#MeToo – Warum es wichtig ist, offen über sexuelle Belästigung und Gewalt zu sprechen

#MeToo – Warum es wichtig ist, offen über sexuelle Belästigung und Gewalt zu sprechen (Foto: Mihai Surdu/Unsplash), Grafik: Birte Vogel)

Über sexueller Gewalt und Belästigung liegt in unserer Gesellschaft noch immer ein Mantel des Schweigens. Spricht die Frau, die belästigt und der Gewalt angetan wurde, darüber, wird sie beschämt und bestraft. Der Täter selten. Manche Medien machen sich sogar mit den Tätern gemein, wenn sie Vergewaltigung noch immer als „Sexskandal“ darstellen. Und nun sollen sich Opfer mit #MeToo outen? Warum?

#MeToo – Warum es wichtig ist, offen über sexuelle Belästigung und Gewalt zu sprechen (Foto: Mihai Surdu/Unsplash), Grafik: Birte Vogel)

Eins vorab: keine Frau sollte jemals gezwungen werden oder sich gezwungen fühlen, über sexuelle Belästigung und Gewalt gegen sie zu sprechen. Denn die wurde ihr bereits aufgezwungen. Ihr Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit wurde bereits verletzt. Jede Frau hat aber das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie darüber spricht oder nicht.

Es gibt jedoch viele, die aus anderen Gründen zögern. Aus Angst vor den respektlosen bis widerlichen Reaktionen und dem Hass, der Frauen besonders im Internet so extrem entgegenschlägt. Weil sie ihre sehr persönlichen Erlebnisse nicht öffentlich machen wollen. Weil sie Diskussionen für sinnlos halten, solange die Erfahrung noch immer zeigt, dass die Täter meist davonkommen. Dass die meist so weiterleben wie vorher, während die Frauen mit all ihrem Schmerz, ihrer Scham und ihrer Demütigung alleine sind. Sie zögern auch, weil sie fürchten, ein Outing könnte sie brandmarken. Sie wären nicht mehr Mensch, nicht mehr Frau – sie wären nur noch Opfer.

Und manche zögern, weil ihnen die Ausmaße noch nicht ganz bewusst sind. Sie erkennen erst jetzt langsam, dass das ja gar nicht nur „die anderen“ betrifft, sondern auch sie selbst, ihre eigene Tochter, ihre Enkelin, das Mädchen von nebenan, die Kollegin und sogar die Vorgesetzte. Manche erkennen erst nach und nach, dass sexuelle Belästigung und Gewalt, auch wenn sie sie selbst vielleicht noch nicht erlebt haben oder nicht als solche erkannt haben, keineswegs „normal“ sein sollte.

Dieses Verhalten bedeutet Demütigung, Kleinhalten und Zementieren alter Machtverhältnisse

Erst durch Aktionen wie #Aufschrei, den Women’s March und #MeToo erkennen sie, dass das, was sie ihr Leben lang für ganz alltägliches Verhalten vieler Männer gehalten haben, nichts anderes ist als eine absolut unzulässige Überschreitung der Grenzen von Frauen.

Dass es Demütigung bedeutet, ein bewusstes Kleinhalten der Frauen und damit ein Zementieren alter Machtverhältnisse. Und dass sich dieses Kleinhalten auf alle Lebensbereiche auswirkt und Tag für Tag dafür sorgt, dass Frauen kein bisschen gleichberechtigt sind. Dass sie nie und nirgendwo die gleichen Chancen haben, auch wenn die ihnen seit fast 70 Jahren laut Gesetz zustehen.

Die #Aufschrei-Debatte hat zwar zu damaliger Zeit viele bewegt, doch langfristig gesehen hat sich nur wenig verändert. Das zeigt die Vehemenz vieler Reaktionen auf #MeToo von Männern, aber leider auch von Frauen. Wieder einmal versuchen viele, die Debatte kleinzureden, einzuschränken, zu beenden. Und wo das nicht möglich ist, wird versucht, sie lächerlich zu machen, ihr durch Relativierungsversuche, Übertreibungen oder Herablassung die Relevanz abzusprechen oder ihr gar Verlogenheit unterstellt.

Darüber, wie sich das ändern kann, wird wieder nicht gesprochen

Was aber wieder einmal nicht thematisiert wird, ist die Frage, wie Jungen und Männer endlich lernen, Mädchen und Frauen grundsätzlich auf Augenhöhe zu behandeln, ganz selbstverständlich ihre Grenzen zu respektieren und dort keine Macht auszuüben, wo sie ihnen nicht zusteht.

Darum ist es wichtig, dass alle die, die noch zögern, sich in irgendeiner Weise zu #MeToo zu verhalten, sich äußern. Dass diese Debatte nicht im Sand verläuft, sondern endlich einmal zu messbaren Ergebnissen führt.

Und die Diskussion sollte auch weitergeführt werden, …

  1. weil das Schweigen der Mehrheit diese Verhältnisse überhaupt erst möglich macht. Weil es dafür sorgt, dass nicht die Täter, sondern die Opfer bestraft werden. Weil es zahllose Männer wieder und wieder unterstützt, die meinen, sich über Frauen erheben zu dürfen, mit Worten, mit Berührungen, mit seelischer und körperlicher Gewalt;
  2. um dafür zu sorgen, dass endlich die Täter beschämt und bestraft werden, nicht die Opfer;
  3. damit wir alle den Opfern Glauben schenken, anstatt ihre Aussagen automatisch in Zweifel zu ziehen, während die Aussagen der Täter meist nicht angezweifelt werden;
  4. damit die bittere Alltäglichkeit dieses Macht- und Gewaltgefälles endlich auch in den Hirnzellen jener anlangt, die bis heute glauben, eine Frau müsse sich halt nur die Bluse zumachen, wenn sie nicht belästigt oder vergewaltigt werden wolle;
  5. damit der Gesellschaft endlich klar wird, auf wie vielen unzähligen Ebenen dieses Verhalten von Männern gegenüber Frauen stattfindet;
  6. um über die Gründe für dieses Verhalten und die langwierigen, schweren gesellschaftlichen und persönlichen Folgen aufzuklären. Denn die Gewalt, die einer Frau angetan wird, hat immer auch Auswirkungen auf alle anderen Mädchen und Frauen;
  7. damit Männern endlich klar wird, dass nicht sie die Grenzen des für eine Frau Erträglichen bestimmen, sondern jede Frau für sich;
  8. damit sich keine Frau mehr nach sexueller Belästigung und Gewalt alleine und verlassen fühlen muss. Damit sie weiß: Wir sind hier, und wir sind solidarisch mit ihr, wir unterstützen sie;
  9. damit die Frauen, die Angst haben, sich zu wehren, Mut fassen und Hilfe finden;
  10. damit wir aber auch uns selbst und gegenseitig Mut machen, endlich gegen diese Verhältnisse anzukämpfen;
  11. um dich ganz grundsätzlich solidarisch zu zeigen, selbst wenn dir noch nichts davon passiert ist oder du es (damals) nicht als sexuelle Belästigung oder Gewalt wahrgenommen hast;
  12. damit auch den letzten Medienhäusern endlich klar wird, dass sexuelle Belästigung und Vergewaltigung keinen „Sexskandal“ darstellen, sondern einen Strafbestand. Dass die mediale Vorverurteilung mutmaßlicher Opfer endlich aufhören muss;
  13. damit in Zukunft Generationen von Mädchen aufwachsen, die wissen, dass sie ein Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit haben. Und Generationen von Jungen, für die selbstverständlich ist, dass sie kein Recht haben, sich über das Recht der Mädchen und Frauen auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit hinwegzusetzen. Dass sie kein Recht haben, Mädchen und Frauen derart in ihrer Freiheit einzuschränken;
  14. um ganz deutlich zu zeigen: Es passiert nicht nur in den USA, sondern auch hier in Deutschland. Tag für Tag. Denn ist es nicht bezeichnend, wie massiv das Outing in den USA ist, aber wie vergleichsweise still es hier in Deutschland seit Wochen ist? Ja, es outen sich viele Frauen in den Sozialen Medien. Aber wo sind die prominenten Frauen, die ihre Bekanntheit so leicht solidarisch nutzen könnten? Die, auch auf die Gefahr hin, von den betreffenden Vorgesetzten, Auftraggebern, Produzenten nicht mehr unter Vertrag genommen zu werden, endlich aufstehen und sagen: „Es reicht, verdammt noch mal!“ Und warum schweigen all die prominenten Männer seit Jahrzehnten?;
  15. und um endlich in einen Diskurs zu treten, in dem es darum geht, wie wir diese Verhältnisse endlich ändern können. Wie Jungen und Männern begreiflich zu machen ist, dass sie die Grenzen von Frauen grundsätzlich zu respektieren haben. Und wie Mädchen und Frauen begreiflich zu machen ist, dass sie solidarisch sein müssen, denn sich individuell auf das Wohlwollen der Männer verlassen zu wollen, wie viele es seit Generationen tun, bringt sie erfahrungsgemäß nirgendwo hin.

Wie kannst du helfen?

Noch einmal: keine Frau muss über das Erlebte sprechen. Doch du hilfst allen Mädchen und Frauen wenn du zumindest Beiträge zum Hashtag #MeToo likst und teilst, wenn du Belästigungen ansprichst und unterbindest, wenn du dir, deinen Kindern und deinem Umfeld die Grenzen klar machst. Ihnen zeigst, dass es Männern nicht zusteht, diese Grenzen zu überschreiten, sondern Frauen diese Grenzen bestimmen und Männer diese Grenzen zu respektieren haben.

Du hilfst, wenn du Frauen ganz grundsätzlich unterstützt, ob du anderer Meinung bist als sie oder dich nie so anziehen oder verhalten würdest wie sie. Wenn du dich wehrst (z. B. mit einer Meldung beim Werberat oder beim Presserat), wenn Frauen wieder einmal nur als Deko für den Mann dargestellt werden.

Und wenn du selbst Frauen sprachlich und inhaltlich sichtbar machst, nicht als Ausnahme, nicht mit frauenfeindlichen Klischees, sondern als Gleichberechtigte auf Augenhöhe mit Männern. Wie es ihnen und dir zusteht.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

2 Gedanken zu “#MeToo – Warum es wichtig ist, offen über sexuelle Belästigung und Gewalt zu sprechen

    • Aber das schreibe ich ja, Elke – selbstverständlich musst Du über Deine eigenen Erlebnisse nicht sprechen. Du wirst gesehen haben, dass ich das auch nicht tue. Aber wir können – jede nach ihren Möglichkeiten – dabei helfen, das Thema ansich, die Tatsache, dass es zahllose Frauen betrifft, die Frage, wo es eigentlich beginnt, bekannter zu machen. Wir können dazu beitragen, dass es nicht wieder in Vergessenheit gerät, sondern dass sich stattdessen endlich etwas ändert.

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