Nachgezählt: Wie werden Drehbuchautorinnen gewürdigt?

Soeben wurde der Deutsche Drehbuchpreis verliehen, nach Aussage von Kulturstaatsministerin Monika Grütters die „wichtigste und höchstdotierte nationale Auszeichnung für Drehbuchautoren“. Grund genug, einmal nachzuzählen, wer diesen mit derzeit 10.000 Euro dotierten Preis seit 1988 erhalten hat.

thea – Nachgezählt: Wie werden Drehbuchautorinnen gewürdigt? (Foto: Jake Hills/Unsplash)

Drehbuchautor_in zu sein, ist kein leichtes Brot. Im Vorspann werden sie selten genannt, nur im Abspann (das ist das, was du nicht mehr mitbekommst, weil du da bereits das Kino verlässt). Es gibt kaum Förderung, und die Film- und Fernsehproduktionen zahlen oft so schlecht, dass zahlreiche Autor_innen davon nicht leben können. Die Firmen lassen sich noch dazu alle Nutzungsrechte vertraglich zusichern, jedoch ohne für all diese Nutzungen angemessen oder überhaupt etwas zahlen zu wollen.

Und am Ende panschen einige in den über viele Monate sorgsam und mit viel Bedacht erstellten Manuskripten so dilettantisch herum, dass die Autor_innen manchmal vielleicht ganz froh sind, wenn ihr Name gar nicht druntersteht. In Filmkritiken und anderen Artikeln zu Filmen werden Autor_innen auch nur selten genannt. Vor kurzem brachte es Spiegel Online sogar fertig, einen ganzen Artikel über Drehbuchpreise zu schreiben, ohne auch nur eine_n einzige_n Autor_in darin zu nennen.

Nach meinem Hinweis wies noch jemand anderes (ein Mann) Spiegel Online auf diese lückenhafte Berichterstattung hin, und prompt fügte die Redaktion dem Artikel tatsächlich einen (in Worten: einen) Namen hinzu.

Zurück zum Deutschen Drehbuchpreis. Die Kulturstaatsministerin, ohnehin schon nicht für ihren Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kultur bekannt, sagte zur Preisvergabe 2018 noch dies:

„Sie sind es, die mit eben dieser Fantasie die DNA eines jeden Films erschaffen und neue Welten eröffnen. Damit ihre inspirierenden und bewegenden Geschichten auch auf die große Kinoleinwand gelangen, fördern und würdigen wir die mutigen, kreativen Autoren …“

„Autoren“ sagt sie, und du ahnst, was jetzt kommt. Denn wen hat die Bundesregierung in den letzten 30 Jahren gewürdigt? Ich habe mal nachgezählt:

33 Männer,

10 Frauen.

Oder anders gesagt:

77% Männer,

23% Frauen.

Die Anzahl der Frauen unter den 2018 nominierten Autor_innen?

Null.

So weit sind wir in Deutschland 60 Jahre nach Erlass des Gesetzes zur Gleichberechtigung gekommen.

Warum ist eine Juryentscheidung selten eine Entscheidung über das Können und die Qualität?

Ich bekomme immer wieder Kommentare, die mich auf jede nur denkbare Art darauf hinweisen sollen, dass so eine Preisvergabe ausschließlich mit dem Können und der Qualität zu tun habe und nicht mit dem Geschlecht. Und vielleicht zögerst auch du noch, meiner Kritik zuzustimmen, weil du noch nicht ganz überzeugt bist. Zumal die Jury des diesjährigen Drehbuchpreises paritätisch besetzt war: mit drei Frauen und drei Männern.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass unsere Gesellschaft Frauen in jedem einzelnen Lebensbereich benachteiligt (mehr dazu kannst du z. B. in dem Artikel „Frauentag abschaffen! Keine Förderung mehr für Mädchen!“ lesen und unter den Hashtags #Ichgebab und #50Prozent auf Twitter).

Frauen sind längst nicht nur in Führungspositionen unterrepräsentiert. Sie kommen auch in den Medien kaum bis gar nicht oder nur klischeehaft vor. Schau dir nur einmal an, wie extrem wenige Frauen bspw. in Talkshows oder Nachrichten als Expertinnen befragt werden.

Egal, wo du hinschaust: Frauen werden benachteiligt

Schau außerdem mal auf Bestsellerlisten, auf andere Preisvergaben, wie extrem wenige Frauen da in der Regel vorkommen. Oder hör mal Sportkommentator_innen genau zu, mit welchen oft stereotypen und frauenfeindlichen Inhalten und Worten sie über Frauen und ihre Leistungen sprechen. Und schau mal in deine Lokalzeitung, wie häufig und wie dort im Sportteil über Frauen berichtet wird.

Sprachlich kommen Frauen genauso schlecht weg. In fast allen Medien wird das generische Maskulinum genutzt, das Frauen von Grund auf ausschließt. Dies wurde längst nachgewiesen, doch ist das den meisten Medien völlig egal – im Gegenteil, sie behaupten auf Nachfrage fast ausnahmslos stolz, dass sie sehr wohl genau auf die sprachliche Gleichberechtigung der Frauen achten. Obwohl man gar nicht lange suchen muss, um zu sehen, dass das Unsinn ist.

Es ist also ganz egal, wo du hinschaust: Frauen kommen kaum vor und werden in fast allen Bereichen gegenüber Männern benachteiligt. Wie soll man dann von einer Jury, egal wie ihre Geschlechterverteilung sein mag, verlangen können, dass sie wirklich nur nach Können auswählt, wenn ihre Mitglieder doch zeitlebens gelernt haben, dass Männer vermeintlich alles besser machen?

So können Juryentscheidungen gar nicht nichts mit dem Geschlecht zu tun haben

In der Regel sind Jurymitglieder aber nicht mit den Details der vielfältigen und strukturellen Diskriminierung der Frauen vertraut, auch nicht in ihrem eigenen Fachbereich. Die meisten sind sich gar nicht bewusst, dass sie Preise eben gar nicht nur nach tatsächlichem Können vergeben.

Sie ahnen oft nicht einmal, dass sie den Mann bevorzugen, weil er ein Mann ist. Und Frauen benachteiligen, weil sie Frauen sind, und weil auch sie gelernt haben, dass Frauen vermeintlich nichts so gut können wie Männer.

Wenn du daran zweifelst, schau dir mal die Reaktionen der Fernsehsender auf die MaLisa-Studie zur Darstellung der Geschlechter in Film und Fernsehen an: sie scheinen von Überraschung und Ahnungslosigkeit geprägt (z. B. hier und hier), nachdem sie erfahren, dass Frauen in so gut wie allen Formaten extrem benachteiligt dargestellt werden.

Gewinnt also ausnahmsweise doch einmal eine Frau, müsste man deshalb wohl in vielen Fällen davon ausgehen, dass die Arbeiten der nominierten Männer mit einem so großen Abstand schlechter waren, dass der Jury gar nichts anderes übrig blieb, als sich für die Frau zu entscheiden, um sich nicht zu blamieren.

Oder vielleicht haben auch aktuelle Debatten zur Gleichberechtigung der Frauen dazu geführt, dass der Jury unmissverständlich klar (gemacht) wurde, dass sie „jetzt auch mal“ eine Frau wählen müssten. Du kannst aber genauso davon ausgehen, dass im nächsten Jahr, wenn die Diskussionen längst verstummt sind, alles wieder beim Alten sein wird.

Mit Qualität und Können hat das alles so gut wie nichts zu tun. Es ist fast immer eine Frage des Geschlechts. Ein Grund mehr, die Debatten über die Gleichberechtigung nicht verstummen zu lassen.

 

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du wissen, wie man ein Sachbuch schreibt? Hier gibt's zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.
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