Nachgezählt: Nobelpreise für Frauen – Warum nur so wenige?

Nobelpreise für Frauen – Warum nur so wenige? (Foto: IsaacFryxelius/Pixabay. Grafik: Birte Vogel)

Gerade wurde der erste der diesjährigen Nobelpreise bekanntgegeben. Der Nobelpreis für Medizin geht 2017, wenig überraschend, an drei Männer. Wer nun meint, diese Preise würden ausschließlich aufgrund herausragender Leistungen an diese Männer vergeben, verkennt die frauenfeindlichen Strukturen, die beim Medizin-Nobelpreis zu einem Frauenanteil von nur 6% in 116 Jahren führen. Warum also gibt es nur so wenige Nobelpreise für Frauen?

Nobelpreise für Frauen – Warum nur so wenige? (Foto: IsaacFryxelius/Pixabay. Grafik: Birte Vogel)

In unserer Gesellschaft wird nie nur nach Leistung beurteilt – weder in der Schule noch im Beruf, weder in der Wissenschaft noch bei der Vergabe von Preisen. Das Geschlecht spielt grundsätzlich ebenfalls eine Rolle und wirkt sich für Frauen fatal aus. Denn alles, was das Tag „Frau“ oder „weiblich“ trägt, wird automatisch schlechter beurteilt als das, was von Männern kommt.

In der Wissenschaft führt dies bspw. zu einer Bevorzugung männlicher Bewerber auf eine wissenschaftliche Stelle, wie eine Studie der Yale University 2012 herausfand. Für eine leitende Laborstelle wurden gleich lautende Bewerbungen abgegeben, die sich allein durch den Namen der Person unterschieden, die sich bewarb.

Identischer Lebenslauf, aber die Frau wird als weniger kompetent eingeschätzt

Die Studie stellte fest: Der Mann wurde als erheblich kompetenter eingeschätzt als die Frau – obwohl von beiden ein identischer Lebenslauf vorlag. Dem Mann wurden noch dazu ein höheres Einstiegsgehalt sowie ein ausführlicheres Karriere-Mentoring angeboten. Und es wurde weniger für die Frau gestimmt, da sie als weniger kompetent eingeschätzt wurde. Obwohl die Bewerbungen identisch waren.

Mit solchen Voraussetzungen, die zu der ohnehin vorhandenen strukturellen Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft hinzukommen, schaffen es also von vornherein weniger Frauen in der Wissenschaft, an Jobs zu kommen – erst recht an Spitzenpositionen. Denn es hängt nachweislich NICHT von ihrer Leistung ab, ob sie den Job erhalten.

Medizinstudentinnen: 68,9%. Medizin-Professorinnen mit höchster Besoldung: 12,1%

Ein Bericht der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz kommt zu dem Ergebnis, dass der Frauenanteil unter den Studierenden der Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften 2014 noch 68,9% betrug. Der Anteil von Frauen an Promotionen lag bei 59,8%. Bei Habilitationen waren es dann aber nur noch 24,9%.

Frauen hatten 2014 in der Humanmedizin nur zu 19,2% feste Professuren inne. In der höchsten Besoldungsstufe waren es sogar nur noch 12,1%.

Es schaffen also ganz grundsätzlich nur sehr wenige Frauen bis zur Liga derer vorzudringen, die genügend Forschungsgelder erhalten. Gelder die sie aber zwingend benötigen, um überhaupt bahnbrechende Forschungen durchführen zu können, die dann preiswürdig wären.

Es ist deshalb auch sehr fraglich, inwiefern die Vergabe der Forschungsgelder allein auf wissenschaftlichem Wert der geplanten Forschung beruht oder ob Anträge von Frauen dort nicht nach ähnlichem Muster (Mann = kompetenter, Frau = weniger kompetent) ausgesiebt werden.

„Unconscious bias“ – unbewusste Voreingenommenheit – spielt eine große Rolle

Häufig ist diese Benachteiligung der Frauen aber nicht einmal eine bewusste Handlung. Sie wird sehr oft dem „unconscious bias“ angelastet: der unbewussten Voreingenommenheit derjenigen, die sich zwischen Frau und Mann entscheiden müssen, für eine Stelle, für Fördergelder, Forschungsgelder oder Nobelpreise.

Dass diese unbewusste Voreingenommenheit gegenüber Frauen überhaupt existiert, ist auf die strukturelle Benachteiligung und Abwertung von Frauen und allem, was als weiblich definiert wird, zurückzuführen. Und die beginnt im Kindesalter, wenn das Mädchen hübsch ausstaffiert und lieb sein muss, während der Junge nachlässig und frech sein darf.

Sie geht weiter damit, dass Mädchen in der Schule nicht frei in ihrer Kleiderwahl sind, weil sie mit angeblich zu freizügiger Kleidung Jungen und Lehrer angeblich zu sehr ablenken. Es müssen sich die Mädchen einschränken, die Jungen nicht.

Es geht dann weiter bei der Berufswahl, bei der Mädchen immer noch suggeriert wird, dass sie bei der Entscheidung ja daran denken müssen, ob sie mal Kinder haben wollen oder nicht. Kinder zu betreuen wird quer durch die Gesellschaft immer noch nicht als eine 50/50-Aufgabe für Mutter UND Vater angesehen, sondern in erster Linie als Aufgabe der Mutter.

Dementsprechend planen sehr viele Mädchen schon während der Schulzeit, einen Job anzustreben, der ihnen die Kinderbetreuung erlaubt. Sie werden in dem Glauben gelassen, das müsse so sein. Jungen bleibt dies aber erspart – sie wählen ihren Beruf frei von solchen Bedenken.

Es geht nie ausschließlich nach Leistung, wenn das Geschlecht bekannt ist

Und nicht zuletzt kommt dann bei der Auswahl der Bewerber_innen die in der obigen Studie nachgewiesene Diskriminierung von Frauen hinzu, die sie automatisch als vermeintlich weniger kompetent erscheinen lässt als Männer – nur weil sie Frauen sind.

All dies lässt den Schluss zu, dass es auch bei der Auswahl der Nobelpreisträger_innen nicht ganz ohne eine unbewusste Voreingenommenheit zugeht. Dass es dort mitnichten ausschließlich um herausragende Leistungen geht.

Dies impliziert übrigens selbst die Vergabe des Literaturnobelpreises: der Anteil der herausragenden Schriftstellerinnen ist sicher nicht geringer als der der Medizinerinnen in der Spitzenforschung, vielleicht sogar wesentlich höher. Dennoch gehören in den Schulen bis heute vor allem männliche Autoren zum Kanon, und Literaturpreise werden mit großer Mehrheit an Männer vergeben. Der Literaturnobelpreis ging in seit seiner ersten Vergabe 1901 ganze 14x an Frauen, aber 99x an Männer (Stand 2016).

Auch Frauen selbst sind nicht frei von unbewusster Voreingenommenheit

Warum also gibt es so wenige Nobelpreise für Frauen? Weil unsere Gesellschaft Frauen in jedem einzelnen Lebensbereich benachteiligt. Selbst wenn sie seit Jahrzehnten Spitzenforschung betreiben oder herausragende Literatur schreiben – die Voreingenommenheit gegenüber Frauen, die ihre Arbeit als weniger gut, weniger wert dastehen lässt als die der Männer, verhindert, dass Frauen öfter mit Preisen ausgezeichnet werden.

Übrigens hat das nichts mit der Zusammensetzung der Jury zu tun. Frauen in Jurys sind in der Regel in genau demselben System aufgewachsen wie die Männer in Jurys. Auch diese Frauen haben es verinnerlicht, dass Frauen und ihre Arbeiten angeblich weniger gut, weniger wichtig und weniger wert sind als Männer und ihre Arbeit.

Überprüf dich mal selbst bei deinen Gedanken zu Preisvergaben, beim Bücherkauf, bei jeder Entscheidung zwischen Frau oder Mann: Welche Gründe hast du tatsächlich für die Entscheidung? Wie frei bist du bei dieser Entscheidung? Wie voreingenommen reagierst du, sowie du weißt, ob eine Errungenschaft, ein Werk, eine Äußerung von einer Frau kommt und nicht von einem Mann? Ich denke, du wirst überrascht sein – aber wahrscheinlich nicht im positiven Sinn.

Und noch eins: frag dich doch auch mal, wenn du das nächste Mal im Fernsehen Medikamentenwerbung siehst, wen du vor Augen hast, wenn der Warnhinweis „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ am Ende kommt. Eine Ärztin? Eine Apothekerin? Warum nicht?

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

7 Gedanken zu “Nachgezählt: Nobelpreise für Frauen – Warum nur so wenige?

  1. Danke Birte <3
    „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ :
    Das Deutsche als männliche Sprache LFPusch (wenn ich mal ÖR gucke und es kommt die Ansage "und jetzt zum Sport" dann ist es wieder nur Männersport …)
    … und eine lange Liste von Frauen, die u.a. als Erste und deren Leistungen verschwiegen wurden/werden, weil … usw. usf. (und von denen ich nichts wusste, trotz Gymnasium und Studium, bis, alas, Internet)
    solidarische Grüsse

    • Dank Dir, Grit. Genau das ist der Punkt: wir lernen fast nichts über diese Frauen! Nicht im Literaturkanon, nicht in den Medien, und schon gar nicht aufgrund hoch dotierter Preise. Das lässt die Leistung all dieser Frauen grundsätzlich als weniger wert dastehen. Dass das heute überhaupt noch durchgeht, ist einfach nur unfassbar.

  2. p.s./Randbemerkung
    habe gerade noch etwas gefunden, vllt interessiert es Dich auch,
    z.B. wurde Lise Meitner zwischen 1925 und 1965 48 Mal nominiert ohne jemals einen Nobel zu erhalten.
    hier von Mika McKinnon – englisch :
    TIL Nobel Prize information is held confidential for 50 years. Future science writers: Check in 2066 for how often Vera Rubin was nominated.
    x
    For bonus bitchiness, Meitner was also nominated for the Nobel Prize in Chemistry 19 times. That’s 48 nominations 1925-1965, no wins.
    x
    More frustratingly, although cleared through 1966, the database is only updated through 1963 right now.
    https://twitter.com/mikamckinnon/status/821214471326560256

    • Danke für diesen Link! Für die, die ihn noch nicht gesehen haben: da hat eine Geophysikerin mal #nachgezählt, wie viele Frauen bis vor (etwas über) 50 Jahren überhaupt für den Physiknobelpreis vorgeschlagen und wie viele trotz zigfachen Vorschlags dennoch nie den Nobelpreis erhalten haben.

      Ich finde ja, man müsste die Nominierungen sofort öffentlich machen. Wie bei Filmpreisen und anderen. Allerdings würde das an dem Gesamtbild, der Anzahl der Auszeichnungen im Vergleich zu den Nominierungen und im Vergleich zu der tatsächlich geleisteten nobelpreiswürdigen Arbeit, wohl nichts ändern. Aber der Sexismus, der auch heute noch dahinter steht, wäre wenigstens deutlicher.

  3. gerne 🙂
    „Ich finde ja, man müsste die Nominierungen sofort öffentlich machen.“
    Jaaa, das finde ich auch, die sollten nicht 50 (!) Jahre soz. unter Verschluss sein.
    Boah, was seit 1963 alles so passiert ist … #smh
    Sexismus = System + Strukturen
    ((120 Jahre NSU-Verschluss passt hier nicht, ich weiss, kam mir aber gerade hoch))
    und 2066 mal Vera Rubin nachgucken … #RIP

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