Macht endlich Schluss mit der Meinungsdiktatur der Feminazis!

Überall regt sich gewaltiger Protest gegen Feministinnen, die mal laut, mal leise gegen so manches ankämpfen, von ganz alltäglichen Dingen über die Politik bis hin zur Sprache. Macht endlich Schluss mit der Meinungsdiktatur der Feminazis!

Äußert sich heute eine Frau öffentlich zum Thema Feminismus, muss sie mit enorm viel Protest rechnen. Mit hochtrabenden Vorträgen von Leuten, die meinen das alles viel besser zu wissen. Mit höhnischen Demütigungsversuchen. Mit Beschimpfungen, mit Drohungen, mit Anzeigen und mit sehr realer Gewalt.

Es fehlt der grundlegende Respekt vor Frauen

So furchtbar viel hat sich nämlich noch gar nicht geändert seit Olympe de Gouges wegen ihres Einsatzes für die Rechte der Frauen auf staatliche Anordnung hin ermordet wurde. Denn man kann es wohl kaum ernsthaft Fortschritt nennen, wenn statt Ermordungen „nur noch“ Morddrohungen ausgesprochen werden, bloß weil sich eine Frau für die eigentlich ganz selbstverständliche, vollumfängliche Einhaltung jener Gesetze einsetzt, die ihr dieselben Rechte zusichern wie Männern.

„Die Gewalt gegen Frauen ist die größte Menschenrechtsverletzung weltweit.“ (Jimmy Carter)

Ich habe hier im Blog schon ein paarmal das Thema Gewalt aufgegriffen (z. B. hier, hier, hier und hier), denn insbesondere die körperliche Gewalt ist eins der sichtbarsten Zeichen dafür, dass wir Frauen in dieser Gesellschaft noch lange nicht gleichberechtigt sind. Nicht nur, weil mehrheitlich Frauen Opfer von Gewalt durch Männer werden (82% laut aktueller Statistik): 114.000 Frauen wurden 2017 Opfer von Gewalt durch Männer. Die Statistik zählt jedoch nur jene Taten, die gemeldet werden. Es soll jedoch, laut Bundesministerin Giffey, eine Dunkelziffer von 80% geben, was die tatsächliche Zahl auf weit über eine halbe Million weibliche Opfer von Männergewalt pro Jahr hochtreibt.

Diese unfassbar hohe Zahl zeigt ganz klar, dass wir es hier keineswegs mit lauter zufälligen Einzelfällen zu tun haben, sondern mit einem gesalzenen strukturellen Problem. Und das beginnt damit, dass noch immer viel zu vielen Männern (und leider auch zu vielen Frauen) der grundlegende Respekt vor Frauen fehlt. Ein Respekt, den wir Männern aber ganz automatisch zuerkennen. Warum eigentlich?

Gewalt in der Sprache sagt: Du bist nicht gleichwertig!

Der strukturelle Mangel an Respekt zieht sich durch so gut wie alle Lebensbereiche (s. u. a. hier, hier, hier und hier). Er zeigt sich auch nicht nur anhand körperlicher und seelischer Gewalt. Er hat auch ganz subtile Mittel, die so alltäglich sind, dass wir sie oft gar nicht bemerken. Eins dieser Mittel ist unsere Sprache. Das geht beim Ausschluss der Frauen durch das generische Maskulinum los, obwohl Frauen nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ausmachen. Und es steigert sich bis zur Gewalt in der Sprache. Doch gerade Letztere kommt bei den meisten Diskussionen rund um die Gewalt gegen Frauen zu kurz.  Und das, obwohl die Philosophin Sibylle Krämer sagt:

„Worte […] sind immer noch die am weitest[en] verbreitete und die am häufigsten eingesetzte Waffe!“

Gewalt in der Sprache manifestiert sich aber längst nicht nur in Form von unmissverständlichen Gewaltandrohungen, sondern z. B. auch durch verletzende, herabsetzende, lächerlich machende, verhöhnende, bloßstellende und demütigende Sprache. Wer sich solcher Sprache bedient, sagt damit gleichzeitig: Ich erkenne dich nicht als gleichwertiges Gegenüber an. Aus Sicht der Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski und Michael Tewes geschieht das deshalb:

„Wer dies tut, will bewusst oder unbewusst einen anderen Menschen ausgrenzen, ihn diskriminieren.“

Aufgrund meiner Beiträge hier auf thea erhalte ich z. B. immer wieder Mails und Kommentare, in denen ich „Feminazi“ genannt werde. Mir werden, um nur ein paar der durchschnittlichen Äußerungen zu zitieren, „Meinungsdiktatur“, „Lügen“, „Unterdrückung“ anderer Meinungen, „feministische Propaganda“, „Verlogenheit“, „Wichtigtuerei“, „Pseudo-Intellektualität“, „Abstrusitäten“, „theoretisches Herumschwurbeln“, „Schwafelei“ vorgeworfen und „Realitätsferne“, „ideologische Verbohrtheit“, „Erbärmlichkeit“, „Dummheit“ oder auch „Geistesverwirrtheit“ bescheinigt. Ich müsste von allen möglichen Männern „nur mal richtig durchgefickt werden“, damit ich wieder in die Spur komme. Was schwierig werden könnte, da sie mich schließlich auch immer wieder mit Hitler vergleichen.

Gewalt in der Sprache heißt: Schweige gefälligst!

Begriffe und Vergleiche wie die eben genannten sind verbale Gewalt. Solche Dinge schreiben mir die Leute nicht, um mich zu einer ernsthaften Diskussion herauszufordern. Die Absender_innen wollen mich damit vielmehr herabwürdigen, demütigen, verhöhnen, verletzen und endlich zum Schweigen bringen. Denn sie sehen mich nicht als Mensch auf Augenhöhe.

Sie sehen in mir eine Frau, die, aufgrund ihres Einsatzes gegen den frauenfeindlichen Status quo in unserer Gesellschaft und für reale Gleichberechtigung, aus ihrer Sicht nicht ganz dicht sein kann. Die deshalb eingenordet werden muss. Die man darum auch von oben herab behandeln muss, der man Vorträge halten muss, die meistens in Gedanken mit „Jetzt hör mal zu, Mädchen, ich erklär dir dummem Ding mal, wie die Welt wirklich funktioniert“ anfangen und oft unterschwellig das Potenzial von „und wenn du nicht zuhörst und machst, was ich dir sage, dann …“ in sich tragen. Die alle davon ausgehen, dass ich im Grunde keine Ahnung habe, weil ich eine Frau bin, aber das Maul trotzdem weit aufreiße, was mir als Frau gar nicht zusteht. Schon gar nicht, so lange ich eine eigene Meinung habe und die dann auch noch nicht einmal ihrer Meinung entspricht.

Solche Worte schreiben mir hauptsächlich Männer, doch es sind immer wieder auch Frauen unter den Absender_innen (zumindest den von ihnen angegebenen Namen und E-Mail-Adressen nach zu urteilen). Natürlich bekomme nicht nur ich solche Mails und Kommentare. Alle Frauen, die sich öffentlich zur bislang mehr als mangelhaften Gleichberechtigung der Frauen äußern, bekommen solche Dinge und oft noch viel Schlimmeres zu hören.

Die Gewalt gegen Frauen ist der Maßstab unserer Gleichberechtigung

Vielleicht glaubst du, weil du solche Mails und Kommentare nicht erhältst, weil sie nett zu dir sind, weil du keine Gewalt erfährst, dass sie dich auf Augenhöhe sehen. Das ist aber nicht so. Mach nicht den Fehler zu glauben, dass sie dich anders wahrnehmen, dir eher zuhören und dich als gleichwertiger wahrnehmen als irgendeine Feministin. Wenn du wirklich wissen willst, wo du als Frau in dieser Gesellschaft allein aufgrund deines Geschlechts hierarchisch angesiedelt bist, dann kannst du das immer an den Frauen ablesen, die Gewalt erfahren: Schau in die Frauenhäuser, in die Bordelle, lies die Statistiken zur Gewalt gegen Frauen, frag die Feministinnen. Dann weißt du, wo auch du stehst. Spoiler-Alert: Auch wenn es bei dir gerade alles ziemlich gut aussieht – du stehst als Frau trotzdem hierarchisch sehr weit unten.

Ich überlege immer wieder, was wohl einen Menschen dazu bringt, mir solche gehässigen, belehrenden und hasserfüllten Dinge zu schreiben. Sind es Menschen, die sich selbst und die Welt nur dann aushalten können, wenn sie sich über Frauen erheben können? Sibylle Krämer formuliert es so:

„Die verletzende Rede ist […] eine Rede, welche die Andersartigkeit des Anderen gerade nicht anzuerkennen vermag, weil die Sprechenden das eigene Selbstverhältnis durch diese nicht eliminierbare Andersartigkeit des Anderen bedroht sehen. Die Gewalt des Bösen – sei es in sprachlicher oder außersprachlicher Form – nimmt da also ihren Ausgang, wo wir die Unverfügbarkeit, Unzugänglichkeit und Fremdheit anderer Menschen nicht respektieren.“

Da isser wieder, der Respekt.

Zum Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen möchte ich daher dazu aufrufen: Überprüf deine Vorurteile Frauen gegenüber, deine Meinungen, deine Einschätzungen. Wie redest du z. B. mit Frauen? Wie redest du über Frauen? Wie denkst du über sie? Auf welche Automatismen fällst du herein, wenn du irgendetwas über Frauen liest, hörst oder siehst? Welchen frauenfeindlichen Konstrukten gibst du Futter, welche lässt du einfach zu, selbst wenn du weißt, dass sie Frauen (also auch dir) schaden? Welche Klischees über Frauen lassen dich selbst vielleicht zu herablassender, demütigender Hochform auflaufen? Wo bestärkst du frauenfeindliche Strukturen durch dein Reden, Handeln oder Nichtstun? Und nicht zuletzt: Warum?

Macht endlich Schluss mit der „Meinungsdiktatur der Feminazis“!

Jede Frau dieser Welt verdient Respekt, denn sie ist in erster Linie immer noch ein Mensch. Auch ich als Feministin verdiene denselben Respekt wie jede andere Frau, wie jeder Mann, wie jeder Mensch. Respekt, der sich endlich auch sprachlich ausdrücken sollte, in einer respektvollen, inklusiven und gewaltfreien Sprache.

Daher mein Appell an all die Kommentator_innen hier und überall da draußen: Hört bitte endlich auf, Feministinnen durch sprachliche Gewalt zum Schweigen bringen zu wollen. Macht endlich Schluss mit der „Meinungsdiktatur der Feminazis“! Ich werde jedenfalls nicht schweigen, egal, was ihr mir schreibt oder androht. Wie viele von euch bereits gemerkt haben, bin ich aber auch nicht bereit, euren Kommentaren mit solch einer Sprache, ob sie nun direkte oder subtile sprachliche Gewalt beinhaltet, durch eine Veröffentlichung in meinem eigenen Haus, diesem Blog, zu Legitimation und Verbreitung zu verhelfen (s. dazu auch meine Kommentar-Netiquette). Weshalb nicht? Dazu nochmal Schlobinski und Tewes:

„Nicht selten ist es nur ein kleiner Schritt von der sprachlichen Aggression zur körperlichen Gewalt“.

Und dann wären wir wieder bei der unfassbaren Anzahl von geschätzt weit über einer halben Million weiblicher Gewaltopfer pro Jahr.

Habt deshalb bitte endlich den Mut und macht euch die Mühe, euch ganz ernsthaft, sachlich und ohne jede sprachliche, seelische und körperliche Gewalt einer Diskussion zu stellen. Denn, wie Sibylle Krämer sagt:

„Das Gewaltpotenzial von Worten [kann] durch einen veränderten Wort-Gebrauch immer auch gebannt werden. […] Sprache […] ist also nicht nur ein Reservoir von Gewalt: Sie stellt zugleich die Mittel bereit, diese Gewalt auch zu bannen.“

Und das wäre doch schon mal ein Anfang, oder?

 

Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen

 

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du ein Sachbuch schreiben? Hier findest du zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.

2 Gedanken zu “Macht endlich Schluss mit der Meinungsdiktatur der Feminazis!”

  1. …als Headline etwas unglücklich…frau/man erfährt erst im Artikel, wo die Schreiberin eigentlich steht…der Beitrag selbst lesenswert.

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