Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ an der Hauswand – so ging es weiter

Im Herbst 2017 brachte Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ Deutschland in Wallung. Und es setzte in eindrücklicher Weise den üblichen Automatismus der Frauenfeindlichkeit in Gang, der bei vielen Männern, und leider auch Frauen, immer dann einsetzt, wenn es irgendwas mit Frauen und ihren Rechten zu tun hat. Wie ging es nun weiter mit „Avenidas“ und der Debatte?

Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ an einer Hauswand – so ging es weiter (Foto: Rodion Kutsaev/Unsplash, Grafik: Birte Vogel)

Im „Land der Dichter und Denker“ und von „Dschungelcamp“ und „Germany’s Next Topmodel“ ist es höchst unbeliebt, über Frauenrechte zu sprechen. Vor der aktuellen #MeToo-Debatte ist (ganz anders als in den USA) fast die gesamte deutsche Prominenz in Deckung gegangen, es sei denn, einzelne Vertreter_innen bekamen die Gelegenheit, die Debatte in den Dreck zu ziehen.

Und so waren es auch im Fall der Berliner Alice Salomon Hochschule vor allem die Kritiker_innen und Frauenfeind_innen, die sich weithin hörbar empörten, als die Beschwerde des AStA (Allgemeiner Studierenden-Ausschuss) eineinhalb Jahre nach Einreichen endlich Fahrtwind bekam. Worum es damals ging, kannst du hier nachlesen: „Der Automatismus in der Sexismus-Debatte – Heute: Ein Gedicht ist ein Gedicht?

Dass es um die Rechte von Frauen ging – geschenkt. Sind ja nur Frauen

Dass es hier um die Rechte von Frauen, um ihren völlig berechtigten Wunsch, nicht mehr als Objekt und Deko herhalten zu müssen, ging, darum, dass diese öffentlich plakatierte 1950er-Jahre-Objektifizierung sie ganz grundsätzlich in ihrem Sicherheitsgefühl einschränkte – geschenkt. Sind ja nur Frauen.

Nicht nur Männer, auch viele Frauen waren dieser Ansicht und schlugen eine Bresche für den Lyriker. Das „Land der Dichter und Denker“, des „Dschungelcamps“ und des nächsten „Topmodels“ verlangte: Gomringers Gedicht solle unantastbar bleiben. Es sei schließlich Kunst. Wie die Debatte sich wohl entwickelt hätte, wäre es um ein aus heutiger Sicht männerfeindliches Gedicht einer Lyrikerin gegangen – wir können es erahnen, werden es wohl aber nie erfahren.

Dass sich der Lyriker selbst über die Einwände des AStA aufregte, ist verständlich. Nicht jede Kritik ist für einen Künstler akzeptabel, erst recht nicht, wenn er als Mann und Künstler zeitlebens davon profitiert hat, dass sein Geschlecht als das vermeintlich „bessere“, „klügere“, „wichtigere“ angesehen wird. Wenn nun das vermeintlich „schlechtere“, „dümmere“ und „unwichtigere“ Geschlecht sich aus Gründen, die mit den künstlerischen Details von Lyrik nichts zu tun haben, sondern ihrer Rezeption, gegen die Zurschaustellung frauenfeindlicher Lyrik im öffentlichen Raum wehrt, dann kann man als Mann dem Kontext vielleicht nicht folgen, weil man es qua Geschlecht nie musste, und interpretiert das Ganze dann als Frontalangriff gegen die eigene Ehre.

Muss ein aus heutiger Sicht sexistisches Gedicht als Aushängeschild an einer Hauswand prangen?

Seine Tochter Nora-Eugenie Gomringer fand das alles gar „lächerlich“ und behauptete tatsächlich, ihr Vater würde jetzt als Sexist dargestellt. Sie übersah, dass es in der Debatte einzig um dieses eine Gedicht ging, das aus heutiger Sicht sexistisch ist, weil es im Kontext seiner Entstehungszeit, der 1950er Jahre, steht, in der man Frauen noch standardmäßig zum Besitz und Dekoobjekt des Mannes erniedrigte. Sie und viele andere (z. B. der PEN in seiner skandalösen Pressemitteilung) übersahen aber auch geflissentlich, dass es mitnichten darum ging, einen Lyriker und sein gesamtes Werk vom Sockel zu stoßen, sondern lediglich um die Frage: Muss ein aus heutiger Sicht sexistisches Gedicht aus den 1950er Jahren als Aushängeschild an der Hauswand einer Hochschule prangen?

Weder greift diese Frage seine Lyrik und ihren Wert für die Kunst an, noch unterminiert sie seinen Status oder erklärt ihn rundweg zum Sexisten. Das behaupten nur die, denen die ganz offensichtlich die Sachargumente ausgehen. Denn die Frage zeigt lediglich auf, dass Frauen heute im 21. Jahrhundert selbstverständlich in einem anderen Gesellschaftsgefüge leben wollen als noch in den 1950er Jahren, so sehr die aktuell bei reaktionären Werbeagenturen im Trend liegen mögen.

Der faire und zukunftsweisende Kompromiss der Hochschule

Die Hochschule hat nach vielen Diskussionen mit allen Beteiligten nun einen – wie ich finde, hervorragenden, fairen und zukunftsweisenden – Entschluss gefasst. In ihrer Pressemitteilung schreibt sie:

„Voraussichtlich im Herbst 2018 wird [an der Hauswand, Anm. d. Red.] im Zuge einer Fassadenrenovierung ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler angebracht.
Köhler, die 2017 von einer Jury gewählte aktuelle Alice Salomon Poetikpreisträgerin, hatte der Hochschule angeboten, ihr eines ihrer Gedichte zu schenken, mit der Auflage, dass dieses maximal sieben Jahre dort verbleiben dürfe und der Vorschlag zuvor mit den Mitgliedern der Hochschule diskutiert werde. Bestandteil der Entscheidung des [Akademischen Senats] ist nun, dass die Fassade alle fünf Jahre neu mit einem Werk eines oder einer Alice Salomon Poetikpreisträger_in gestaltet wird. “

Eugen Gomringers Gedicht wird auf seinen Wunsch hin an der Fassade verbleiben – als dreisprachige Tafel mit Hinweisen auf die Debatte. In Zukunft kann dann wieder die Kunst Gegenstand der Diskussion sein, nicht frauenfeindliche Ewiggestrigkeit.

Natürlich ist Gomringer nicht erfreut. Ähnlich wie wahrscheinlich viele Männer nicht erfreut sind, dass ihre Selbstermächtigung derzeit nicht mehr als angeborene Selbstverständlichkeit akzeptiert wird. Es ist auch verständlich, dass ein Künstler sich ärgert, wenn eine auf Dauer geglaubte öffentliche Zurschaustellung des eigenen Werkes nun vorzeitig verändert wird. Damit aber wird er leben müssen, denn so geht Demokratie: jede Partei hat ihre Ansichten vorgetragen, die höhere Instanz hat nach Abwägen aller Argumente einen fairen Kompromiss beschlossen.

Kunst muss sich der Auseinandersetzung mit dem Heute stellen

Was jedoch in der ganzen Debatte fehlt, ist, dass der Lyriker und seine gesamte Gefolgschaft, inklusive seiner PEN-Kolleg_innen, wenigstens ein einziges Mal von ihrem Sockel heruntergekommen und sich mit dem, was sie offensichtlich als ahnungslose, ungebildete Masse ansehen, auseinandergesetzt hätten. Dass sie vorurteilsfrei und ergebnisoffen zugehört hätten. Dass sie sich der Rezeption im Heute gestellt, anstatt sich auf ihren Sockel zurückgezogen und von dort herunter gewettert hätten: Wir, die hehre Kunst erschaffen, wissen es besser als ihr. Akzeptiert das gefälligst, ihr ungebildeten Hohlbratzen. Nein, das haben sie nicht wörtlich so gesagt, aber genau so klang es aus sehr vielen Zitaten und Meinungsbeiträgen.

Die Hochschule hat sich für das einzig Richtige entschieden. Schließlich tritt Kunst in dem Moment, in dem sie an die Öffentlichkeit geht, immer auch in eine Auseinandersetzung mit dem Heute ein. Wenn sie aber in ihrem Elfenbeintürmchen verharrt, weil sie sich nicht traut, sich der Auseinandersetzung zu stellen, und werden dann Fakten auch noch verfälscht und/oder verdreht, hat ein solches Werk an einer öffentlichen Stelle wie der Hauswand einer Hochschule heute keinen Platz.

Die Lyrikerin Barbara Köhler wird dazu in der Pressemitteilung der Hochschule so zitiert:

„Es „wird damit auch die Entscheidung von 2011, den Text eines Preisträgers an diese Stelle zu setzen, nicht negiert. Also auch das Bekenntnis der Hochschule, sich (nicht nur) mit dem Preis zu einer Wichtig- bzw. Notwendigkeit von Kunst und Literatur zu verhalten. Und dafür auch weiterhin und in der Tat einzustehen, indem man sich nämlich auf Unvorhersehbares, Risiko und Auseinandersetzung einlässt – mit anderen Worten: auf die Autonomie der Kunst, die man auszeichnet“, so Köhler weiter. […] „Eben weil ich glaube, dass Kunst und Demokratie zwar durchaus in Widersprüche miteinander geraten können, aber einan­der dabei nicht aus­schließen, sondern brauchen.““

Die Entscheidung der Hochschule zeigt uns den Weg in die Zukunft: Kunst steht nicht über den Menschen, sie ist von und für Menschen gemacht, sie ist lebendig, echt und unmittelbar. Sie ist aber immer auch ein Zeichen ihrer Entstehungszeit und muss sich am Heute messen lassen. Und sie kann sich im öffentlichen Raum nicht mehr ganz selbstverständlich über die Rechte der Mehrheit dieses Landes, der Frauen, hinwegsetzen. Auch dann nicht, wenn selbst vereinzelte Frauen auf Frauenrechte und -belange pfeifen.

Wir Frauen haben ein Recht darauf, nicht objektifiziert zu werden und uns gegen Objektifizierung zu wehren. Wer’s immer noch nicht glauben mag, lese das Grundgesetz und mache dann eine Zeitreise ins 21. Jahrhundert. Denn dort befinden wir uns jetzt.

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher und Texte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf https://nordsee-text.de. Möchtest du wissen, wie man ein Sachbuch schreibt? Hier gibt's zahlreiche Tipps: https://nordsee-text.de/magazin/.

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