Sexismus im Sport? Nachgezählt: Fahnenträger_innen bei Olympia

Sport sei diskriminierungsfrei, heißt es immer. Die Olympischen Spiele? Über jeden Verdacht erhaben! Schließlich geht es da einzig um weltumspannende Freundschaft und Sport. Doch so einfach ist das natürlich nicht, denn Sexismus blüht auch dort. thea hat anlässlich der Winterspiele in Pjöngjang mal nachgezählt: Wie steht es z. B. um die deutschen Fahnenträger_innen bei Olympia?

Sexismus im Sport? Nachgezählt: Fahnenträger_innen bei Olympia (Foto: Skeeze/Pixabay.com; Grafik: Birte Vogel)

In Deutschland bestimmt der Deutsche Olympische Sportbund DOSB, wer als Fahnenträger_in für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele nominiert wird. Allein nominiert zu werden, ist eine besondere Auszeichnung, die die betreffenden Sportler_innen immer wieder als große Ehre bezeichnen.

Für diese Auswahl hat der DOSB laut seiner Website u. a. folgende Kriterien:

  • „Erfolg: bisherige internationale, insbesondere olympische Erfolge
  • Vorbildfunktion: populäre Athletinnen und Athleten, die nicht nur mit ihren Erfolgen, sondern auch mit ihrer Persönlichkeit und Haltung einen fairen und manipulationsfreien Leistungssport verkörpern
  • Vielfalt des Sports: Auswahl von fünf Athletinnen und Athleten aus fünf verschiedenen Sportarten und Disziplinen
  • Gleichberechtigung: Auswahl von fünf Kandidatinnen und Kandidaten im ausgewogenen Verhältnis, mindestens zwei pro Geschlecht“

Das Präsidium (drei Frauen, sieben Männer) und der Vorstand des DOSB (zwei Frauen, drei Männer) haben sich diesen Regeln gemäß 2018 für fünf Kandidat_innen entschieden: für drei Frauen und zwei Männer.

Drei Frauen, zwei Männer standen zur Wahl; gewählt wurde … ein Mann

Anschließend durften die olympischen Athlet_innen und die Öffentlichkeit abstimmen, deren Stimmen jeweils zu 50% gewertet wurden. Das Ergebnis für 2018 war: der Kombinierer Eric Frenzel sollte die deutsche Fahne ins Stadion tragen.

Na, dann ist da ja nichts anzukreiden, wenn Athlet_innen und Öffentlichkeit zwischen immerhin drei Frauen und zwei Männern entscheiden durften, oder?

Das wäre so, wenn denn Athlet_innen und Öffentlichkeit nicht genauso sexistisch aufgewachsen und indoktriniert worden wären und werden wie irgendwelche Komitees oder Jurys. Insofern kann sich in unserer heutigen Gesellschaft nie jemand damit herausreden, dass nur Frauen, vornehmlich Frauen oder auch ganz unabhängige gemischte Gruppen sich aus einer Reihe von Frauen und Männern dann doch wieder einen Mann wählen. Denn Gleichberechtigung, wie sie im Gesetz vorgeschrieben ist, kann niemals gelebte Realität werden, solange eine Gesellschaft noch bis in ihre letzten Zellen strukturell sexistisch ist wie unsere.

Und, nebenbei, auch dann nicht, wenn ein angeblich diskriminierungsfreier Olympischer Sportbund die Wahl schon mit

„Deutschland wählt den Fahnenträger“

überschreibt.

Früher war doch alles viel schlimmer. Oder?

Und wie sah das in der Vergangenheit aus? Wie sehr haben sich da der DOSB und die vorherige Organisation, das Nationale Olympische Komitee (NOK), um Gleichberechtigung bemüht? thea hat nachgezählt:

Seit 1908 haben Athlet_innen wie folgt die deutsche Flagge ins Olympische Stadion getragen:

46 Männer,

9 Frauen.

Das sind 84% Männer, 16% Frauen.

Wer nun sagt: Na ja, aber in den ersten Jahrzehnten haben doch bestimmt nicht so viele Frauen mitgemacht, da waren die Verhältnisse ja noch ganz andere blablabla … darf sich gerne die Zahlen ab 1992 anschauen, also aus einer Zeit, die angeblich schon längst von Gleichberechtigung geprägt war:

10 Männer,

5 Frauen.

Das sind 67% Männer, 33% Frauen.

Und wer jetzt denkt: Na ja, aber sie haben doch immerhin aufgeholt, ist doch ein toller Sprung von 16% auf 33% … sollte sich kurz noch einmal klarmachen, in welchem Jahr wir leben.

Es ist 2018. Das Gesetz zur Gleichberechtigung wurde vor 60 Jahren erlassen. Zwei Generationen später existiert diese Gleichberechtigung also immer noch nur auf dem Papier, auch bei den Olympischen Spielen.

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du wissen, wie man ein Sachbuch schreibt? Hier gibt's zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.

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