XING – Wir haben heute leider keinen Job für dich (weil du eine Frau bist)

Als Lisa Ringen im Mai 2017 darüber bloggte, dass XINGs Suchalgorithmen Frauen stark benachteiligten, passierte, was immer passiert: das Thema verschwand sehr schnell aus den Köpfen. Und so diskutierte auch niemand über das eigentliche Problem dahinter: die sprachliche Persönlichkeitsspaltung, die Frauen lebenslang in allen Belangen benachteiligt und unsichtbar macht.

Mädchen lernen von Kindesbeinen an, dass sie Mädchen sind. Sie sind nicht neutral „Kind“, sondern geschlechtsspezifisch „Mädchen“ und unterscheiden sich damit eindeutig von „Jungen“.

Das und alles, was damit zusammenhängt, wird ihnen durch Vorleben und Erziehung beigebracht: Mädchen müssen häufig leiser sein als Jungen, vorsichtiger, rücksichtsvoller, lieber, kümmernder, sauberer, ordentlicher, hübscher, besser gekämmt, besser frisiert, besser angezogen. Sie lernen sehr früh, dass Mathe und Abenteuer „nichts für Meeedchen“ ist, Topmodel- und Prinzessinsein aber schon.

Und Mädchen lernen früh, dass eine Frau (Kranken-) Schwester oder Pflegerin ist, ein Mann aber Pfleger. Sie lernen, dass Frau Müller Lehrerin ist, Herr Müller aber Lehrer. Sie lernen, dass sie selbst Schülerin sind, ihr Bruder aber Schüler. Sie haben eine Freundin, ihr Bruder hat einen Freund. Haben sie selbst einen Freund, ist er eben ein Freund, keine Freundin. Hat ihr Bruder eine Freundin, ist sie kein Freund, sondern eine Freundin.

Mädchen lernen von Beginn, dass es für sie andere Bezeichnungen gibt als für Jungen

Mädchen lernen also von Beginn des Spracherwerbs an, dass es für sie in fast allen Fällen eine andere Bezeichnung gibt, die sie allein aufgrund ihres Geschlechts einordnet und von Jungen unterscheidet.

Sagt jemand: „Junge, komm mal her“, wird sich davon kaum ein Mädchen angesprochen fühlen. Umgekehrt genauso: „Mädchen, komm mal her“ ist ein Ruf, dem wohl kaum ein Junge folgen wird. Weil sie längst gelernt haben, diese beiden Geschlechter mit eindeutigen Bezeichnungen zu verknüpfen, sodass es dabei kaum bis gar keine unklaren Zwischenräume gibt.

Das geht so lange gut, bis diese Mädchen erwachsen sind. Denn nun müssen sie plötzlich lernen, dass sie zwar immer noch weiblich sind, sich aber ab sofort auch mit männlichen Begriffen identifizieren müssen. Sie sind dann plötzlich der Steuerzahler, der Tierarzt, der Wähler und der Bürger. Obwohl sie ihr Leben lang gelernt haben, dass sie doch eigentlich die Steuerzahlerin sind, die Tierärztin, die Wählerin und die Bürgerin.

Männer lernen, dass sie das Maß aller Dinge sind, auch sprachlich

Dieses Umlernen in eigener Sache müssen aber nur Frauen vollziehen. Männern bleibt das erspart. Sie lernen stattdessen, dass sie das Maß aller Dinge sind, auch sprachlich. Dass Frauen sich ihnen gefälligst anzupassen haben, ob sie wollen oder nicht.

Mit diesem Umlernen aber werden Frauen mit einem Schlag unsichtbar. Man liest sie nicht, man hört sie nicht, man spricht sie nicht, man schreibt sie nicht. Nur noch in Einzelfällen, wenn es explizit um eine bestimmte Frau geht. Sogar, wenn es um einen Beruf geht, der mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird (Altenpfleger_in, z. B.), dann werden diese Frauen wieder und wieder mit dem Maskulinum bezeichnet:

Screenshot: http://spiegel.de, 22.9.2017, 07:54 Uhr

Der Mann und das Maskulinum – das Maß aller Dinge eben. Frauen müssen sich da halt mitgemeint fühlen.

Doch welche Auswirkungen hat diese Unsichtbarkeit von Frauen in der deutschen Gegenwartssprache? Zum Beispiel diese:

Premium-Mitglieder: 8x häufiger in den Suchergebnissen … solange sie keine Frauen sind

XING ist ein Netzwerk für Berufstätige. Man ist dort, um gefunden zu werden – sowohl von Kolleg_innen als auch von Headhunter_innen, Auftrag- und Arbeitgeber_innen. XING wirbt deshalb seit Jahren Premium-Mitglieder an, denen das Unternehmen auf seiner Website eine bessere Darstellung in den Suchergebnissen verspricht als nicht-zahlenden Basis-Mitgliedern:

„Als Premium-Mitglied wird Ihr Profil in Suchergebnissen größer und mit mehr Details angezeigt – das bedeutet mehr Aufmerksamkeit und mehr Profilbesucher. […] Heben Sie als Premium-Mitglied Ihre wichtigsten Kompetenzen hervor. Diese erscheinen dann an vorderster Stelle auf Ihrem Profil und in Mitglieder-Suchergebnissen.“

Im Internet lassen sich sogar XING-Seiten finden, die versprechen, dass man als Premium-Mitglied „ca. 8x häufiger in den Suchergebnissen“ erscheinen und „3x mehr Jobanfragen“ erhalten werde. Sie sagen auch: „Steigern Sie deutlich Ihren Marktwert“ und setzen ausgerechnet eine Frau dazu ins Bild.

Warum „ausgerechnet“ eine Frau? Weil im Juni 2013 Irene Gronegger über XING bloggte:

„Wenn man in der erweiterten Suche nach bestimmten Berufen sucht, weil man zum Beispiel Fotografen oder Programmierer braucht, werden nur solche Xing-Teilnehmer gelistet, die die Berufsbezeichnung „Fotograf“ oder „Programmierer“ exakt so im Profil eingetragen haben. Das heißt, es werden bei einer Suche nach „Fotograf“ praktisch nur Männer ausgeworfen, nach einer „Fotografin“ müsste man extra suchen.“

Das heißt: Frauen, die ihr Leben lang gelernt haben, dass sie „Fotografin“ sind, mussten sich bei XING „Fotograf“ nennen, um von Auftrag- und Arbeitgeber_innen überhaupt gefunden zu werden. Ganz egal, ob das die grammatisch oder biologisch korrekte Bezeichnung ist.

Groneggers Kritik verhallte ungehört. Im Mai 2017, vier Jahre später, überprüfte Lisa Ringen diese Diskriminierung bei XING und stellte fest:

„Sucht man bei Xing beispielsweise nach „Fotograf“, „Berater“ oder „Grafiker“ dann zeigt der Algorithmus der Xing-Suche nur männliche Profile in der Ergebnisliste an.“

Es hatte sich in vier Jahren nichts geändert.

Nie wurde Frauen geraten, sich männliche Berufsbezeichnungen zu geben

XING verspricht seinen Premium-Mitgliedern zwar:

„Wir zeigen Ihnen anhand persönlicher Auswertungen, an welchen Stellen Sie Ihr Profil optimieren können, um noch besser von den Personen gefunden zu werden, auf die es ankommt.“

Nie wurde den weiblichen Premium-Mitgliedern jedoch geraten: „Geben Sie sich grundsätzlich (auch) eine männliche Berufsbezeichnung, wenn Sie überhaupt einmal in den Suchergebnissen auftauchen wollen.“ Doch genau das hätten Frauen offensichtlich tun müssen.

Wer eine Dienstleistung rund um die deutsche Sprache anbietet, muss natürlich ganz besonders darauf achten, dass das Profil in einwandfreiem Deutsch verfasst ist – denn wer möchte schon eine_n Texter_in oder Journalist_in mit einer Textleistung beauftragen, wenn die die deutsche Sprache nicht einmal korrekt benutzen können?

Kaum oder gar keine Jobangebote aufgrund der Unsichtbarkeit

Selbstverständlich bezeichnet sich deshalb die Mehrzahl der Texterinnen, Journalistinnen und Übersetzerinnen nicht als Texter, Journalist und Übersetzer. Oftmals nicht einmal jene, die in der DDR groß geworden sind, wo es üblich war, Frauen durch das Maskulinum unsichtbar zu machen (Frauen waren in der DDR deshalb übrigens mitnichten gleichberechtigt. Frag sie mal, wer die Hauptarbeit im Haushalt oder bei der Kindererziehung geleistet hat und wer nicht, und frag sie mal nach ihren Rentenbezügen im Vergleich zu denen der Männer).

Texterin und Konzeptionerin Christa Goede wurde 2004 Mitglied bei OpenBC, das sich später in XING umbenannte. Seit 2009 war sie zahlendes Premium-Mitglied. Sie musste im Lauf der vielen Jahre feststellen:

„Ich habe nur sehr selten Jobs über XING bekommen – die Menge der Anfragen stand in keinem Verhältnis zu den Kosten.“

Sie konnte zwar sehen, dass sich Kund_innen vorher im Internet über sie informiert und dabei auch ihr XING-Profil angeklickt hatten, doch sie sagt, es sei in den vielen Jahren kaum ein Auftrag direkt auf Basis ihres Premium-Profils bei XING zustande gekommen.

Werbetexterin Annette Jarosch, ebenfalls seit vielen Jahren zahlendes Premium-Mitglied bei XING, sagt:

„Ich frage meine Kunden immer, wie sie mich gefunden haben. Die meisten finden mich über meinen Webauftritt. Über XING habe ich noch keine Kunden bekommen. Dabei hatte ich mein Premium-Profil immer ausführlich ausgefüllt.“

Frauen wurden nicht gefunden – aber XING will sein Leistungsversprechen erfüllt haben

Diese beiden Frauen sind bei weitem nicht die einzigen, die dies bei XING erlebt haben. Auf Nachfrage gibt sich XING-Sprecher Felix Altmann jedoch ahnungslos:

„Alle Mitglieder tauchen gleichberechtigt in den Suchergebnissen auf. Die Premium-Mitglieder genießen dazu den Vorteil, dass sie mit mehr Details und größer in den Suchergebnissen dargestellt wurden. Diesem Leistungsversprechen sind wir weiterhin nachgekommen.“

Offensichtlich trifft das aber nicht auf Frauen zu. Und XING reagierte erst, nachdem Lisa Ringens Beschwerde von  t3n aufgegriffen worden war. Das Unternehmen bedankte sich dann via Twitter bei Ringen und versprach, seine Algorithmen anzupassen. Danach verlor XING kein Wort mehr darüber. Seit Mai wussten Frauen also nicht, ob sie nun endlich mal gleichberechtigt in den Suchergebnissen auftauchen oder nicht. Erst auf Nachfrage sagt XING-Sprecher Altmann:

„Wir bedauern, dass wir nicht früher davon erfahren haben. Sonst hätten unsere Entwickler die Suche bereits vorher optimiert. Wir haben nach den Hinweisen die Suchfunktion sukzessive angepasst, sodass Frauen auch unter gängigen Suchbegriffen in männlicher Form wie etwa „Arzt“ oder „Architekt“ gefunden werden können.“

Moment mal. „Wir bedauern, dass wir nicht früher davon erfahren haben“? Es war doch spätestens seit 2013 bekannt. Und wie kann es überhaupt sein, dass ein berufliches Netzwerk, das auch Frauen als zahlende Mitglieder aufnimmt, sie nicht schon seit seiner Gründung im Jahr 2003 gleichberechtigt in den Suchergebnissen hat anzeigen lassen? Suchalgorithmen wurden doch nicht erst 2017 erfunden.

Lisa Ringen sagt dazu:

„Ich kann das nicht nachvollziehen. Das ist keine große technische Herausforderung und kein großer Entwicklungsaufwand. Man muss die Berufe nur richtig verschlagworten und sich über die Datenbank ein paar Gedanken machen.“

XING dagegen findet, man habe sich bereits genug Gedanken gemacht:

„Recruiter suchen üblicherweise auch nach Fähigkeiten, die XING-Mitglieder unter „Ich biete“ auflisten können. Also etwa nach ‚Content Marketing‘, ‚Accounting‘ oder ‚Steuerberatung‘ – diese sind in der Regel geschlechtsneutral formuliert. […] Ein vollständiges und mit den richtigen Schlagworten ausgefülltes XING-Profil ist die Voraussetzung, um von Personal er optimal gefunden zu werden. Darauf weisen wir regelmäßig auf unserer Plattform hin. Grundsätzlich waren die weiblichen Mitglieder in der Suche daher immer sichtbar und auffindbar.

Was aber allein die Suchen von Gronegger und Ringen widerlegt haben.

Wenn sprachliche Persönlichkeitsspaltung auf das Maß aller Dinge trifft

Und hier trifft nun die aufgezwungene sprachliche Persönlichkeitsspaltung auf das selbsternannte sprachliche Maß aller Dinge: XING ist nämlich ein Unternehmen, dem ausschließlich Männer vorstehen. Wie ich weiter oben schon schrieb, wird Männern die sprachliche Persönlichkeitsspaltung nicht aufgezwungen, sich mal so, mal so nennen zu müssen, sich mal mitgemeint fühlen zu müssen, dann aber wieder absolut nicht zugehörig zu sein. Männer lesen über dieses frauenspezifische Problem in der Zeitung, im Internet, bekommen es von ihren Frauen, Freundinnen und Töchtern zu hören, aber es betrifft sie selbst ja gar nicht und ist deshalb für viele schlicht unerheblich.

Bei XING denken sie also offensichtlich auch nicht über ihren individuellen, männlichen Tellerrand hinaus – sie kommen gar nicht auf die Idee, dass ein Suchalgorithmus irgendetwas anderes beinhalten müsste als das, was sie persönlich für das Maß aller Dinge halten: sich selbst bzw. in diesem Fall: männliche Berufsbezeichnungen. Wen interessiert schon grammatische Korrektheit. Geschweige denn Gleichberechtigung.

Alle weiblichen XING-Mitglieder (Basis und Premium), mit denen ich sprach, gingen hingegen in gutem Glauben davon aus, dass Frauen selbstverständlich gleichberechtigt in den Suchergebnissen angezeigt würden – schließlich hatten sie ihre Beiträge bezahlt, ihre Profile vollständig und korrekt ausgefüllt, und XING hatte ihnen das Erscheinen in den Suchergebnissen ja in ihrer Werbung versprochen.

Warum die Algorithmen anpassen, wenn sie das Leistungsversprechen doch angeblich erfüllt haben?

XING hat nach eigener Aussage 12,5 Millionen Mitglieder, davon etwa 40% Frauen. Von den 971.000 Premium-Mitgliedern im deutschsprachigen Raum ist etwa ein Drittel weiblich. Etwa 5 Millionen nicht-zahlende und davon über 300.000 zahlende Mitglieder sind also möglicherweise 14 Jahre lang nicht ein einziges Mal in den Suchergebnissen aufgetaucht, schon gar nicht „mit mehr Details und größer in den Suchergebnissen“. Weil sie sich die korrekte Berufsbezeichnung gegeben haben und nicht im „Content Marketing“, „Accounting“ oder der „Steuerberatung“ arbeiten.

Weibliche Premium-Mitglieder haben also möglicherweise 14 Jahre lang Beiträge für genau gar nichts bezahlt.

Gibt es da nun für diese Frauen eine Entschuldigung von XING (z. B. „Wir sind fassungslos, dass wir im 21. Jahrhundert tatsächlich so abgrundtief sexistisch gehandelt haben. Entschuldigung!“)? Gibt es für diese Frauen gar eine Kompensation für ihre umsonst gezahlten Premium-Beiträge?

Auf Nachfrage erhalte ich von Sprecher Altmann nur zur Antwort, XING sei seinem Leistungsversprechen doch nachgekommen. Was jedoch bewiesenermaßen nicht stimmt. Warum hätten sie ihre Algorithmen überhaupt anpassen müssen, wenn sie ihrem Leistungsversprechen tatsächlich nachgekommen wären?

Die Antwort zeigt: es ist den Männern bei XING allem Anschein nach egal, dass sie ein Drittel ihrer Bezahlmitglieder allein aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert und in den Suchergebnissen möglicherweise vollständig unsichtbar gemacht haben. Sie sind anscheinend der Ansicht, sie hätten nun (nach nur 14 Jahren) ihre Algorithmen angepasst, das müsse genügen.

Gleichberechtigung heißt: identische Chancen zu haben

Hier zeigen Geschäftsmänner, was sie von der Gleichberechtigung von Frauen in der Geschäftswelt halten: nichts. Im besten Falle ist sie ihnen egal, Hauptsache, die Frauen zahlen ihre Beiträge. Und zwar Beiträge im Wert von knapp 31 Millionen Euro jährlich bei 7,95 Euro Monatsbeitrag. Und doch handeln diese Männer nur, wenn sie ihren Ruf durch überregionale Berichterstattung angekratzt sehen.

Lisa Ringen, Basis-Mitglied, sagt zu Altmanns Behauptung, XING sei dem Leistungsversprechen dennoch nachgekommen:

„Das ist eine klassische PR-Antwort: bloß keine schlafenden Hunde wecken! Aus Unternehmenssicht ist das nachvollziehbar, aber ob das die kundenfreundlichste Sicht ist, wage ich zu bezweifeln.“

Christa Goede (Premium-Mitgliedschaft nun gekündigt) und Annette Jarosch (macht eine Kündigung zum Ende der aktuellen Premium-Laufzeit von XINGs endgültiger Reaktion abhängig) haben dagegen kein Verständnis für eine solche Antwort.

Jarosch ist der Ansicht:

„Das ist eine Ohrfeige, eine Totalabsage nach dem Motto: Was willst du eigentlich? Das ist schon dreist.“

Goede sagt:

„Als ich von der Benachteiligung der Frauen erfahren habe, dachte ich: Wow, Frechheit. [Und diese Antwort] ist eine typische Nebelgranate. Wie wollen sie denn ihrem Leistungsversprechen nachgekommen sein, wenn sie nur Männer aufgezeigt haben? Abgesehen davon habe ich erwartet, dass das Netzwerk sich bei uns Frauen offiziell entschuldigt und uns vielleicht sogar finanziell entgegen kommt – schließlich haben wir viele Jahre das gleiche Geld bezahlt wie Männer, ohne identische Chancen auf die Jobvermittlung zu haben.“

Identische Chancen – genau das wäre tatsächliche Gleichberechtigung. Doch die gab es für Frauen bei XING von Anbeginn an nie.

XING will sich dazu nicht weiter äußern – dort scheint man zu glauben, sich wegzuducken, anstatt zu diesem Fehler zu stehen und die Frauen für den jahrelang entstandenen Schaden zu entschädigen, sei die richtige Taktik im 21. Jahrhundert.

Es entsteht der Eindruck, Männer seien erfolgreicher und kompetenter

Kommen wir aber noch einmal zurück zur Sprache. Wenn nun Frauen also in den Suchergebnissen nicht oder sehr viel seltener auftauchen – welche Folgen hat das für sie? Lisa Ringen beschreibt es:

„[Es] manifestiert sich beim Scrollen durch die Ergebnisliste der unterschwellige Eindruck, Männer seien die erfolgreicheren, kompetenteren Fotografie-, Beratungs- und Grafik-Spezialisten. Dem Ranking nach wäre dies der logische Schluss, denn schließlich dominieren männliche Profile die angezeigten Top-Suchergebnisse. “

Gleiches findet sich auch bei anderen Suchmaschinen wie Google – dort sind die Suchalgorithmen offensichtlich ebenfalls männerzentriert, sodass man annehmen muss, Männer seien die Besseren, Erfolgreicheren, Aktiveren, Bekannteren. Was bekanntlich sexistischer Unsinn ist.

Die Persönlichkeitsspaltung hinter dem Ganzen ist also, dass Frauen bei allen möglichen Dingen ganz explizit Frauen sind und sich so nennen müssen – wenn es z. B. um ihren Pass geht, um ihre Steuern, ums Kinderkriegen, um Werbung, um Kleidung oder auch  um eine Bewerbung oder Jobakquise. Und wenn Frauen von Trollen beschimpft und gedemütigt werden, sind Frauen natürlich ebenfalls ausschließlich weiblich.

Aber kaum geht es um Dinge, die Männer ohne jede Berechtigung ausschließlich für sich selbst beanspruchen – da sollen Frauen sich plötzlich mitgemeint fühlen und sich selbst auch als Männer bezeichnen. Welche Vorteile Männer allgemein im Beruf genießen, zeigt sich auch an dem Experiment zweier Angestellter, bei der Frau und Mann in ihren E-Mails die Namen tauschten. Gab die Frau sich als der Mann aus, wurden ihre Vorschläge und Entscheidungen respektiert und nicht hinterfragt. Gab der Mann sich als die Frau aus, musste er sich rechtfertigen, erklären und sexistische Sprache gefallen lassen.

Frauen müssen Transferleistungen erbringen, die Männern erspart bleiben – und sind dennoch nicht gleichberechtigt

Wer nun aber glaubt, es sei doch dann definitiv die beste Lösung, das Femininum ganz abzuschaffen, sollte nur einmal an den Spruch „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ denken. Wen hast du denn da beim Sprechen vor Augen? Einen Arzt oder eine Ärztin? Einen Apotheker oder eine Apothekerin? Und wie ist das mit „dem Bürger“, „dem Steuerzahler“, „dem Leser“?

Studien haben nachgewiesen, dass die meisten Menschen bei maskulinen Begriffen Männer vor Augen haben und auch nur Männer meinen. Was genau sollte also das reine Maskulinum als Standard an der Unsichtbarkeit und Benachteiligung der Frauen ändern? Wie könnte die Akzeptanz des Männlichen als Standard irgendetwas für uns Frauen verbessern? Denn wir bleiben ja Frauen und werden als solche behandelt, sowie bekannt ist, dass wir Frauen sind.

Eben weil wir schon von Kindesbeinen an beigebracht bekommen, dass Mädchen und Jungen so unterschiedlich sind, dass man sie mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnen muss, sitzt dieses spaltende Denken sehr tief. Es begleitet die Männer, die damals gelernt haben: Ich muss mich nicht ändern, ich muss nicht umdenken, ich bin perfekt, denn ich bin das Maß. Und es begleitet die Frauen, die gelernt haben: Keine Ahnung, wer ich eigentlich bin – die Frau mit dem pinkfarbenem Beinrasierer, den Kindern zu Hause und der wesentlich geringeren Rente oder der Fotograf, der Texter, der Wähler, der Leser, der Bürger; aber egal, wer ich bin, optimieren und anpassen muss ich mich dennoch ständig.

Frauen müssen deshalb tagtäglich sprachliche und denkerische Transferleistungen erbringen, die Männern ganz grundsätzlich erspart bleiben. Denn die müssen sich ja nicht mit täglichen Sprüchen wie „Fragen Sie Ihre Ärztin oder Apothekerin“ identifizieren, weil sie sich sicher sein können, dass sie damit genauso wenig gemeint sind wie Frauen mit den männlichen Begriffen. Erst recht nicht mit dem generischen Maskulinum. Die müssen nicht teuer dafür bezahlen, Frau zu sein und dann immer noch nicht gleichberechtigt zu sein.

Frauen werden erst gleichberechtigt wahrgenommen, wenn sie gleichberechtigt sichtbar sind

Das Beispiel XING zeigt mit krasser Deutlichkeit: Frauen werden erst dann gleichberechtigt wahrgenommen und behandelt, und sie haben erst dann genau die gleichen Chancen und Möglichkeiten, wenn sie auch sprachlich gleichberechtigt sichtbar sind. Dies wird aber nur dann geschehen können, wenn weibliche Bezeichnungen immer dann gesprochen und geschrieben werden, wenn es (auch) um Frauen geht. Und zwar ganz alltäglich, jedes einzelne Mal.

Unsere Sprache hat dafür bislang leider keine einfachen Lösungen anzubieten, die sich mal schnell dahinsprechen oder -schreiben lassen. Deshalb müssen sich Frauen selbst verstärkt für eine Sichtbarkeit in eigener Sache einsetzen, wenn sie endlich gleichberechtigt gesehen werden und die gleichen Chancen haben wollen.

Denn das Beispiel XING zeigt: von selbst wird das nicht passieren. Von selbst rücken Männer nicht einmal dann von ihrer allmächtigen, männerzentrierten Rechthaberposition ab, wenn ihnen Fehler nachgewiesen werden.

Von selbst wirst du als Frau weder gehört noch gesehen. Von selbst wirst du keine Gleichberechtigung erfahren. Auch im Jahr 2017 nicht.

XING hat bewiesen: Du kannst dich abstrampeln wie du willst – noch immer hängt in unserer Gesellschaft das Fortkommen der Frauen von dem Wohlwollen der Männer ab. Und wollen tun sie ganz offensichtlich nicht von selbst. Nimm deshalb deine Zukunft, deinen Erfolg selbst in die Hand – mach dich unabhängig von diesem Wohlwollen, da sie dir das jederzeit wieder entziehen können.

Mach dich sicht- und hörbar. Und fang damit bei der Sprache an.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

16 Gedanken zu “XING – Wir haben heute leider keinen Job für dich (weil du eine Frau bist)

  1. Sehr schöner Beitrag, kraftvoll geschrieben, danke! Frauen im Schriftlichen, im Sprachgebrauch und im digitalen Raum sichtbar zu machen, ist ein wichtiges Anbieten, bei dem wir nicht aufgeben dürfen, wenn wir echte Gleichstellung wollen. Danke für deinen Beitrag!

  2. Hallo, ist das Ganze nicht justiziabel, weil eine Leistung für Kundinnen nicht erbracht wurde? Vielleicht kommen sie bei Xing dann in die Gänge. Vielleicht haben wir eine Anwältin, alias Anwalt, in unseren Reihen, die uns hier beraten könnte. Viele Grüße, Meike

    • Damit könntest Du durchaus recht haben, Meike. Und angesichts der Millionen, um die es dabei gehen könnte, wäre es kein Wunder, dass XING versucht, das Ganze unter den Tisch zu kehren. Ich bin kein Premium-Mitglied, kann aber Interessierte an einer Klageprüfung gerne miteinander verknüpfen – schickt mir dazu einfach eine PM.

  3. danke für Deine ausführliche Zusammenfassung hierzu Birte.
    ach irgendwie kann ich unterdessen nur noch mit Ironie/Sarkasmus reagieren.
    und ständig kämpfen macht mich dann u.a. einfach sooo müde weil „my fault i’m female“ und so.
    xing beweist ja hiermit mE, dass Inkompetenz für Männer in vielen (allen ?) Branchen ebend kein Karrierehindernis ist … Frauen aber denselben Geldbetrag abnehmen. wow. (Stichworte auch #paygap #pinktax)
    aus der Rassismus-Forschung weiss ich u.a. dass das von wg. Gleichberechtigung nichts weiterbringt oder positiv verändert, weil Themen/Inhalte/Ziele sind equality vs. equity vs. liberation – Gleichberechtigung vs. Fairness vs. Befreiung.
    Analog gilt dies für mich für all diese sog. -ismen.
    #buycott

    • Stimmt, Grit, es macht unwahrscheinlich müde – je mehr ich weiß und je mehr ich sehe, desto müder macht es mich. Aber je mehr Frauen (und Männer) Bescheid wissen und je mehr sie sehen lernen, desto größer sind ja die Chancen, dass sich doch nochmal etwas ändert. Ich habe die Hoffnung (kein -ismus! 🙂 ) noch nicht aufgegeben.

  4. hm, Deinen letzten Satz musste ich mehmals lesen – meinst Du das etwa ironisch ?
    weil dann mein Lebenslied „Endstation : Hoffnung“ ist/wäre …
    (das meine ich jetzt ironisch – Hoffnung ist keine Strategie usw. usf.)
    meine Sehnsucht nach dem, was (iSv positiver Veränderung/WomensLib) möglich wäre, bleibt/- unerträglich.

    • Ob ich ironisch meine, dass man bei der Sicht- und Hörbarkeit bei der Sprache beginnen soll? Oder dass Männer das Weiterkommen der Frauen wohlwollend gönnen oder auch jederzeit wieder entziehen können?

      Ich meine beides nicht ironisch, leider. Die Realität zeigt, dass es vielen Männern – insbesondere auch in Führungs- und Vorbildfunktionen – völlig egal ist, ob Frauen gleichberechtigt sind oder nicht. Wenn sie dann mal Zugeständnisse machen, können sie sie jederzeit wieder entziehen, solange es dafür keine Gesetzesgrundlage gibt, deren Umsetzung erzwingbar wäre.

      Die Realität zeigt aber auch, dass nicht einmal Frauen glauben, dass ihnen Gleichberechtigung zusteht – sonst würden sie viel stärker dafür kämpfen, dass sie sichtbar und hörbar werden, angefangen bei der Sprache.

      Meine Hoffnung sind starke, solidarische Frauen. Die selbst dann füreinander einstehen, wenn sie persönlich nicht betroffen sind. Sehnsucht ist da ein guter Motor – aber es muss laut und solidarisch werden. Sonst wird sich tatsächlich nichts ändern.

  5. Danke Birte für Dein feedback !
    … laut und solidarisch …
    hm, „laut“ wird Frauen dann ja feindlich/sexistisch vorgeworfen #catch22
    Mein Gerede und Getue – Solidarität – insbesondere dann, wenn ich/sie nicht persönlich betroffen ist – Privilegierte können dies.
    Ich halte es für eine moralische Verpflichtung.
    solidarische Grüsse

    • Dass Lautsein Frauen negativ ausgelegt wird, sollte uns eigentlich nur noch mehr anspornen als abhalten. Denn natürlich sollen wir den Mund halten und uns fügen – würden wir laut werden, würden ja plötzlich ganz viele drauf aufmerksam und würden womöglich auch noch mitmachen! Und m. W. hat sich noch nie in der Geschichte der Menschheit irgendetwas zum Positiven verändert, ohne dass vorher darauf sehr laut aufmerksam gemacht wurde.

      Ich denke übrigens, dass nicht nur Privilegierte solidarisch sein können und sollten. Privilegierte haben eine moralische Verpflichtung, solidarisch zu sein und sich für die einzusetzen, die keine so gewichtige Stimme in dieser Gesellschaft haben wie sie selbst. Das sehe ich wie Du. Aber das entbindet weniger privilegierte Frauen keineswegs von derselben moralischen Verpflichtung, sich für diese Gesellschaft (und andere Frauen) einzusetzen – nur eben in dem ihnen möglichen Maß.

  6. p.s. vllt interessiert Dich zu dem Themenbereich auch/dieses :
    Google zeigt weiblichen Menschen, die Stellen suchen, nicht hochbezahlte Jobs an.
    Ein Forschungsteam der Carnegie Mellon Uni hat mit einem Testprogramm mit 17.370 sog. fake-Profilen Jobbörsen auf 600.000 Stellenangebote anzeigen lassen und die dann ausgewertet (pardong ich bin keine Übersetzerin) …
    wieso überrascht mich das nicht ?!
    hier ebend gefunden – englisch :
    https://www.theguardian.com/technology/2015/jul/08/women-less-likely-ads-high-paid-jobs-google-study

    • Krass. Danke für den Link! Interessant ist aber, dass dieses Ergebnis wohl nicht allein auf sexistisch programmierte Google-Algorithmen zurückzuführen ist. Hoffentlich wird das noch genauer untersucht und dann geändert.

  7. Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel. Ich selbst besitze zwar ein Xing-Profil, weil „man das haben müsse“, aber es schläft. Aufforderungen zur Premiummitgliedschaft habe ich bislang ignoriert. Wie gut!

    Xing ist ja nur ein Beispiel. Die Problematik sitzt fest in den männlichen Köpfen und wird sich nicht ändern. Das nervt, aber man darf als Frau nicht genervt reagieren, sonst zickt man. Ironie hingegen nehmen Männer persönlich und unterstellen den Frauen beleidigende Absichten. Sarkasmus wiederum scheint ein rein maskulines Vorrecht. Nur Männer dürfen Frauen „beleidigen“, wehe, wenn umgekehrt.

    Tja, tut mir (nicht) leid, ich finde beispielsweise kleine Würstchen, die sich trotz mangelnder Kompetenz im Businessbereich darstellen wie die ganz Großen und selbständig arbeitenden Frauen „von Haus aus“ nur ein Taschengeld zugestehen würden, lächerlich. Mit Preisdiskutierern mag ich sowieso nicht zusammenarbeiten.

    „Könnten Sie noch was am Preis machen?“ – „Ich könnte ihn erhöhen.“

    Es gibt auch Ausnahmen und genau die dürfen gern meine Kunden sein. Und was die anderen betrifft: Kurz, knapp, klare Ansagen – das verstehen Männer. Bloß nicht zu viele Buchstaben. Dann bin ich eben Texter und keine Texterin – auf dem Papier. Wenn man(n) dann besser klarkommt, habe ich damit kein Problem. 😉

    • >> „Könnten Sie noch was am Preis machen?“ – „Ich könnte ihn erhöhen.“ < <

      😀 Danke! Den hänge ich mir über den Schreibtisch!

      Was das Festgesetzte in vielen männlichen Köpfen betrifft, kann ich Deine Argumentation gut nachvollziehen. Aber ich sehe auch ein Problem damit, denn der Status quo wird dadurch m. E. nur noch verstärkt. Dieser Status quo schließt uns Frauen ja ganz grundsätzlich erst einmal aus. Nur dann, wenn wir uns verbiegen, wenn wir nachgeben, „dürfen“ wir plötzlich dabei sein. Das kann’s m. E. aber nicht sein. Denn was kommt danach? Wie viele Kompromisse sollen wir dann noch eingehen? Und wie schnell werden wir wieder aus dem erlauchten Kreis rausgeworfen?!

    • Gern, über dem Schreibtisch passt der Spruch prima. 🙂

      Und ansonsten: Einfach nie den Kopf einziehen und selbstbewusst für sich selbst (und für andere) einstehen. Wir werden die Denkweisen der meisten Männer nicht ändern, aber wir können dafür sorgen, dass sie sich der unsrigen anpassen (müssen).

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