Nachgezählt: Filmpreise für Frauen

Die Saison der Filmpreise geht wieder los. Gerade wurden die Golden Globes und der Bayerische Filmpreis verliehen, demnächst folgen der Oscar und all die anderen. Zeit, mal nachzuzählen, wie es um die Filmpreise für Frauen in den filmgestalterisch wichtigsten Positionen steht.

DFP_Logo_M_Gold_CMYKZu diesem Zweck habe ich mir fünf Filmpreise angesehen: den Oscar, die Palmen von Cannes, die Bären der Berlinale, die Lola des Deutschen Filmpreises und den Bayerischen Filmpreis. Ich habe in vier Kategorien nachgezählt, die für die erzählte Geschichte (den Inhalt), die Ästhetik und die Wirkung eines Films entscheidend sind: Regie, Kamera/Bildgestaltung, Schnitt und Drehbuch. (Was aber bitte nicht automatisch so gedeutet werden darf, dass z. B. der Ton, das Szenenbild etc. m. E. nicht entscheidend wären. Ich musste nur irgendwo eine Grenze ziehen.)

Da diese Filmpreise seit unterschiedlich vielen Jahrzehnten vergeben werden, habe ich sie der Vergleichbarkeit halber erst ab 1980 gezählt. Das hat den Vorteil, dass die Zeiten, in denen Frauen höchstens mit dekorativ zusammengeschnürter Taille seufzend in den Armen des starken Helden ohnmächtig werden durften, aber sonst nichts zu sagen hatten, also auch keine Preise bekamen, bei „Nachgezählt“ den Durchschnitt nicht in die Filmsteinzeit hinunterziehen würden. Außerdem konnten Frauen seit den 80er Jahren ja so richtig durchstarten, auch im Filmgeschäft hinter der Kamera. Dachte ich zumindest.

Fangen wir beim Schnitt an. Nur zwei der gezählten Filmpreise werden auch an Cutter_innen vergeben, und da sieht das Bild noch vergleichsweise positiv aus (die grauen Balken stehen für die Preisvergabe an Frauen, die schwarzen Balken für die Preisvergabe an Männer, die Prozentzahlen betreffen nur die Frauen):

 

Filmpreise für den besten Schnitt (1980 - 2014).
Filmpreise für den besten Schnitt (1980 – 2014).

 

In der Kategorie Drehbuch werden zwar bei vieren der fünf Preise selbige verliehen, doch das Maximum der damit ausgezeichneten Frauen lag noch nicht einmal bei einem Viertel:

 

Filmpreise für das beste Drehbuch (1980 - 2014).
Filmpreise für das beste Drehbuch (1980 – 2014).

 

Obwohl es herausragende Kamerafrauen gibt, sieht deren Situation bei der Preisvergabe noch schlechter aus: zwischen Null und nicht einmal 10 Prozent der Preise gingen an Frauen.

 

Filmpreise für die beste Kamera/Bildgestaltung (1980 - 2014).
Filmpreise für die beste Kamera/Bildgestaltung (1980 – 2014).

 

Und bei der Regie – also bei der Person, die i. d. R. als letzte dafür verantwortlich ist, wie ein Film erzählt wird, wie die Rollen besetzt werden, welche Ästhetik der Film hat, welche Botschaft er vermittelt – bei dieser wichtigsten Kategorie sieht es so aus:

Filmpreise für die beste Regie (1980 - 2014).
Filmpreise für die beste Regie (1980 – 2014).

 

Für diese Zahlen gibt es in der heutigen Zeit nicht die geringste Entschuldigung. Und so geht auch im Film weiter, was schon in den Printmedien der Fall ist: Männer bestimmen darüber, was wir sehen und wie es uns erzählt wird. Denn diese Auszeichnungen bedeuten viel Prestige, öffentliche Aufmerksamkeit und jede Menge weiterer hoch dotierter Aufträge – mit denen sie uns Frauen weiterhin zeigen, wie sie die Welt sehen. Nicht wie wir sie sehen (möchten).

Was daran so schlimm ist? Dass wir Frauen kaum je eine solche Chance bekommen, unsere Geschichten aus unserer Sicht zu erzählen. Dass Mädchen und junge Frauen damit aufwachsen, dass das Bild, das Männer ihnen in Kino und Fernsehen vorsetzen, der einzig richtige Blick auf die Welt ist. Dass selbst Geschichten von und über Frauen in erster Linie von Männern an höherer (und mit Preisen ausgezeichneter) Position gestaltet werden, und dass das ja ganz normal ist.

Und dass unser gesamtes filmisches Denken in erster Linie von dem geprägt ist, was wir seit Jahrzehnten sehen: männlich dominierte Geschichten. Dass auch nur solche Geschichten es schaffen, Preise zu bekommen. Dass auch nur solche Geschichten Preise wert sind. Es ist Zeit, das alles mal gründlich zu hinterfragen, oder nicht?

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

2 Gedanken zu “Nachgezählt: Filmpreise für Frauen

  1. Das ist durchaus schlimm.
    Völlig uninteressiert an der Filmbranche hatte ich angenommen, es gäbe immer Auszeichnungen für die beste weibliche Regisseurin und den besten Regisseur. Analog zur Auszeichnung bei Schauspielern. Nee, ich recherchiere das auch extra nicht, sondern präsentiere meine Falschannahme ungeniert.

    • Nein, das ist tatsächlich nur bei den Schauspieler_innen (Haupt- und Nebenrollen) so. Bei allen anderen wird nicht unterschieden. Schön wär’s, denn dann gäb’s ja wenigstens etwas mehr Sichtbarkeit für die Frauen.

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