#MeToo – Warum haben die Frauen so lange geschwiegen?

Die #MeToo-Debatte ist in Deutschland verebbt, bevor sie wirklich begonnen hatte. Und den wenigen Frauen, die jetzt nach vielen Jahren öffentlich über ihre Erlebnisse sprechen, wird auch noch vorgeworfen, sie würden dies nur aus unlauteren Motiven, aus vermeintlicher Geltungssucht oder Rache tun. Aber warum haben all die Frauen tatsächlich so lange geschwiegen?

#MeToo – Warum haben die Frauen so lange geschwiegen? (Foto: Gabriel Benois/Unsplash; Grafik: Birte Vogel)

Es gibt für dieses Schweigen neben sehr individuellen vier Hauptgründe:

1. Sexuelle Belästigung ist peinlich – für das Opfer

Du hast richtig gelesen. Sexuelle Belästigung ist nicht dem Täter peinlich, ganz im Gegenteil. Oft brüstet er sich damit und wird von seinem Umfeld auch noch durch Applaus, Lachen und Schulterklopfen belohnt.

Sexuelle Belästigung ist aber dem Opfer peinlich. Es ist nicht bei jedem Mädchen und jeder Frau so, aber bei sehr, sehr vielen. Das kann auch wieder verschiedene Gründe haben, aber vieles ist auf zwei Dinge zurückzuführen: Religion und Erziehung.

Zum einen sind die meisten Frauen in diesem Land mit einem Religionsunterricht und einer Erziehung aufgewachsen, die es schon kleinen Mädchen eingetrichtert haben, „sittsam“ zu sein. Vielleicht hattest du ja auch – wie schon deine Mutter und Großmutter – diesen Spruch im Poesiealbum:

„Sei wie das Veilchen im Moose,
bescheiden, sittsam und rein
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein.“

„Sittsam“ bedeutet laut Duden: „Sitte und Anstand wahrend; gesittet; wohlerzogen und bescheiden; schamhaft zurückhaltend; keusch; züchtig“. Jungen wurden von dieser Verhaltensregel weitgehend verschont.

Werden Mädchen und Frauen, denen ein solches Verhalten von Kindesbeinen an als vermeintliches „Ideal“ vorgegaukelt wurde, dann von Jungen und Männern sexuell belästigt, dann fühlen sich diese Mädchen und Frauen beschmutzt. Und das Ganze ist ihnen sehr peinlich.

Denn sie haben ja jahrelang gelernt: Du bist selbst daran schuld, wenn so etwas passiert. Du hast dich nicht sittsam genug verhalten und gekleidet. Dann darfst (sic) du dich nicht wundern, wenn sie dich als Freiwild betrachten.

Viele von uns haben sich schon von Kindesbeinen an gegen diesen Unsinn gewehrt. Und doch ist es für viele unmöglich, sich davon vollständig zu befreien. So dass dann doch immer wieder eine hartnäckige Stimme im Hinterkopf sagt: Du bist trotzdem irgendwie selbst daran schuld!

Zumal die Folgen dieser puritanischen Erziehung ja noch immer unerträgliche Blüten treiben. Bis heute wird Mädchen (nicht Jungen!) in vielen Schulen verboten, sich so zu kleiden wie sie es wollen. Bis heute wird Vergewaltigungsopfern immer wieder vorgeworfen, sie hätten sich doch (angeblich) durch ihr Verhalten und ihre Kleiderwahl geradezu für eine Vergewaltigung angeboten.

Frauenfeindliche Mythen wie diese halten sich erfahrungsgemäß länger als alle anderen. Und tragen dazu bei, dass Mädchen und Frauen beschämt schweigen, nachdem sie sexuell belästigt wurden.

2. Sexuelle Belästigung sagt: Ich habe Macht über dich!

Ob es der Mann auf dem engen, von Büschen umgebenen Weg zur Schule ist, der der Erstklässlerin ungefragt seinen Penis ins Gesicht hält. Ob es die Bauarbeiter sind, die der Jugendlichen erst ungefragt hinterher pfeifen und sie dann genauso ungefragt beschimpfen, wenn sie sich wehrt. Ob es der Mann der Freundin der eigenen Mutter ist, der die Tochter bei der Familienfeier ungefragt fest an sich zieht, ihr aufs Dekolleté glotzt und ihr brünstig ins Ohr hechelt, sie sei so eine tolle Frau. Ob es der Vermieter ist, der nie mit der Frau redet, sondern immer nur mit ihren Brüsten, egal, ob sie ein enges Shirt mit tiefem Ausschnitt trägt oder einen Schlabberpullover. Ob es der Sportlehrer ist, der ihr einen Klaps auf den Hintern gibt, bevor er sie aufs Spielfeld schickt. Ob es der fremde Mann ist, der der Frau in einer dunklen, menschenleeren Straße ungefragt immer näher rückt. Ob es die fremden Männer sind, die eine junge Frau zu später Uhrzeit alleine in ein Auto steigen und davonfahren sehen, sie johlend und mit eindeutigen Gesten in ihrem Auto verfolgen und versuchen, von der Straße zu drängen. Ob es der Kollege ist, der ungefragt ständig sexuelle Anspielungen macht. Ob es der Betriebsrat ist, der der Angestellten ständig ungefragt auf die Brüste glotzt.*

Es ist egal, wer der Täter ist und um welche Form der sexuellen Belästigung es geht. Immer sagt sie dem Mädchen, der Jugendlichen, der Frau: Du bist machtlos, aber ich habe Macht über dich! Denn die Belästigung ist wie ein Angriff aus dem Hinterhalt. Wir erwarten ihn nicht, denn selbstverständlich gehen wir im 21. Jahrhundert davon aus, auf Augenhöhe und mit Respekt behandelt zu werden. Wir können uns kaum dagegen wappnen, geschweige denn dagegen wehren.

Bei sexueller Belästigung ist nämlich in fast allen Fällen während der Tat und noch lange danach der Täter der Stärkere. Denn was können wir Frauen schon gegen ihn ausrichten? Uns wird nicht geglaubt, und unsere Beschwerde wird mit den üblichen frauenfeindlichen Begriffen wie „hysterisch“ und „Übertreibung“ abgetan (s. auch Punkt 4).

Und wenn wir sexuelle Belästigung melden und erwarten, dass selbstverständlich etwas dagegen unternommen wird, müssen wir allzu häufig erkennen, dass mitnichten wir als das Opfer gesehen werden, sondern der Täter. Und wir, die sein Opfer wurden, als Täterin. Viele Frauen werden deshalb als „Petze“ und „Kollegenschwein“ ausgegrenzt und gemobbt. Und immer wieder berichten Frauen, dass sie deshalb sogar ihren Job verloren haben.

Aber selbst wenn man nur Ärger mit der eigenen Mutter bekäme oder sich von den Männern beschimpfen lassen müsste, dass man angeblich „hässlich“, „verklemmt“ oder gar „frigide“ sei, weil man sich gegen diese unerwünschten Vorgänge wehrt – selbst dann haben am Ende meistens die Täter die Oberhand. Denn Folgen bekommen sie fast nie zu spüren. Im Gegenteil: sie werden oft noch dafür gefeiert.

Erst jetzt, wo zahlreiche prominente Frauen und Millionen nicht-prominente Frauen in den USA die Stimme erheben, erst jetzt, wo sie gemeinsam und solidarisch handeln, passiert etwas. Jetzt bekommen Täter endlich das, was ihnen zusteht: SIE verlieren den Job, SIE kommen vor Gericht, SIE werden beschämt – auch wenn viele Medien und Leser_innen ihr Bestes tun, um wieder die Opfer zu beschämen.

Dass das in Deutschland nicht geschieht, hat längst nicht nur mit einer urplötzlich entflammten Liebe für die Unschuldsvermutung zu tun. Und es liegt längst nicht nur daran, dass in Deutschland im Vergleich mit den USA die Rechte der Frauen weniger antastbar zu sein scheinen. Oder gar daran, dass wir Frauen hier in Deutschland so erheblich viel gleichberechtigter wären als die Amerikanerinnen.

Es hat auch damit zu tun, dass in den letzten Monaten zahlreiche prominente Frauen die #MeToo-Debatte öffentlich herabgewürdigt haben. Dass sie in aller Öffentlichkeit befanden, sexuelle Belästigung sei Flirten und deshalb per se nicht weiter schlimm.

Häufig waren es Frauen, die sich sehr gerne auf die Brüste glotzen lassen, da sie daraus ihre Bestätigung, ihren Wert ziehen. Oder weil ihre Faltenfreiheit, ihre schlanke Taille und ihre Brüste (oder die Erinnerung an deren Jugendlichkeit) ihr Markenzeichen und ihre Jobgarantie sind. Weil sie womöglich auch annehmen, ihr Marktwert würde ins Bodenlose sinken, wenn sie nun dafür wären, Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Und weil sich anscheinend sicher sind, dass sie selbst ungeschoren davonkommen werden, wenn sie die Opfer zu Täterinnen machen, weil sie ja auf der richtigen Seite (= der Seite der Männer) standen.

Denn sie wissen natürlich genau, wer die Macht hat. Von denen leben sie ja seit Jahren und Jahrzehnten sehr gut.

Ich frage mich übrigens, warum heterosexuelle Männer nicht schon längst dagegen aufbegehren, dass sie so häufig in einen Topf geworfen werden mit diesen lüsternen, dauergeilen, ausschließlich vom Sexualtrieb gesteuerten, denkbefreiten Pimmelschwenkern und Busenglotzern. Warum wehren sie sich nicht gegen dieses Bild, das ihre Geschlechtsgenossen für das gesamte Geschlecht definieren?

Die einzig plausible Antwort ist: weil es die meisten gar nicht so sehr stört. Denn ihnen als Gesamtheit wird damit von Kindesbeinen an eine Machtposition zugeschrieben, von der sie ganz selbstverständlich glauben, dass sie ihnen zustünde. Zumal die, die hetero sind, insgeheim doch alle gerne mal auf ein schönes Paar Brüste gucken, höhö, und hoffen, ein bisschen daran herumfummeln zu können. Was soll schon dabei sein?

Wie, bitte, soll sich eine Frau, der die Pflicht zur Scham von Kindesbeinen an ins Hirn gestanzt wurde, nun gegen diese Übermacht wehren? Wie soll sie den Mut aufbringen, sich bspw. gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu wehren, wenn am Ende sie den Job verliert, nicht der Täter?

3. Frauen schwiegen, weil sie abhängig waren

Viele Frauen haben auch geschwiegen, weil sie sich in einer abhängigen Position befanden. So ein Arbeitgeber kann sich bspw. bis heute sicher sein, ungeschoren davonzukommen, wenn die Angestellte auf ihren Arbeitsplatz angewiesen ist. Die Schauspielerinnen in den USA, die die #MeToo-Debatte überhaupt erst in Gang gebracht haben, mussten auch alle wählen: Stelle ich mich gegen diesen mächtigen Widerling, der nicht anders ist als viele andere, und verbaue mir damit möglicherweise meine Karriere für immer?

In allen Branchen, in denen weniger das Talent und das Aussehen zählen als die richtigen Beziehungen zu den richtigen Leuten, möchte man es sich natürlich mit diesen vermeintlich richtigen Leuten nicht verscherzen. Man muss abwägen, was in diesem Moment schwerer zu ertragen wäre: der Jobverlust und daraus resultierende Existenzprobleme oder die Scham und Hilflosigkeit angesichts der sexuellen Belästigung. In einer Zeit, in der oftmals wahllos geheuert und gefeuert wird, und in der es immer schwieriger ist, das eigene Auskommen mit einem einzigen Job zu finanzieren, überlegt man es sich zweimal, ob man einen potenziell für die Karriere und finanzielle Absicherung wichtigen Mann wegen sexueller Belästigung anzeigt.

Wer sich jetzt aufs hohe Ross setzt und sagt: Dann sind diese Frauen aber nun echt selbst schuld!, hat es offensichtlich noch nicht erlebt, wie es ist, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren und dabei den eigenen Ruf und die gesamte Existenz aufs Spiel setzen zu müssen. Oder aufgrund dessen extreme Einbußen in der Karriere und den Finanzen hinnehmen zu müssen, weil ein Fortkommen oder ein Weitermachen auf demselben Level wie vorher durch den einflussreichen Täter verhindert wird.

Dann macht sie halt was anderes, gibt doch genug Jobs heute!, denken manche nun. Dieses Denken geht aber davon aus, dass sexuelle Belästigung nur privilegierten Frauen passiert. Was aber, wenn du Fabriktoiletten putzt, wenn du in einer Kleinstadt bei dem einzigen Friseur weit und breit arbeitest, wenn du auf dem Dorf im einzigen Lokal im Umkreis von 100 km kellnerst – wo willst du denn dann noch einen Job finden, wenn du wegen der Kinder nicht wegziehen kannst oder Hartz IV beantragen musst, weil es einfach keine Alternativen gibt?

Es kommt noch etwas hinzu, das viele Frauen davon abhält, zu reden:

4. Das Wort der Frauen hat kein Gewicht

Ein gewichtiger Faktor, der sich auch in allen anderen Lebensbereichen niederschlägt, ist, dass das Wort der Frauen in Deutschland kein Gewicht hat. Du kennst das vielleicht aus Besprechungen, bei denen eine Frau etwas sagt, und nichts passiert. Dann wiederholt ein Mann genau das, was sie gesagt hat, und wird dafür gelobt und gefeiert.

Oder eine Fachfrau nimmt öffentlich zu einem Thema Stellung und wird in dümmster Mansplaining-Manier von Männern, die nicht vom Fach sind, belehrt, wie falsch das ist, was sie sagt. Ist es eine Fachfrau in Sachen Diskriminierung von Frauen und Feminismus, muss sie sogar mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen rechnen, wenn sie sich nicht darum schert, dass ihr niemand glaubt, und schon allein deshalb endlich den Mund hält.

Meldet nun eine Frau sexuelle Belästigung, wird ihr oft gar nicht erst geglaubt, auch von Frauen nicht. Oder sie wird, wie ich in Punkt 2 schon schrieb, als vermeintlich „hysterisch“ belächelt, ihre Beschwerde wird als vermeintliche „Übertreibung“ oder gar „Lüge“ dargestellt, und es werden Gerüchte in die Welt gesetzt, die sie diskreditieren sollen („Petze“, „Kollegenschwein“ und Schlimmeres).

Und am Ende ist es immer ihr Wort gegen seins. Rate mal, wem dann eher geglaubt wird, wenn sie sexuelle Belästigung durch ihn meldet.

5. Sexuelle Belästigung ist alltäglich

Nicht zuletzt ist sexuelle Belästigung alltäglich. Sie ist ständig präsent, im Privatleben, bei der Arbeit, bei öffentlichen Terminen, in der Familie, in der Freizeit, im Kreis der Freund_innen. Wir können ihr nie entkommen, sie geschieht in jeder Minute, jeder Sekunde, wenn nicht uns persönlich, dann Millionen anderen Frauen und Mädchen.

Etwas, das aber ständig präsent ist, gegen das nicht das ganze Land entschieden und gemeinsam aufbegehrt, wird als normal empfunden. Normalität wiederum wird als etwas Positives empfunden.

Und so kommt es, dass viele Frauen es als etwas Positives empfinden, wenn Männer nur mit ihren Brüsten reden, nicht mit ihnen. Denn es ist normal. Und sie haben sich im Lauf der Jahre eingeredet, dass sie dadurch einen höheren Wert bekommen. (Dass dieser Wert in den Augen des Mannes aber über ihre Brüste und deren Funktion für ihn gar nicht hinausgehen, dass sie selbst als Mensch gar nicht zählen, ist diesen Frauen häufig gar nicht klar.)

Etwas, das alltäglich ist, wird aber nur äußerst selten bekämpft. Denn es scheint ja gut und bewährt zu sein, oder zumindest gute Gründe zu haben. Sonst wäre es doch nicht alltäglich und normal, richtig? Die Abwehr dagegen, Alltägliches anzugreifen, ist in allen Ländern groß. Das erleben Feministinnen weltweit, die vom Ablehnung über Häme bis zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen alles zu hören bekommen, sogar direkte körperliche Gewalt erleben müssen, wenn sie sich öffentlich für eine Änderung des Status quo einsetzen.

Wir erleben diesen grundsätzlichen Widerstand gegen Veränderungen altbekannter, alltäglicher Dinge aber auch in Deutschland. Erinnerst du dich noch, wie entrüstet viele waren, als die „Tagesschau“ nach 56 Jahren eine neue Titelmelodie bekam? Und wie ist es bei dir selbst? Kaum hast du dich an deinen Browser gewöhnt, kommt ein neues Update, und alles sieht total scheußlich aus, und nichts ist mehr dort, wo es mal war (Wääääh, ich will meine alte Version wiederhaben!). Kennst du auch, oder?

Dinge, an die wir uns gewöhnt haben, weil sie alltäglich sind, wollen wir nicht so gerne ändern. Denn Änderung bedeutet immer Aufwand und Unsicherheit. Die sind zwar erfahrungsgemäß vorübergehend. Aber die Furcht, dass das Leben dauerhaft aufwändiger und unsicherer wird, ist trotzdem immer da.

Zumal sich gegen etwas Alltägliches zu wehren immer auch bedeuten kann, Mauern ins Wanken zu bringen. Und davor haben viele ganz grundsätzlich Angst.

Doch das Beispiel #MeToo und #Timesup in den USA zeigt, wie das uralte, fest gemauerte Gebäude der männlichen Dominanz und Macht Risse bekommt, wie etwas in Bewegung kommt, wenn nur genügend Frauen den Mut fassen, sich zu wehren. Und das in einem Land, das einen Mann zum Präsidenten gemacht hat, der öffentlich mit seiner sexuellen Belästigung von Frauen geprahlt hat. Und der so viel Angst vor Frauen und Veränderungen hat, dass er jene, die sexuelle Belästigung anprangern, verhöhnt, demütigt und auf diese Weise versucht, sie wieder zum Schweigen zu bringen.

Nun frag dich einmal, ob du in einem Land, das sich über die Änderung der Tagesschau-Melodie und des Browsers aufregt, das Bollwerk männliche Macht angreifen möchtest? Zumal die Solidarität unter Frauen häufig sehr gering bis gar nicht vorhanden ist und du ganz sicher nicht damit rechnen kannst, wenigstens von ihnen unterstützt zu werden, bloß weil du auch für ihre Rechte und ihre Freiheit kämpfst. Im Zweifel hängst du dich also mutterseelenalleine aus dem Fenster und musst damit rechnen, dass sich alle auch im größten Shitstorm ducken werden. Ich weiß das, denn ich erlebe es selbst und in meinem Umfeld wieder und wieder.

Würdest du da also alleine öffentlich etwas anprangern? Würdest du dich alleine öffentlich verletzlich machen, über ein derart schambehaftetes Thema sprechen? Auf die Gefahr hin, dass dir nicht nur nicht geglaubt wird, sondern du auch bedroht wirst und dir vorgeworfen wird, die hübsche Vorstadtidylle zum Implodieren gebracht zu haben?

Würdest du dich alleine gegen deinen Arbeitgeber wehren? Gegen deinen Kollegen? Gegen deinen Vermieter? Gegen den Mann der Freundin deiner Mutter?

Oder würdest du aus Scham, aus Sorge um deinen Arbeitsplatz, um die Zuneigung deiner Freund_innen, und aus Angst vor einem Shitstorm oder gar Gewaltandrohungen lieber erst einmal den Mund halten, denn andere sagen ja auch nichts? Und womöglich an dir selbst zu zweifeln beginnen, warum du die sexuelle Belästigung als so demütigend, peinlich und schlimm empfindest, wenn alle anderen doch prima damit klarzukommen scheinen? Und hättest du dich mit 12 gewehrt, mit 20, mit 30? Oder denkst du vielleicht erst mit 60, dass du es hättest sagen müssen?

Und was ist mit den weniger privilegierten Mädchen und Frauen, die nicht deinen Bildungsgrad haben, die nicht eine so gute Erziehung genossen haben wie du, die nie dieselben Chancen hatten wie du, und schon gar nicht wie Männer? Den Mädchen und Frauen, die lebenslang in Abhängigkeiten gefangen sind, in Jobs, von denen sie ihre Kinder nicht ernähren können? Was ist mit denen? Woher sollen die den Mut nehmen, ihren Lebensunterhalt aufs Spiel zu setzen?

Was kannst du heute tun?

Hast du jemals sexuelle Belästigung erlebt, musst du selbstverständlich nicht, und schon gar nicht öffentlich, darüber sprechen. Aber du kannst die Frauen unterstützen, die es bereits tun. Z. B. so:

  • Like ihre Tweets und Postings, teile sie, kommentiere bei ihnen und sprich ihnen Mut zu.
  • Schreibe eine unterstützende Mail (oder eine Karte) an jene, die sich äußern und gegen sexuelle Belästigung kämpfen. Zeige ihnen, dass sie nicht alleine sind. Du ahnst gar nicht, wie gut das tun kann.
  • Spende Organisationen und Blogs Geld, die aufklären und sich für ein Ende der sexuellen Belästigung von Frauen und Mädchen engagieren. Denn sie haben nicht die Möglichkeit, mit kleinen, süßen Welpen mit großen Kulleraugen Millionen für ihr Thema zu begeistern – sie können nur mit unbequemen Wahrheiten werben. Und das kann nur durch eiserne Solidarität finanziert werden (das ist, ganz nebenbei, auch bei thea der Fall).
  • Wenn du erlebst, wie ein Mädchen oder eine Frau sexuell belästigt wird, hilf ihr, stärke ihr den Rücken. Lass sie nicht alleine damit.
  • Sprich in deiner Familie und mit deinen Freund_innen über sexuelle Belästigung. Du musst dich ja nicht selbst mit deinen eigenen Erfahrungen outen, aber du kannst mit ihnen über #MeToo sprechen und negative, herablassende Kommentare kontern, damit andere sehen, dass es nicht nur ihre Meinung gibt.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie einsam man sein kann, wenn man sich wehrt, wenn man öffentlich darüber spricht. Wie unbequem und lästig man für viele ist, wenn man wieder und wieder und wieder über Diskriminierung, Belästigung, Gewalt spricht. Wie wenige sich trauen, dies öffentlich zu unterstützen. Gerade Frauen, die sich öffentlich als Feministin bezeichnen, müssen immer noch damit rechnen, dadurch Nachteile zu haben, z. B. Jobs nicht bekommen, egal wie hochqualifiziert und gut sie sind. Ich weiß auch, wie schnell man Freund_innen verliert, wenn man sie auf ihr frauenfeindliches Verhalten oder gar ihre sexuelle Belästigung anspricht. Aber ich weiß auch, dass es viele Unterstützer_innen gibt, und die machen mir und all den anderen Frauen sehr viel Mut.

Und die Frauen in den USA machen es uns gerade vor: gemeinsam können wir etwas bewegen. Wenn wir zusammenhalten.


* Dies sind sexuelle Belästigungen, die ich persönlich erlebt habe. Und sie sind lediglich das, was mir innerhalb von fünf Minuten, während des Schreibens dieses Absatzes eingefallen ist. Würde ich mich an jede einzelne sexuelle Belästigung meines Lebens erinnern können, wäre die Liste um ein Zigtausendfaches länger.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du wissen, wie man ein Sachbuch schreibt? Hier gibt's zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.
Birte Vogel

10 Gedanken zu “#MeToo – Warum haben die Frauen so lange geschwiegen?

  1. Danke!
    Danke fürs zusammenfassen!
    Danke fürs anstupsen!
    Vielleicht verstehen durch deinen Text viel mehr Menschen, warum das Thema noch lange nicht vorbei sein darf, da noch so viel zu tun ist! Und es egal sein sollte, ob man selber betroffen ist oder nicht. Denn keiner möchte das es die Frau, Freundin, Tochter erlebt, also müssen alle mithelfen, es endlich zu ändern.

    Lieben Gruß | Barbara

    • Dank Dir, Barbara! Ich denke allerdings, dass es auch egal sein sollte, ob man möchte, dass die Frau/Freundin/Tochter so etwas erlebt. Eigentlich müsste der grundlegende Respekt vor der Frau als gleichwertigem Menschen jedem dieser Männer Grenzen setzen. Ich hoffe jedenfalls auch, dass das Thema nicht beendet ist!

  2. Danke, Birte, auch fürs Erzählen eines Teils Deiner eigenen Erfahrungen. Ich muss gestehen, dass ich mich noch nicht mal getraut habe, auf den „metoo“-Post meiner Freundin mit „metoo“ zu kommentieren. Ich habe mich geschämt, dass meine FB-Freunde sich dann denken und vorstellen könnten, was mir passiert ist und dann habe ich mich geschämt, dass ich meine Freundin hängen lasse. Unglaublich.

    • Dank Dir, Sophia! Es war tatsächlich nicht so einfach, gerade über meine eigenen Erfahrungen zu schreiben – der Artikel lag schon wochenlang fertig bei mir herum, bis ich mich endlich überwinden konnte, ihn zu veröffentlichen. Aber mir ist klargeworden, dass sich nie was ändern wird, wenn ich weiter schweige und mich schäme, obwohl mich in keinem einzigen dieser Fälle auch nur die geringste Schuld traf.

  3. Liebe Birte, danke für diesen Beitrag und deine offenen Worte. Ich spreche in meinem Umfeld zurzeit sehr viel über dieses Thema und werde deinen Beitrag gerne teilen.
    LG, Simone

    • Vielen Dank, Simone! Klasse, dass Du so viel über dieses Thema sprichst. Es ist ja in der Regel das direkte Umfeld, in dem wir zuerst etwas bewirken und verändern können. Aber das braucht oft am meisten Überwindung, eben weil es das direkte Umfeld ist …

  4. Danke für diesen Post. Ich könnte mir jedes Mal die Haare raufen, wenn sich wieder jemand hinstellt und sagt „Na, wenn die jetzt erst damit kommt, wenn alle rumquengeln, dann hat die sich das doch ausgedacht!“ – besonders, wenn es mal wieder eine Frau ist, die das postet. Vielleicht linke ich in Zukunft nur noch auf diesen Post, denn er sagt meiner Meinung nach so ziemlich alles, was es dazu zu sagen gibt.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    • Dank Dir, Sabrina! Ich muss mich auch jedesmal sehr zusammenreißen, wenn jemand wieder so einen Spruch von sich gibt. Die Sozialen Medien quellen ja gerade davon über. Und leider kommt dabei auch noch die Frauenfeindlichkeit so vieler Frauen zutage. Aber das einzige, das dagegen helfen kann, ist, darüber zu reden und damit nicht aufzuhören. Meinen Artikel zu verlinken geht natürlich auch (danke!)! ;-)

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