Nachgezählt: Gleichberechtigung im Tod? Nicht in der Presse.

Kein Durchgang für Frauen – selbst im Tod nicht gleichberechtigt? (Foto: Rico Schönebeck / pixelio.de)

ZEIT Online hat heute einen Jahresrückblick auf die Verstorbenen des Jahres 2014 veröffentlicht. Interessant dabei ist besonders, wen die beiden Männer, die für den Rückblick verantwortlich waren, es für wert befanden, erwähnt zu werden: und zwar 41 Männer und 4 Frauen.

Kein Durchgang für Frauen – selbst im Tod nicht gleichberechtigt? (Foto: Rico Schönebeck / pixelio.de)
Kein Durchgang für Frauen – selbst im Tod nicht gleichberechtigt? (Foto: Rico Schönebeck / pixelio.de)

Manchen hierzulande eher weniger bekannten Männern haben die beiden Verantwortlichen einen Platz in ihren Nachrufen gegeben (z. B. Dirigent Gerd Albrecht, Verleger Peter Gente, Opern-Intendant Gerard Mortier, Bluesmusiker Johnny Winter oder Lichtkünstler Otto Piene). Doch selbst für weltberühmte Frauen fanden sie keinen Platz mehr auf der Seite. ZEIT Online steht damit übrigens bei weitem nicht alleine.

Gleichberechtigung im Tod? Nicht einmal dann.

Woran mag das liegen? Daran, dass tatsächlich so viel mehr berühmte oder auch nur halbwegs bekannte Männer gestorben sind, oder daran, dass den Machern bei ZEIT Online außer Mareike Carrière, Lauren Bacall, Nadine Gordimer und Marie Marcks einfach keine Frauen einfallen wollten? Sollte ihnen womöglich der Nekrolog des Munzinger Archivs nicht bekannt sein, und noch nicht einmal der von Wikipedia? Dort hätten sie viele verstorbene Frauen finden können, wenn sie nur mal nachgeschaut hätten. Oder fanden sie weitere Frauen einfach nur nicht erwähnenswert?

ZEIT Online ist mit diesem Geschlechterverhältnis zwar bei weitem nicht allein, auch die New York Times findet erheblich weniger verstorbene Frauen als Männer erwähnenswert. Doch sind es bei der Times immerhin fast ein Viertel, nämlich 56 Frauen, gegenüber 176 Männern (24% : 76%), wogegen es ZEIT Online gerade einmal auf ein Verhältnis von 4:41 (9% : 91%) bringt. [Nachtrag, 02.01.2015]

Stellvertretend nun für all jene Frauen, die trotz ihrer Verdienste keinen Platz in vielen redaktionellen Jahresnachrufen in Deutschland finden, möchte ich deshalb hier einige wenige nennen, die 2014 gestorben sind:

  • Anja Niedringhaus, Fotografin
  • Stefanie Zweig, Schriftstellerin
  • Tuğçe A., Frau mit Zivilcourage
  • Joan Rivers, Comedienne
  • P. D. James, Schriftstellerin
  • Shirley Temple, Kinderstar
  • Ursula Wölfel, Schriftstellerin
  • Carla Laemmle, Stummfilm-Schauspielerin
  • Alice Herz-Sommer, Pianistin und älteste Shoa-Überlebende
  • Maya Angelou, Menschenrechtlerin und Autorin
  • Ruth Glöss, Schauspielerin
  • Elli Michler, Lyrikerin
  • Maria Lassnig, Malerin
  • Heidy Stangenberg-Merck, Malerin
  • Dorothea Gräfin Razumovsky, Journalistin
  • Henriette Schmidt-Burkhardt, Unternehmerin
  • Hanna von Hoerner, Astrophysikerin
  • Gaby Dlugi-Winterberg, Fußballerin
  • Ina Bauer-Szenes, Eiskunstläuferin
  • Julia Pieper, Biathletin.

Möge man(n) sie nie vergessen.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: