„War schon geil“? Was deine Stimme bewirken kann

Screenshot von „Stop Rape“ auf Youtube vom 17.11.2016

„War schon geil.“ Mit diesem Satz endete der Kurzfilm „Stop rape!“, der bis vor kurzem in Kinos in Baden-Württemberg lief. Der Satz ließ Zuschauer_innen fassungslos zurück – DAS sollte ein Spot GEGEN Vergewaltigung sein? Wenn gut gemeinte Gewaltprävention Gewalt propagiert, und was deine Stimme dann bewirken kann.

Achtung: Trigger!

Screenshot vom Anfang des Films „Stop Rape“ auf Youtube vom 17.11.2016
Screenshot vom Anfang des Films „Stop Rape“ auf Youtube vom 17.11.2016

Es fing an mit einer Aufgabe, die Professor Andreas P. Bechtold von der HTWG Konstanz seinen Studierenden stellte:

„Die Aufgabe lautete, Männern zwischen 18 und 25 Jahren klar zu machen, dass eine Vergewaltigung nicht akzeptabel und auch „unmännlich“ ist.“

Heraus kam ein Kurzfilm, in dem eine junge Frau einen befreundeten jungen Mann zu sich einlädt. Er will Sex, sie sagt nein, er vergewaltigt sie und sitzt anschließend zufrieden auf dem Sofa und sagt: „War schon geil“. So weit die Handlung.

Dieses „War schon geil“ hallte noch nachts in meinen Ohren nach

Als eine Kollegin von mir, die nicht genannt werden möchte, den Film sah, war sie erschüttert: „Jemand zeigte ihn mir ohne Vorwarnung auf dem Smartphone. Dieses ‚War schon geil‘ hallte noch nachts in meinen Ohren nach. Und es hat mich wütend gemacht, dass so etwas einfach im Kino gezeigt wird. Die glauben doch nicht im Ernst, dass man Männer damit von einer Vergewaltigung abhalten kann – der Film fordert doch vielmehr direkt dazu auf!“

Weil sie wissen wollte, wie andere den Film beurteilen, fragte sie in unserem gemeinsamen Netzwerk nach. Das Feedback war fast immer gleich: der Film propagiere Gewalt, anstatt sie als inakzeptabel darzustellen. Er konnte, auch da war sich die Mehrheit einig, auf sämtlichen Ebenen nicht einmal mehr als „gut gemeint“ durchgehen. Warum?

  1. Der Frau wurde die Rolle des passiven Opfers gegeben, das sich kaum gegen den Angriff wehrte und das auch hinterher keinerlei Handhabe gegen den Täter hatte. Der Film zeigte weder, dass die Frau das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit hat, noch welche Folgen diese Tat für das Opfer haben kann. Stattdessen verblieb die anfangs selbstbestimmt lebende Frau am Ende in der gedemütigten, unterdrückten, vom Täter mit Gewalt aufgezwungenen Körperhaltung.
  2. Der Film fokussierte ausschließlich auf den Mann, den Täter. Er hatte die Macht über die Frau – so wie es nicht nur bei den Taten, sondern sehr häufig auch bei den anschließenden Prozessen vor Gericht der Fall ist (wenn die Tat überhaupt je vor Gericht landet). Dieser einseitige Fokus findet sich außerdem in der täglichen medialen Berichterstattung wieder und nimmt den Frauen, den Opfern, auch dadurch einmal mehr die Stimme.
  3. Der Film endete damit, dass der Mann sehr mit sich zufrieden und befriedigt auf dem Sofa saß und sagte: „War schon geil.“ Seine Tat hatte keine Folgen für ihn. Stattdessen hatte er das letzte Wort. Was junge Männer aufrütteln und schockieren sollte (jene jungen Männer, die ganz selbstverständlich mit frei zugänglichen Pornofilmen aufwachsen und eine solche Bildsprache und ähnliche Inhalte schon gewöhnt sind), tat nichts dergleichen: er endete stattdessen mit Folgenlosigkeit und der beruhigenden Botschaft, dass der Mann durch Gewalt gegen eine Frau Befriedigung erlangt.
  4. Der Film zeigte keinerlei Hinweis auf die Strafbarkeit der Gewalttat. Zwar blendete man gegen Ende einen (auf Handys kaum oder gar nicht lesbaren) sehr kurzen Hinweis auf die horrende Zahl der täglichen Vergewaltigungen in Deutschland ein. Was aber in den Augen der Macher_innen den großen Schockeffekt auslösen sollte, funktionierte schon allein der kleinen Schrift und der Kürze der Einblendung wegen nicht. Vor allem aber, weil dem anschließenden „War schon geil“ des Täters nichts mehr folgte, auch kein Hinweis auf die Strafbarkeit.
  5. Der Film ließ seine Zielgruppe am Ende völlig allein und gab nicht einmal jenen Männern, die fürchten, selbst zum Täter zu werden, einen Hinweis auf Beratungsstellen für (junge) Männer und potenzielle Täter. Dies aber wäre das Mindeste gewesen, was man bei der Aufgabenstellung hätte erwarten müssen.
  6. Und nicht zuletzt wurden Frauen, die in ihrem Leben bereits Gewalt durch Männer erlebt haben, durch diesen Spot erneut zum Opfer gemacht. Denn als Zuschauerinnen hatten sie wieder keine Wahl: sie konnten nicht rechtzeitig aus dem Kino verschwinden, schon gar nicht, ohne sich als Opfer outen zu müssen. Möglicherweise mussten sie sich noch dazu sexistische und gewaltverherrlichende Äußerungen von Jugendlichen und Männern im Publikum anhören, womöglich sogar von anderen Frauen.

Auch in der Diskussion wurden Opfer zum Schweigen gebracht

Was nun folgte, zeigt, was deine Stimme bewirken kann – selbst dann, wenn du glaubst, dass du alleine nichts tun kannst.

Einige Frauen unseres Netzwerkes und zahlreiche weitere Frauen und Männer äußerten ihre Kritik auf der Facebook-Seite des Films. Ein großer Teil ihrer Kommentare wurde aber noch am selben Tag gelöscht und einige Kommentator_innen geblockt. Das, obwohl ihre Kritik weder beleidigend noch volksverhetzend war oder sonst eine strafrechtliche Relevanz hatte.

Darunter waren auch Kommentare mindestens eines Vergewaltigungsopfers. Dieser Frau wurde – ganz wie im Film – das Recht auf eine eigene Stimme entzogen, auf Würde und Selbstbestimmung. Sie ließ sich aber nicht zum Schweigen bringen und kommentierte später erneut:

Nein, das ist keine Aufklärung, das ist eine Vergewaltigungsszene, die traumatisierte Frauen schwer triggert. Und das sollte nicht im Kino laufen. Opfer werden wieder zum Schweigen verurteilt.“

Einen Tag später äußerte sich der Initiator des Projekts, Professor Bechtold, auf Facebook in einer Stellungnahme dazu u. a. so:

„Ich bin überzeugt, dass eine Kampagne, die die Tragweite nicht zeigt, nichts ändert, dass eine Kampagne, die die Frauen zur Gegenwehr aufruft, an der Realität vorbei geht, dass eine Kampagne, die nicht die Männer im Fokus hat, das Problem nicht erfasst.

Kein Mann, der einigermaßen zugänglich ist, will dann so sein, wie dieser „Mann“, der ihm da auf der Leinwand entgegenblickt.“

Noch einmal – er sagt: „Eine Kampagne, die die Tragweite nicht zeigt, ändert nichts.“

Screenshot von „Stop Rape“ auf Youtube vom 17.11.2016
Screenshot vom Ende des Films „Stop Rape“ auf Youtube vom 17.11.2016: Der Täter sitzt befriedigt auf dem Sofa und sagt: „War schon geil.“

Das Problem mit diesem Film war aber: genau diese Tragweite war nirgendwo zu erkennen. Weder die Tragweite für das Opfer noch die für den Täter. Der „Mann, der einigermaßen zugänglich ist“ sieht nur „War schon geil“ und denkt sich … ja, was eigentlich? „Nee, geil will ich nicht, geil ist uncool“?

„War schon geil“ ist aber das, was den Kritiker_innen am Ende in Erinnerung geblieben ist. So gut wie niemand kann heute noch sagen, was danach stand. Die Erkenntnis der Tragweite ist also gleich Null.

Der Film ist nicht geeignet, eine Sensibilisierung zu erreichen

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) nahm auf meine Bitte hin Stellung. Eine Sprecherin schrieb mir:

„Der Film ist nicht geeignet, eine Sensibilisierung zum Thema Vergewaltigung zu erreichen. Er stellt ungebrochen die Perspektive des Täters dar, die Betroffene verbleibt erniedrigt, Zuschauende bekommen keinerlei Auswege gezeigt.“

Die Landesarbeitsgemeinschaft Frauennotrufe in Baden-Württemberg schrieb anschließend in einer öffentlichen Stellungnahme:

„Mit Erschrecken haben wir den Kinospot „STOP RAPE“ zur Kenntnis genommen. […] Die Frau im Kinospot wird ausschließlich als hilf- und wehrloses Opfer dargestellt. Das darf im 21. Jahrhundert nicht mehr die Botschaft sein, weder an Männer noch an Frauen. Auch im Anschluss an die gezeigte Vergewaltigung werden keine Hilfsmöglichkeiten oder Anlaufstellen gegen sexualisierte Gewalt
dargestellt. Die Frau verbleibt in der ohnmächtigen und sprachlosen Situation. Eine eigene Stimme erhält ausschließlich der Täter. Unklar bleibt auch, dass es sich bei Vergewaltigung um ein schweres Verbrechen und Offizialdelikt handelt. Im Kinospot bleibt die Tat ungeahndet. […]

Deshalb haben wir die kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in Baden- Württemberg aufgefordert, die Ausstrahlung des Kinospots unverzüglich zu stoppen. Die Gefahr, die von einem solchen Spot für die psychische Gesundheit von gewaltbetroffenen Frauen ausgeht, ist so hoch, dass unseres Erachtens eine sofortige Beendigung der Kampagne unabdingbar ist.“

Inzwischen hörten die kritischen Kommentare auf der Facebook-Seite nicht auf. Auch Opferschutz- und Täterpräventions-Verbände sowie Frauenorganisationen und Ministerien wurden informiert und/oder um Stellungnahmen gebeten. Die einzige Reaktion seitens der am Projekt federführend beteiligten Frauenbeauftragten war zu diesem Zeitpunkt dieses Statement:

„ Unsere Prävention zur Verhinderung von Vergewaltigung und sexueller Nötigung hat zum Ziel, weitere zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Primär ging es nicht darum Beratungsangebote für betroffene Frauen zu unterbreiten, sondern auf die Situation hinzuweisen, dass in Deutschland jede dritte Minute eine Frau vergewaltigt wird. Nicht die Frauen sind die Zielgruppe des Spots. Intension ist es, jungen Männern zu verdeutlichen, dass Vergewaltigung eine massive Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen ist. […]

Wir gehen davon aus, dass die Diskussion und Auseinandersetzung mit diesem Thema Taten verhindern kann. Gewalt nicht zu thematisieren ist unserer Meinung nicht zielführend. Um Gewalt an Frauen verhindern zu können sollte eine Auseinandersetzung mit Männern geschehen. Ergänzend zur Beratungsarbeit mit den Opfern muss auch an den strukturellen Ursachen von Gewaltverbrechen gearbeitet werden, dies befördert den Schutz von Frauen.

Natürlich ist uns bewusst, dass wir durch den Spot eine kleine Anzahl rücksichtsloser Gewalttäter nicht erreichen.

Vergewaltigung und sexuelle Nötigung müssen geächtet werden – gerade diese Auseinandersetzung ist im öffentlichen Raum deshalb von äußerster Wichtigkeit und auch Aufgabe der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten.

Zukünftig wird der Kinospot mit einer Trigger-Warnung zu sehen sein!“

Unterdessen moderierte immer noch niemand von fachlicher oder verantwortlicher Seite die Facebook-Kommentare. Eine mit dieser Aufgabe völlig überforderte Studentin, die Teil des Uni-Projektes war, wurde mehrere Tage lang mit dem Versuch allein gelassen, der Diskussion standzuhalten. Eine weiterführende Diskussion zum Thema war deshalb unmöglich.

Keine Auseinandersetzung erwünscht

Doch dann, genau eine Woche, nachdem meine Kollegin den Stein ins Rollen brachte, kam die unerwartete Kehrtwende. Der Film wurde urplötzlich aus den Kinos und aus dem Netz genommen. Die Diskussion auf Facebook wurde vollständig gelöscht. Sogar eine Podiumsdiskussion wurde abgesagt, obwohl doch gerade „die Auseinandersetzung im öffentlichen Raum“ ein Ziel des Films war. Auf Facebook hieß es dazu:

“Wir bedauern, dass sich die Diskussion um den Film so entwickelt hat, dass sie dem Thema nicht mehr dienlich ist. Wir hoffen jedoch, dass wir mehr Menschen für das Thema sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung sensibilisiert haben.“

Die Vorgänge werden ganz sicher sehr viele Menschen dafür sensibilisiert haben, Gewaltprävention von Gewaltbeschönigung zu unterscheiden und sich stärker für die Opfer einzusetzen. Die Diskussion war aber ausschließlich deshalb dem Thema nicht dienlich, weil von verantwortlicher Seite jede Auseinandersetzung zum Thema verweigert wurde.

Eine einzige Frau kann sehr viel bewegen

Zurück bleiben bei mir zwei Dinge: zum einen das Unverständnis, wie so ein Film unter der Ägide einer Frauenbeauftragten entstehen kann, ohne dass entsprechende Opfer- und Täter-Verbände zu Rate gezogen wurden (denn das muss ich annehmen, da niemand von offizieller Seite bestätigen wollte, von wem die Studierenden fachlich beraten und begleitet wurden).

Und zum anderen dies: Erinnert Ihr Euch an die sexistischen Werbevideos der Alte-Leipziger-Versicherung? Schon damals hatte der Widerstand mehrerer Frauen dazu geführt, dass diese Videos innerhalb kurzer Zeit vom Netz genommen wurden. Auch diesmal haben Frauen es geschafft, Frauenfeindliches zu stoppen. Und zwar alleine durch den Anstoß einer einzigen Frau (danke dafür, liebe Kollegin!).

Eine einzige Frau kann also sehr viel bewegen. Und wenn wir Frauen zusammenhalten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, dann können wir das auch schaffen.

Nun stell dir nur mal vor, wie schnell wir eine echte Gleichberechtigung der Frauen durchsetzen könnten, wenn wir dies gemeinsam angingen.

 

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Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

3 Gedanken zu “„War schon geil“? Was deine Stimme bewirken kann

  1. Super Zusammenfassung der Geschehnisse, Birte. Bin ich froh, dass DAS vorbei ist!
    Und jetzt geht es weiter, nicht still sein, sondern alle Hebel in Bewegung setzen, wenn es um Frauenrechte geht!

    • Dank Dir, Heike! Es ist wirklich toll, dass der Film nicht mehr gezeigt wird – auch wenn es mir für die Studierenden wirklich leid tut. Aber mit das Schönste an der ganzen Sache ist eigentlich, zu sehen, wie viel Frauen erreichen können, wenn sie sich nur zusammentun.

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