Nachgezählt: Auch 2015 stellten Frauen wieder nicht die Hälfte der Talkgäste. (Grafik: thea)

Nachgezählt: Frauen zu Gast in Talkshows 2015

Vor einem Jahr hatte ich nachgezählt, wie viele Frauen 2014 zu Gast in öffentlich-rechtlichen Talkshows waren. Es sah schlecht aus. Nicht eine einzige Talkshow erreichte 50%, knapp die Hälfte der gezählten Shows schaffte nicht einmal ein Drittel. Nachdem mein Artikel auch in Talkshow-Redaktionen diskutiert wurde, war ich besonders gespannt darauf, was sie 2015 verändert hatten.

Zur Erinnerung: Öffentlich-rechtliche Fernseh-Talkshows unterliegen den Vorgaben des Rundfunkstaatsvertrags. Der Auftrag der Sender ist es:

„[…] als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. [Sie müssen] einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen [geben].“

Demokratische, soziale und kulturelle Bedürfnisse sowie ein umfassender Überblick beinhalten selbstverständlich auch die Blickwinkel von Frauen, nicht nur dem Thema sondern auch der Bevölkerungsverteilung gemäß (Frauen machen bekanntlich mit 51,1% mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus).

Die Fernsehanstalten haben außerdem

„die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.“

Das Leben als Frau in dieser Gesellschaft bringt automatisch einen anderen Blickwinkel und damit sehr oft anders gewichtete Meinungen mit sich, als das Leben als Mann. Die Meinungsvielfalt angemessen darzustellen bedeutet daher, auch Meinungen von Frauen zu berücksichtigen. Um also wirkliche Meinungsvielfalt zu präsentieren, müssten deshalb selbstverständlich auch Frauen in angemessenem Maß und entsprechend der Bevölkerungsverteilung in Talkshows vertreten sein.

Und wie sah das nun 2015 aus?

Nachgezählt: Auch 2015 stellten Frauen wieder nicht die Hälfte der Talkgäste. (Grafik: thea)

 

Frauen stellen also immer noch nur ein Hauch mehr als ein Drittel der Gäste.

Für einen direkten Vergleich zum Vorjahr musste ich zwei Sendungen aus der Berechnung streichen: „Beckmann“ wurde zwischenzeitlich eingestellt, und „Maybritt Illner“ hatte ich 2014 noch nicht nachgezählt.

Das Ergebnis zeigt, dass 2015 in diesen Sendungen im Durchschnitt gerade einmal 1,34% mehr weibliche Talkgäste saßen als 2014:

Nachgezählt: 2015 waren kaum mehr Frauen zu Gast in Talkshows als 2014. (Grafik: thea)

Es ist ein geradezu lächerliches Plus, wie sich auch bei genauem Blick auf die Zahlen der einzelnen Talkshows im Vergleich zum Vorjahr zeigt:

Nachgezählt: Vergleich der einzelnen Talkshows 2014 und 2015 (Grafik: thea).

 

Zahlen wie +7,1% (Jauch) und +9,1% (Pelzig) mögen auf den ersten Blick eine positive Entwicklung andeuten. Doch die betreffenden Talkshows zählten schon 2014 zu jenen, die sich nicht einmal in der Lage sahen, auch nur zu einem Drittel Frauen einzuladen. 2015 lagen sie dann auch nur unwesentlich darüber.

Ließe man, weil Jauch und Pelzig zu Ende 2015 eingestellt wurden, beide Sendungen aus der Berechnung raus, stünde da sogar ein durchschnittliches Minus: -0,35%.

Ein solches Geschlechterverhältnis ist inakzeptabel

Kurz gesagt: die Gästewahl der öffentlich-rechtlichen Talkshows war auch im Jahr 2015 unausgewogen, tendenziös und benachteiligte Frauen in erheblichem Maß. Über die möglichen Gründe wird an anderer Stelle noch zu sprechen sein. Fakt ist auf jeden Fall: ein solches Geschlechterverhältnis ist für öffentlich-rechtliches Fernsehen inakzeptabel. Warum?

Erstens haben Talkshows eine beachtenswerte Reichweite. Sie sind von großem Interesse, weil sie sehr aktuelle Themen aufgreifen – gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle. In einigen Talkshows werden Meinungen besonders kontrovers diskutiert, weshalb in den sozialen Medien teils noch Tage später über sie gesprochen wird.

Es kommt auch immer wieder vor, dass sie in den überregionalen und Online-Medien erwähnt werden, womit ihre Reichweite noch einmal stark vergrößert wird. Ihr Einfluss auf die Meinungsbildung in der Bevölkerung ist also durchaus von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Bei „Experten“ haben die meisten deshalb Männer vor Augen

Nun sind aber nicht nur die meisten Chefredaktionsposten durch Männer besetzt, d. h. es sind in der Mehrzahl Männer, die entscheiden, was wir alle Tag für Tag zum Zweck der Information und Meinungsbildung zu lesen, zu hören und zu sehen bekommen. Es sind dann auch noch in der Mehrzahl Männer, die uns fast jeden Abend im Fernsehen ihre Meinungen präsentieren dürfen.

Und das, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung weiblichen Geschlechts ist. Dies wird aber noch nicht einmal ansatzweise angemessen in den Talkshows berücksichtigt. Eine Zweidrittelmehrheit männlicher Gäste kann nicht dazu führen, dass die Mehrheit der Bevölkerung (Frauen) in Talkshows angemessen repräsentiert wird, obwohl auch Frauen mit ihren GEZ-Gebühren ganz selbstverständlich zum Erhalt dieser Sendungen beitragen müssen.

Mehrere der männlichen Gäste sind aber nicht nur Stammgäste in manchen Sendungen (d. h. sie werden mehrmals im Jahr eingeladen), sondern sie tingeln auch noch von Talkshow zu Talkshow. Auf diese Weise können sie sich auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen umso mehr als vermeintliche „Experten“ etablieren – ob sie tatsächlich Ahnung vom jeweiligen Thema haben oder nicht.

Das führt unter anderem dazu, dass die Zuschauer_innen bei einem generischen Maskulinum wie „Experten“ weiterhin überwiegend Männer vor Augen haben. Und das wiederum hat bspw. zur Folge, dass Mädchen sich auch in Zukunft nicht werden vorstellen können, jemals die Berufe dieser Männer auszuüben (s. dazu diese Studie).

Dadurch entsteht der Eindruck, Frauen seien weniger bedeutend, hätten nichts Wichtiges beizutragen

In anderen Talkshows wiederum dürfen Künstler_innen ihre neusten Werke präsentieren. Wer aber in Talkshows auftritt, kann anschließend meist zunehmende Verkäufe von Büchern, CDs, DVDs oder Kinokarten verzeichnen. Wenn also auch hier in der Mehrzahl Männer zu Gast sind, liegt der Schluss nahe, dass Männer dank der Talkshows auch einen ökonomischen Vorteil gegenüber Frauen haben.

Die permanente Unterrepräsentation erweckt außerdem den falschen Eindruck, dass Frauen in dieser Gesellschaft weniger Ahnung von aktuellen und/oder wichtigen Themen haben und dass sie grundsätzlich weniger oder sogar nichts beizutragen und zu sagen haben. Das suggeriert, dass sie deshalb für Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur weniger bedeutend oder überhaupt nicht ausschlaggebend sind – wenn genau das Gegenteil der Fall ist, schon allein aufgrund ihres mehrheitlichen Anteils an der Bevölkerung.

Die Talkshows verstoßen mit ihrer unausgewogenen Gästewahl also anscheinend nicht nur gegen ihren Auftrag aus dem Rundfunkstaatsvertrag. Sie tragen auch eindeutig zur Diskriminierung der Frauen bei. Das muss endlich aufhören.

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Hinweis: Wenn Sie in einer der nachgezählten Talkshow-Redaktionen arbeiten oder gearbeitet haben, und wenn Sie mir mehr über die Gründe erzählen können, warum bei Ihnen so wenige Frauen zu Gast sind/waren, dann nehmen Sie bitte per E-Mail oder Telefon Kontakt mit mir auf.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

Ein Gedanke zu „Nachgezählt: Frauen zu Gast in Talkshows 2015

  1. …genau aus diesem Grund hat Feminess den #Feminess Business Kongress ins Leben gerufen!
    Keine Talkshow, aber ein öffentliches Forum von Frauen für Frauen, welches immerhin 2015 im hessischen Regionalfernsehn nachrichtlich erwähnt wurde.
    Auf der Bühne referieren weibliche Referentinnen zu Themen die Frauen beruflich und privat weiter bringen. Daneben gibt es ganz viel Netzwerk, Weiterbildung, einen Ausstellerbereich und für alle Frauen einen Tag, der nachhaltig neue Kontakte und Inspirationen liefert.
    Weitere Informationen: http://www.feminess-kongress.de

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