Nachgezählt: Frauen galore! (= 16,3 %)

Verteilung der Galore-Interviews auf Frauen und Männer. (Grafik: thea)

GALORE ist ein beliebtes Magazin, das sich ausschließlich der Interview-Form bedient. Interviews, so die Website, „mit Menschen […], die tatsächlich etwas zu sagen haben“ – das hört sich spannend an. Noch spannender wird’s, wenn man sich anschaut, wer dort interviewt wird.

Die selbst-ernannte „Medien-Marke GALORE“ entstand 2003, wurde 2009 eingestellt und 2013/14 wiederbelebt. Seit 2014 wird „dem Nutzer“ (sic) auf der Website ein großes „Archiv aus zeitlosen und komplett überarbeiteten Interviews“ zur Verfügung gestellt. Einige davon sind frei zu lesen, andere hinter einer Bezahlschranke verborgen.

Ich habe Anfang Dezember mal in diesem „umfassenden Interview-Kompendium“ nachgeschaut, wie es um das Verhältnis zwischen interviewten Frauen und Männern steht, denn „galore“ bedeutet ja so viel wie „haufenweise“, „jede Menge“. Es müssten also auch jede Menge Frauen dabei sein. Dachte ich. Das Ergebnis:

Verteilung der Galore-Interviews auf Frauen und Männer. (Grafik: thea)
Verteilung der Galore-Interviews auf Frauen und Männer. (Grafik: thea)

Hat was von „Adams Rippe“, oder? Ganze 16,3 % der insgesamt 627 Interviews dieses „umfassenden Interview-Kompendiums“ wurden mit Frauen geführt (davon sind drei Frauen die eine Hälfte eines interviewten Paares, und Claudia Roth wurde gleich zweimal interviewt – zumindest war sie doppelt gelistet).

Nur 16,3 % Frauen haben „tatsächlich etwas zu sagen“?

Was schrieb GALORE gleich noch auf der Website? Es handele sich um Interviews „mit Menschen […], die tatsächlich etwas zu sagen haben“. Nur 16,3 % Frauen haben demnach „tatsächlich etwas zu sagen“? Das soll unsere Realität sein? Was für ein rückständiges und armseliges Bild für ein Magazin im Jahr 2014.

GALORE wird übrigens von zwei Männern geführt: Herausgeber Michael Lohrmann und Chefredakteur Sascha Krüger. Warum ich das erwähne? Weil dieses Magazin ein weiteres Beispiel dafür ist, wie wenig Frauen im öffentlichen Diskurs vorkommen und wahrgenommen werden. Und weil der Großteil der Medien in diesem Land von Männern auf Chef(redaktions)sesseln geleitet wird. Ein Zufall?

Unser Bild von Frauen wird von Männern geprägt

Es bedeutet jedenfalls: fast ausschließlich Männer bestimmen tagtäglich, was wir lesen und was wir aus der Welt erfahren. Sie bestimmen und prägen zu einem gewichtigen Teil unser Bild von der Welt. Und unser Bild von Frauen.

Vielleicht fragst du dich jetzt, warum sich da in den letzten Jahrzehnten so wenig geändert hat (zumindest frage ich mich das jeden Tag aufs Neue). Krautreporter-Chefredakteur Alexander von Streit, dessen Redaktion aufgrund des massiven Ungleichgewichts zwischen Krautreporterinnen und Krautreportern in der Kritik stand, hat in einem Interview mit Pro-Quote.de eine Antwort darauf:

„Männer, zumindest kann ich das auf mein persönliches Netzwerk beziehen, haben in der Regel männerdominierte Netzwerke. Das verengt bei der Frage „Wer könnte mit mir zusammenarbeiten?“ etwas den Blick. Das ist die Brille, die ich mir seitdem aufsetze und mit der ich versuche, meine Entscheidung, warum ich mich für oder gegen jemanden entscheide, auch zu hinterfragen.“

Sich eine Brille aufzusetzen genügt aber nicht. Denn eine Brille ist ein Accessoire, das man nach Belieben wieder absetzen kann. Selbstverständliche Gleichberechtigung sieht anders aus.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
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