales wahrnehmen und uns nicht weiter darüber wundern. Selbst wenn uns eine Frau erzählt, wie sehr sie von ihrem Partner, Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzten drangsaliert, manipuliert, belästigt, erpresst oder bedroht wird, dann denken viele von uns im ersten Moment dank sozialer Prägung: Na ja, wenn es wirklich so schlimm wäre, würde sie ja gehen. Oder: Warum geht sie nicht einfach zur Polizei? Oder: Das bildet sie sich sicher nur wieder ein. Oder, im schlimmsten Fall: Na ja, die – die ist doch selbst schuld, so wie die sich verhält.

Erst, wenn wir selbst betroffen sind, kommen wir auf den Trichter, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt. Erst dann beginnen wir – wenn wir die Kraft noch haben –, diese stille Gewalt zu hinterfragen, sie nicht mehr als etwas Unabänderliches hinzunehmen. Denn erst dann erkennen wir, welche enormen Folgen der psychische Missbrauch haben kann – und wie entsetzlich falsch unsere früheren Einschätzungen waren.

Doch spricht so gut wie niemand über diese stille Gewalt, den wirtschaftlichen Schaden und die Belastung der Krankenkassen, geschweige denn über die Folgen, die sie für so viele Frauen hat. Alles, was mit Problemen rund um die Psyche zu tun hat, wird immer noch voller Scham verschwiegen, nicht ernst genommen, unter den Teppich gekehrt. Hier und da erscheinen mal Artikel in den Medien, wenn es eine neue Studie gibt, doch weiterführende Diskussionen oder gar Konsequenzen bleiben aus. Eins der vielen Probleme dabei ist: Wenn die Betroffenen nicht selbst darüber reden und über die gravierenden Folgen, die das Ganze hat, tut es auch sonst niemand. Dann wird es nie aufhören. Und diese Männer können unbehelligt immer so weitermachen.

Ja, ich bin ein Opfer – aber ich bleibe nicht das Opfer

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, etwas zu tun, das ich sonst nicht tue: öffentlich über meine sehr persönlichen Erfahrungen zu schreiben. Denn ich bin Opfer eines Gaslighters geworden. Ich bin Opfer von psychischer Gewalt durch einen Mann geworden. Dies anzuerkennen, war für mich ein wichtiger Schritt. Denn es brachte das, was mir da passiert war, weg von der Ebene des Zweifels, der Unsicherheit, und hin zu der Sicherheit, dass mich mein Geist, mein Gedächtnis nicht trügten.

Der nächste Schritt war: nicht das Opfer zu bleiben, diesem Mann möglichst keine Macht mehr über mich zu geben. Dieser Prozess ist ein langsamer, und für mich ist er bis heute nicht ganz abgeschlossen. Doch es wird. Und was mir sehr dabei geholfen hat, ist, darüber mit einigen Vertrauten zu sprechen, es nicht mehr für mich behalten zu müssen. Und es hilft mir, hier und jetzt darüber zu schreiben.

Es ist durchaus möglich, dass mir so etwas noch einmal passiert. Dass ich noch einmal auf einen Mann hereinfalle, der mich mit psychischer Gewalt zu kontrollieren und kleinzukriegen versucht. Als Mobbingopfer wird man diese Befürchtung nie los, und man wird auch leichter Opfer solcher Menschen. Doch wenn ich überhaupt irgendetwas aus dem Ganzen gelernt habe, dann ist es, unbedingt meiner Intuition zu vertrauen. Denn die hatte mir ja schon zu Beginn gesagt, dass da irgendetwas merkwürdig war an diesem Mann. Seit ich auf meine Intuition hörte, konnte ich tatsächlich voraussagen, wann ich Frank wahrscheinlich begegnen würde, auch ohne seine Pläne zu kennen. Ich hatte es einfach im Gefühl. Und dann handelte ich entsprechend vorausschauend. Ich war ihm nicht mehr ausgeliefert. Das hat mir bei aller Einschränkung einen großen Teil meiner Freiheit wieder zurückgegeben.

Vertrau auch du dir selbst und sprich darüber!

Wenn du nun das, was dir passiert (ist), in meinen Schilderungen wiedererkennst, wenn du von psychischem Missbrauch jedweder Art, von der stillen Gewalt durch einen Mann betroffen bist, dann habe bitte den Mut, zuallererst dir selbst zu vertrauen. Wirklich auf deine Intuition zu hören, wenn sie dich warnt. Lass dich nicht von Aussehen, Berufsstand, Höflichkeit, und anderen Äußerlichkeiten oder von vergangenen guten Zeiten, deinen eigenen Hoffnungen und deiner Gutgläubigkeit davon ablenken, dass dein Gefühl dir sagt: Mit diesem Mann stimmt etwas nicht. An seinem Verhalten ist irgendetwas nicht in Ordnung. – Je schwerer du das greifen kannst, was da passiert, desto leichter kann der Mann dich nämlich verunsichern – und dann hilft dir nur noch deine Intuition.

Sprich bitte über das, was du erlebst. Vertraue dich Menschen an, die dir zugetan sind. Suche dir Unterstützung beim Frauennotruf oder bei einer Frauenberatungsstelle (bei dem Verein „Frauen gegen Gewalt“ findest du eine Beratungsstelle in deiner Nähe). Mache das nicht alleine mit dir selbst aus. Zögere nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn je länger du zögerst, desto länger ist dein Martyrium, desto größeren Schaden kann dieser Mann anrichten, und desto länger wird es dauern, bis du wieder ein ganz normales Leben führen kannst. Ich wünsche dir viel Kraft!


Mehr über Gaslighting kannst du hier nachlesen: „Gaslighting: Wenn der nette Kerl von nebenan zum Psychopathen wird“.

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Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du ein Sachbuch schreiben? Hier findest du zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.
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