So sexistisch ist die Sportberichterstattung

Das deutsche Fußball-Nationalteam der Frauen bestreitet heute das letzte EM-Qualifikationsspiel gegen Kroatien. Und die Medien? Berichten sie über die Teamaufstellung? Bringen sie Interviews mit Trainerin Silvia Neid? Mit Saskia Bartusiak, Isabel Kerschowski, Alex Popp? Belagern sie sie beim Training und berichten im Minutentakt über ihre Verfassung? Wie sexistisch ist die Sportberichterstattung?

Auf Twitter erfuhr ich gestern Abend von dem Spiel:

 

Heute früh schaute ich dann bei vier großen überregionalen Medien nach: Spiegel.de, Süddeutsche.de, FAZ.net, ZEIT.de. Portale, die am Morgen vor einer EM-Quali normalerweise mit großer Fußballberichterstattung, Interviews mit Jogi Löw und allen Poldis, Götzes, Gomez‘ und zahllosen Fußballexperten glänzen. Und heute?

Nichts.

In keinem einzigen dieser Onlineauftritte fand ich heute um 9:30 Uhr auch nur ein einziges Wort. Weder auf der Startseite noch im Sportteil. Keine Ankündigung, kein Hinweis darauf, wann das Spiel läuft. Kein Interview, kein Wort von Silvia Neid, kein Gastkommentar von der verletzten Simone Laudehr, kein einziges Trainingsfoto, kein Wort dazu, wie sich eigentlich Steffi Jones so macht. Von der Teamaufstellung ganz zu schweigen.

So als gäbe es das Spiel heute gar nicht.

König Fußball? Oh ja! Aber Frauen? Ganz sicher nicht.

„Fußball der Frauen im Aufwind!“ Ach, echt? Und wo?

Zur Erinnerung: Wir schreiben das Jahr 5 nach der Fußball-WM in Deutschland. Weißt du’s noch? Was war das für ein Fest! Die Stadien waren fast immer voll, die Fans begeistert, die Autos voller Deutschlandflaggen, die „Public-Viewings“ immer voll, die Medien überschlugen sich, die Quoten waren höher als bei den meisten anderen Sportarten, und das, „obwohl“ es doch „nur“ die Frauen waren. Das Medienmagazin DWDL berichtete nach dem Finale:

„Der Marktanteil am Sonntagabend belief sich auf 46,6 Prozent beim Gesamtpublikum. […] Auch die Berichterstattung drumherum kam im Schnitt auf knapp über elf Millionen Zuschauer und 39,4 Prozent Marktanteil.“

Die Expert_innen vermeldeten, dass der Fußball der Frauen ab jetzt Aufwind bekommen würde. Alle waren sich sicher: das ist der Beginn der Gleichberechtigung im Lieblingssport der Deutschen, wo eben nicht nur Nacktfotos von Spielerinnen zählen, sondern ausschließlich der Sport, die Spielfreude, die Leistungen und die Ergebnisse.

Und wo sind sie heute? Wie fast immer, wenn es um Frauen geht, verschwanden sie sehr schnell wieder aus dem Blickfeld. Gerade weil es um Frauen geht, wurde mal wieder nichts draus aus den vollmundigen Prophezeihungen.

Nachgezählt: Wie sieht’s im Sportteil deiner Lokalzeitung aus?

Immerhin überträgt die ARD das Spiel heute ab 17:45 Uhr live. Mach dir doch mal den (zweifelhaften) Spaß und achte darauf, wie bei dem Spiel über die Spielerinnen und Trainerinnen gesprochen wird – ist es wieder „der Kapitän“, „der Gegner“, „die 2-Mann-Mauer“? Wird in stereotyper Weise auf das Äußere der Spielerinnen Bezug genommen? Haben sie wieder Wellness gemacht oder die Nägel lackiert? Wie viele Klischees werden es diesmal wohl sein? Zur Einstimmung kannst Du ja nochmal diesen Artikel lesen: „Mach’s besser: Fußball richtig kommentieren“.

Und falls du dann noch kannst und magst: zähl mal ein paar Wochen lang im Sportteil deiner Lokalzeitung, in wie vielen Berichten über Frauensport geschrieben wurde im Vergleich zum Männersport. Und auf wie vielen Fotos im Sportteil Frauen zu sehen sind und wie groß die Fotos sind und ob sie auf der ersten oder einer der folgenden Seiten sind. Und schau mal nach, wie klischeehaft die Überschriften und Inhalte von Artikeln über Frauen sind.

„Jaaaa“, werden jetzt die ganz Eifrigen einwenden, „Frauenfußball ist ja im Vergleich zum Männerfußball extrem unprofessionell und einfach nur schlecht.“ Wenn das aber tatsächlich ein Auswahlkriterium in der Sportberichterstattung wäre, dann dürfte auch nicht über die ewigen Kellerkinder der Bundesliga oder gar über Bezirksligen berichtet werden. Denn im Vergleich zu den Top-Teams sind sie ebenfalls einfach nur schlecht.

Sport als schwerwiegender Faktor in der medialen Diskriminierung

Die Gründe liegen ganz woanders. Nach meiner Erfahrung ist die Sportberichterstattung nach den Boulevardblättern einer der schwerwiegendsten Faktoren in der medialen Diskriminierung von Frauen. Die Themen- und Bildauswahl der Sportredaktionen ist in sehr vielen Fällen sexistisch, wie es sexistischer kaum geht.

Die Sportberichterstattung verschweigt Frauen oft vollständig oder erwähnt sie häufig nur dann, wenn eine Sportlerin etwas extrem Außergewöhnliches getan, eine ganz große Dummheit begangen oder sich für eine Zeitschrift ausgezogen hat. Anders als bei den Männern, die selbst dann immer wieder vorkommen, wenn sie höchstens Mittelmaß sind, kommen selbst herausragende Sportlerinnen kaum oder gar nicht vor.

Seit meinem Artikel „Zwischen Ignoranz, Beschimpfung und Mansplaining: Was König Fußball uns Frauen lehrt“ von Juli 2015 hat sich offensichtlich immer noch nichts geändert. Warum nicht?

Weil es um Frauen geht.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

6 thoughts on “So sexistisch ist die Sportberichterstattung

  1. Schon immer hadere ich mit der Sportberichterstattung. Schaut man sich an, was in den Medien übertragen oder berichtet wird, könnte man auf den Gedanken kommen, es gibt weltweit überhaupt nur ein oder zwei Händevoll Sportarten. Fußball, Autofahren, Tennis und sowas finde ich ziemlich langweilig, deshalb überblättere ich den Sportteil meist. Wäre der Sportteil abwechslungsreicher und vielfältiger, wäre es vermutlich anders. Ich gucke im Fernsehen ja auch eher Curling, Rugby, Darts oder Snooker als diese ganzen herkömmlichen Sportarten.

    Frauen tauchen meinem Eindruck nach dabei vor allem dann auf, wenn sie den Herren Sportjournalisten dekorativ genug sind. Ob als Sportlerinnen oder Moderatorinnen. Gern genommen die Wintersportlerinnen oder die Damen aus dem Tennis. Eine Sport-Moderatorin im TV, die nicht sportlich durchtrainiert, langbeinig und -haarig ist? Beinahe undenkbar.
    Ich kann mich auch noch gut an das Murren erinnern, als die kurzhaarige, einfach wie ein normaler Mensch aussehende WDR-Sport-Moderatorin Sabine Hartelt Fußball moderierte. Dass SOWAS möglich ist! Und dann moderierte sie auch noch so unweiblich. Ts. Das gab’s ja auch schon zuvor (das Murren), aber in diesem Fall fiel es mir auf, weil ich sie durch ihre sachkundige Moderation des CHIO Aachen kannte.

    Von all dem abgesehen habe ich mir nach dem Lesen Deines Artikels ein paar Tage lang den Spaß erlaubt, mal nachzuzählen, wie hoch der Anteil von Berichten über Frauen im Sport tatsächlich ist. Gezählt habe ich dabei die Artikel und Artikelchen, die über eine reine Minimeldung hinaus gehen. Als Pferdemensch habe ich die Stuten, die momentan im Galopprennsport Furore machen, hinzugezählt. Sind immerhin auch Frauen, schnelle dazu.

    16.4. 24 Berichte aus dem Sport. Darunter drei kleine Meldungen über Sportlerinnen. Und ein größerer über die galoppierende Stute Dhaba.
    18.4. 39 Artikel, 5 davon über Frauen im Sport, einer über eine Stute
    19.4. 21 Artikel, 3 davon Frauen.
    21.4. 17 Artikel, 2 Frauen.

    Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger

    Tja.

  2. Liebe Wibke,
    Snooker! Ich dachte, ich bin die Einzige weltweit, die das schaut… Das andere Thema ist ein Elend. Zählen ist gut, sichtbar machen auch. Nicht mehr einschalten oder kaufen (und das den Redaktionen mitteilen) eine andere Möglichkeit. Schließlich leben die ja alle von Werbeeinnahmen, und ich kann nicht glauben, dass ein Anzeigenkunde auf 50% Sichtbarkeit verzichten will.

  3. Insgesamt finde ich die Sportberichterstattung mau. König Fußball regiert, andere Sportarten bekommen nur in der spielfreien Zeit etwas mehr Platz.
    Die Sportseite der FAZ blätter ich von hinten an, da die ersten 3 Seiten eh immer nur von Fußball beherrscht werden.
    Da findet die Verleihung für den Sportler (und die Sportlerin) des Jahres statt und die Sportjournalisten beklagen, daß sie bei den Frauen nicht wußten, wen sie überhaupt nominieren sollen. Leute, Euer Job ist es über Sportler*Innen zu schreiben und Euch fällt keine Sportlerin ein?

    Lese einen Artikel über eine Judo-Meisterschaft, da wird lang und breit beschrieben wie der letzte (deutsche) Mann unglücklich ausgeschieden ist, während es Medaillen bei den Frauen gab, dies aber nur am Rande erwähnt wird.

    Tennis – Wimbledon – junge Deutsche landet überraschend im Achtelfinale. Kurzkommentar hält sich daran auf, wie überraschend das ist und das die Gegnerin schwer wird. Mehr Info zur Sportlerin? Fehlanzeige.

    Unterdessen über den großen Teich geschaut: http://www.bcinterruption.com/boston-college-womens-hockey-2015-2016/2016/4/4/11358008/tape-delayed-womens-ncaa-hockey-final-had-more-tv-viewers-than-any

    „Tape-Delayed Women’s NCAA Hockey Final Had Higher TV Ratings Than Any Men’s Tournament Game“

    Tape-delayed heißt das Finale wurde mit *einer Woche* Verspätung gezeigt.

    @frauziefle : ich habe vor Jahren mal eine Email an den WDR geschickt und mich für einen Eishockey-Beitrag bedankt.
    Ich bekam eine unglaublich freche Antwort zurück, daß die meisten Zuschauer nach den Berichten zur Fußball Oberliga (oder was auch immer, jedenfalls irgendeine 3.klassige Fußballiga) abgeschaltet hätten.

    Es ging um Männer-Eishockey. Möchte nicht wissen, was ich für eine Antwort bekäme, wenn ich nach Frauen-Sport fragen würde. :-/

  4. Ganz schlimm war dieses Jahr auch die Pokalberichterstattung. Wohl, weil beide Finalspiele dieses Jahr wieder am selben Tag stattfanden – sehr zu ungunsten der Frauen! Die haben am Nachmittag gespielt und danach, soweit ich das gesehen habe, gerade mal 19 Sekunden (!!) bei den 19-Uhr-„heute“-Nachrichten bekommen. Natürlich nach dem ausführlichen Vorbericht über das Männer-Spiel. Später war gar nichts mehr von den Frauen zu hören/sehen, nur noch vom Männerfinale. Dieses elendige Beispiel kann man sogar noch unter http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2745118/ZDF-heute-Sendung-vom-21-Mai-2016 anschauen.

    Einen tollen Blog hast Du!

    LG
    Inga

    • Dank Dir für das Kompliment! 🙂

      Was die Berichterstattung betrifft, ist „ganz schlimm“ für die Berichterstattung über Frauen im Sport ja leider Alltag, und zwar in so gut wie allen Medien. Davon abgesehen ist das ZDF aber ohnehin in Sachen Gleichberechtigung eher unterbelichtet. Immer wieder reden sie dort in den Nachrichten von „dem Wähler“, „dem Bürger“ oder „dem Leser“, so als gäbe es nur Männer in dieser Gesellschaft. Schon krass, dass ausgerechnet Journalist_innen in diesem Fall die Fakten (wissenschaftliche Studien zum generischen Maskulinum) völlig außer Acht lassen.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: