Nachgezählt: Goethe-Medaille – zu viel der Ehre für Frauen?

Nachgezählt: Goethe-Medaille (Foto: cocoparisienne/Pixabay, Grafik: Birte Vogel)

Die Goethe-Medaille wurde 2017 zum ersten Mal in ihrer Geschichte an keinen einzigen Mann verliehen, dafür aber an drei Frauen gleichzeitig. Ich wollte mal nachsehen, wie das so ist mit diesem offiziellen Orden, den das Goethe-Institut im Auftrag des Auswärtigen Amtes verleiht. Also habe ich nachgezählt …

Nachgezählt: Goethe-Medaille (Foto: cocoparisienne/Pixabay, Grafik: Birte Vogel)

Die Goethe-Medaille, ein offizieller Orden der Bundesrepublik Deutschland, wird einmal pro Jahr verliehen. Mit ihr werden, so das Goethe-Institut:

„Persönlichkeiten geehrt, die sich in besonderer Weise um die Vermittlung der deutschen Sprache sowie den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben.“

Zu diesen Persönlichkeiten gehörten bislang u. a. Berühmtheiten wie György Ligeti, Billy Wilder, Ralf Dahrendorf, Dani Karavan, Daniel Libeskind, Imre Kertész, John le Carré, Ruth Klüger, Ariane Mnouchkine und Simone Young.

Lass dich aber von dieser Aufzählung nicht irritieren, es kommt anders.

Die Leitung des Goethe-Instituts ist seit seiner Gründung vollständig in Männerhand: Präsidenten, Geschäftsführer, Kaufmännische Direktoren – alles Männer. Angesichts der Tatsache, dass das Goethe-Institut hauptsächlich aus Bundesmitteln finanziert wird (also auf Basis des Grundgesetzes und auch aus den Steuern von Frauen), ist das schon mal ein krasser Fakt.

Nicht weniger krass ist die Vergabe der Goethe-Medaille: Sie repräsentiert 62 Jahre gelebten Instituts-Sexismus. Denn seit 1955 verteilte sich die Auszeichnung laut Übersicht des Goethe-Instituts so:

Nachgezählt: Goethe-Medaille an Frauen (Grafik: Birte Vogel)

Ja, genau: die Auszeichnung ging 324-mal an Männer. Und sagenhafte 32-mal an Frauen. In Worten: dreihundertvierundzwanzig zu zweiunddreißig. Das sind ganze 9% für Frauen. Lass dir das mal auf der Zunge zergehen. Neun. Einstellig.

Viel hat sich also nicht geändert seit Goethes und Schillers Zeiten. Na und, fragst du, wo ist denn hier nun schon wieder das Problem?

Warum ist die Verleihung der Goethe-Medaille fast ausschließlich an Männer ein Problem?

Na ja, zunächst finanzieren wir Frauen mit unseren Steuern dieses Institut mit. Und wir stellen mehr als die Hälfte der Bevölkerung und müssen von unseren Repräsentant_innen im In- und Ausland erwarten können, dass sie genau diese Fakten auch in ihrer Repräsentation unseres Landes im Ausland ausreichend würdigen und darstellen. Weil es 2017 ist.

Wie soll so ein türkischer oder iranischer Präsident oder ein saudischer König die gesetzlich festgeschriebenen Frauenrechte Deutschlands ernst nehmen, wenn sogar die weltweit renommierte Kulturrepräsentation unseres Landes die wichtigsten und prestigeträchtigsten Posten und Auszeichnungen (fast) immer nur an Männer vergibt? Die Preisvergabe an Frauen ist doch nichts weiter als ein harmloses Lippenbekenntnis.

Hinzu kommt: Der Anteil von Frauen in der Kultur ist beinahe so hoch wie der der Männer. Das muss sich selbstverständlich auch in solchen Preisvergaben widerspiegeln. Denn es wäre purer Sexismus zu behaupten, die Arbeit der Männer wäre in Inhalt, Qualität und Wirkung in solch erheblichem Maße besser und wichtiger für die Vermittlung von Sprache und den internationalen Kulturaustausch als die Arbeit der Frauen.

Wie muss ich mir die Beseitigung bestehender Nachteile bei 324:32 vorstellen?

Nicht zuletzt haben wir seit fast 70 Jahren den Artikel 3.2 im Grundgesetz, der besagt, dass Frauen und Männer in Deutschland gleichberechtigt sind. Das muss sich selbstverständlich in der Arbeit und Außenwirkung eines vom Bund finanzierten Instituts widerspiegeln. Eine auch nur halbwegs angestrebte Gleichberechtigung bei der Vergabe dieser Medaille ist aber noch nicht einmal im Ansatz zu erkennen.

Artikel 3.2 besagt außerdem:

„Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Der Staat – in diesem Fall also das Auswärtige Amt und das von ihm installierte Goethe-Institut – hat diesen Teil des Gesetzes offensichtlich auch nach fast 70 Jahren noch immer nicht verinnerlicht. Genau genommen ist also diese extreme Diskriminierung der Frauen bei der Medaillen-Vergabe ein Verstoß gegen das Grundgesetz. Denn von einer Hinwirkung auf die Beseitigung bestehender Nachteile kann man bei einem Verhältnis von 324:32 nun wirklich nicht mehr reden.

Feminismus ist mega. Außer es geht um Auszeichnungen (und Ämter, Öffentlichkeit, Geld …)

Es ist freilich ein Verstoß, von dem aus alter Gewohnheit erwartet wird, dass wir Frauen den schon hinnehmen. Erst recht, wenn dann doch schnell mal drei Frauen geehrt werden, weil Frauenthemen ja gerade so hip zu sein scheinen, mit dem Women’s March und dem #Aufschrei und all diesem feministischen Zeugs, das da gerade los ist. Was ja jetzt gerade auch (bis auf die üblichen Hater_innen) alle mega finden.

Außer, natürlich, es geht um etwas. Ämter, Öffentlichkeit, Geld und Auszeichnungen, z. B.

Und ganz nebenbei suggeriert diese skandalöse Vergabepraxis der Goethe-Medaille, dass die Arbeit all der unzähligen Frauen, die sich weltweit um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch verdient machen, nichts wert ist. Schon gar keine Medaille. Die muss ja dann wohl zu viel der Ehre für Frauen sein. Zumindest in den Augen der Bundesrepublik. Sonst würden Frauen ja viel häufiger ausgezeichnet, oder nicht?

Frauen dürfen also gerne in der Sprachvermittlung und Kultur arbeiten. Aber, Überraschung!, zu geringeren Gehältern und Honoraren als die Männer. Der Gender-Gap in der Kultur beträgt aktuell 24 Prozent Heißt: Männer bekommen für dieselbe Arbeit und bei gleicher Qualifikation im Durchschnitt 24% mehr Geld als Frauen. Und in diesem Fall 91 Prozent der Auszeichnungen. 1A-Förderung der Durchsetzung der Gleichberechtigung, findest du nicht?

Was kannst du dagegen tun?

Die Malerin Kristina Henze sagte einmal sinngemäß: Erst wenn im Bundeskanzleramt genauso viele schlechte Künstlerinnen vertreten sind wie schlechte Künstler, werden wir Frauen gleichberechtigt sein.

(Ich möchte dem hinzufügen: Erst dann, wenn es offiziell Bundeskanzlerinnenamt heißt – schließlich haben wir seit Jahren eine Bundeskanzlerin, keinen Kanzler. Und so wie es kurz vor der Bundestagswahl scheint, wird sich das wohl nicht so schnell ändern.)

Auf die Medaillenvergabepraxis des Goethe-Instituts übertragen hieße das: Der gesetzliche Auftrag der Gleichberechtigung ist erst dann erfüllt, wenn die Goethe-Medaille 648-mal verliehen wurde und davon 324-mal an Frauen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte kürzlich im Deutschlandfunk:

„Wir werden ein Projektbüro einrichten, „Frauen in Kultur und Medien“ beim Deutschen Kulturrat, das auch nachhaltig […] eine solide Datenbasis […] erstellt: Frauen zählen, Frauen zählen, Frauen zählen.“

Zähl mit! Und zwar laut!

Überlass das Zählen und das Sprechen darüber aber nicht diesem Projektbüro, von dem wir noch gar nicht wissen, wann es je eingerichtet werden und wie es finanziell und personell ausgestattet sein wird. Ob es nicht auch einfach nur ein Lippenbekenntnis sein wird.

Deshalb: Zähle mit! Und wenn du Zahlen hast, mach sie öffentlich! Beschwere dich bei jenen Institutionen, die du mit deinen Steuern mitfinanzierst. Verlange, dass sie den Frauenanteil erhöhen – denn sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, die strukturelle Bevorzugung der Männer abzuschaffen.

Sei unbequem und laut und solidarisch.

Sonst wird sich nie etwas ändern.

 

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

9 Gedanken zu “Nachgezählt: Goethe-Medaille – zu viel der Ehre für Frauen?

    • Danke Dir! 🙂

      Zu Deiner Frage: nein, habe ich (noch) nicht. Es wäre ein Vollzeitjob, solche Ergebnisse den Entscheider_innen zu schicken und so lange nachzuhaken, bis ich eine akzeptable Antwort (und nicht das übliche PR-Blabla) erhalte. Das habe ich lange genug versucht – insbesondere bei den Medien, die aufgrund ihrer Reichweite nochmal eine ganz andere Verantwortung haben. Aber viele wollen sich zu dem Thema gar nicht äußern, geschweige denn, auch nur im Stillen damit auseinandersetzen. Da laufe ich zu oft nur gegen Mauern an.

      Es ist ja auch kein vereinzeltes Problem ist, sondern ein strukturelles, gesamtgesellschaftliches. Und ein weltweites, wie ich heute feststellte: im fernen Neuseeland fiel doch einem Moderator ernsthaft ein, die Oppositionsführerin zu fragen, was sie zum TV-Duell anziehen will …

      Ich alleine kann kein Umdenken bei Entscheider_innen und Verantwortlichen in Gang bringen. Das schaffen wir nur alle gemeinsam. Insofern sehe ich meine Aufgabe mittlerweile eher darin, mehr Öffentlichkeit und damit mehr Bewusstsein für diese Themen bei denen zu schaffen, die es betrifft, weniger bei denen, die sexistisch handeln.

  1. Liebe thea,
    ..dass Frauen häufiger absagen, habe ich übrigens auch als Antwort von verschiedenen Kongressveranstaltern (nur Männer) erhalten, die ich wegen der fehlenden Referentinnen im Bereich Medizin angeschrieben habe. Ist m.E. keine gültige Ausrede. Dann muss eben eine andere gefragt werden und dann noch eine und noch eine, bis die Quote! erfüllt ist. Und nicht so vorgegangen werden, dass wenn die eine angefragte Frau absagt, wieder der Mann vom Vorjahr gefragt wird.

    Ich bin neulich über ein (ganz anderes, viel schlechter objektivierbares) feministisches Thema gestolpert und wollte fragen, ob Du das Thema ähnlich siehst und vielleicht in Deinen Texten schon mal bearbeitet hast. Als Überschrift könnte das Thema mit dem Zitat aus einer Dissertation einer Bekannten beschrieben werden: „die Patriarchats-protektiven Funktionen der Matriarchats-Behauptung“. Dies nicht (nur) auf ethnologische Studien bezogen, sondern auf den Alltag, z.B. auf die allgegenwärtige Behauptung, eine bestimmte Berufsgruppe oder ein Individuum sei eine starke Figur oder starke Frauen. z.B. Michelle Obama, von der es oft hieß, sie sei eine „starke Figur in der Politik“. Nein, sie war keine starke Figur in der Politik, sondern die FRAU einer starken Figur in der Politik. Merkel oder Clinton sind starke Figuren in der Politik, nicht Michelle Obama. Die Gefahr der Verdrehung ist, dass das nichts geändert werden muss, wenn die Rolle der Ehefrau zu Feminismus bzw. zum Ziel dessen, was erreicht werden soll und kann, erklärt wird.
    Oder prostituierte Frauen. Wie schön, dass man nichts an den bestehenden Verhältnissen ändern muss, da ja prostituierte Frauen jetzt „Sexarbeiterinnen“ sind, die einer starken, selbst bestimmten, ja im Grunde auch feministischen, body-positiven, empowernden Arbeit nachgehen. Ich hoffe, ich konnte verständlich machen, was mich aufregt. Es ist auch nicht so ganz am Thema „Frauen zählen“ vorbei, wie es scheint. Ich denke, dass wir noch ewig für die subtileren Formen des Sexismus brauchen werden. Um so wichtiger, dass die leicht objektivierbaren Formen (Zählen, zählen, zählen bis die Quote kommt!) angegangen werden. Danke für die Arbeit in dieser Richtung!

    • Ich gebe Dir recht, Sophia, diese Ausrede, dass Frauen häufiger absagen, ist lächerlich und inakzeptabel. Deshalb (s. vorige Antwort) versuche ich, die Frauen selbst davon zu überzeugen, dass es richtig und wichtig ist, sich dagegen zu wehren, und dass es genauso wichtig ist, bei solchen Anfragen nicht abzusagen, sondern es irgendwie möglich zu machen und nicht den Männern weiterhin das Feld zu überlassen.

      Zu Deinem anderen Thema: ich sehe es ganz genauso. Die Sprache ist ein extrem wirksames Instrument in der Benachteiligung und Unterdrückung der Frauen. Viele denken, das ist ja alles einfach nur so dahingesagt, aber es stecken gerade in solchen Kleinigkeiten immer dieselben Botschaften, die die alten Bilder wieder und wieder bestärken. Das fängt bei Wörtern wie „Milchmädchenrechnung“ an, geht bei „hysterischen Weibern“ und „Zicken“ weiter und hört bei „Schlampen“, „starken Figuren in der Politik“ und „Sexarbeiterinnen“ noch lange nicht auf. Elisabeth Wehling hat das in ihrem Buch zum Thema politisches Framing sehr gut und verständlich beschrieben.

      Dieses Framing findet natürlich auch im Zusammenhang mit Frauen und der traditionellen Rollenverteilung statt, und leider auch innerhalb vieler feministischer Strömungen. Ich weise immer wieder darauf hin, in Gesprächen, in Netzwerken, in meinen Texten. Aber ich merke täglich, wie teilweise erbittert der Widerstand ist – selbst innerhalb meiner eigenen Zunft, die sich ja den ganzen Tag mit Sprache und ihrer Wirkung auseinandersetzt. Aber die Konditionierung der Frauen, die sie zum Großteil von Kindesbeinen an erfahren haben, macht es ihnen sehr schwer, mit diesen alten Gewohnheiten zu brechen und sich neue Sprachmuster anzugewöhnen. Ich bin da übrigens gar keine Ausnahme – es ist ein langer und schwieriger Prozess. Und deshalb versuche ich mit thea auch ein ganz besonderes Augenmerk auf die Sprache zu legen, aufzuzeigen, womit wir Frauen uns selbst schaden, und wie wir aus diesem Teufelskreis rauskommen können. Aber auch das geht nur in kleinen Schritten. Umso schöner ist es dann, wenn Leser_innen damit etwas anfangen können – danke daher für Deine Kommentare! 🙂

  2. Liebe Birte,
    danke für die ausführlichen Antworten! Bei „50% Speakerinnen“ (https://50prozent.speakerinnen.org) kann frau übrigens Veranstaltungen melden, bei denen sie den Frauenanteil ausgezählt hat. Egal, ob dort viele oder wenige Frauen teilgenommen haben. Und sich gleichzeitig als potentielle Sprecherin mit Angabe der eigenen Qualifikationen listen lassen. Hat mir zwar bisher keine Einladungen eingebracht, die ich hätte absagen können 🙂 aber es ist befriedigend, die Veranstaltung zu melden und den VeranstalterInnen zu schreiben.
    Herzliche Grüße!

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