Gewalt gegen Frauen – das große Schweigen der Platzhirsche

Frauen werden tagtäglich beleidigt, verhöhnt, bedroht, verprügelt, vergewaltigt, erwürgt, erschlagen, erstochen, erschossen: von Männern. Und was passiert? Nichts. Angesichts des großen Schweigens der Platzhirsche, der prominenten Männer, Politiker und anderer Entscheider, die sich sonst so gerne öffentlich präsentieren, muss man sich fragen: ist ihnen die Gewalt ihrer Geschlechtsgenossen egal?

Gewalt gegen Frauen – Das Schweigen der Platzhirsche (Foto: MichiBieri/pixabay)

Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter sagt in seinem sehenswerten TED-Talk,:

Die Gewalt gegen Frauen ist die größte Menschenrechtsverletzung weltweit.

Weltweit heißt: auch in Deutschland.

Das erkennst du schon bei einem Blick in irgendeine Lokalzeitung: kein Tag ohne eine Frau, die die Treppe heruntergetreten, an einem Auto durch die Straße geschleift, mit Säure übergossen, vergewaltigt (und danach öffentlich verunglimpft), tot in einem Koffer gefunden, angezündet, erstochen oder erwürgt wurde oder andere Formen brutaler Gewalt erleben musste. Gewalt durch einen Mann oder mehrere.

Keine Vorbilder für eine gewaltfreie Männlichkeit

Wo ist sie dann, die große, bundesweite Kampagne gegen Männergewalt? Wo sind die Solidaritätskonzerte, die prominenten Bannerträger bei Demos, die Ribbons in den Social Media Accounts, die trendenden Hashtags? Wo sind die Unterschriftenlisten der Männer, die den überfälligen politischen Wechsel in Sachen Frauenrechte und Gewaltprävention fordern? Wo äußern sie sich gemeinsam in einer deutschlandweit plakatierten Kampagne gegen die Gewalt ihrer Geschlechtsgenossen gegen Frauen?

Die ganzen Männer, die sich sonst so gerne im warmen Licht der Charitys und Galas und Nähe zur Politik sonnen, die sich in den Boulevardmedien zu jedem trivialen Unsinn zitieren lassen, die sich auf ihren Social Media Accounts mit Selfies und lustigen Sprüchen Sympathien erwerben: sie schweigen. Ausgerechnet sie, die die besten Voraussetzungen und einfachsten Möglichkeiten hätten, zu Vorbildern einer neuen, gewaltfreien und nicht-diskriminierenden Männlichkeit zu werden.

Für Frauen existiert das Recht auf Unversehrtheit nicht

Sie schweigen, die Platzhirsche, angesichts solcher Zahlen allein für 2015:

  • 11.791 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung einer Frau/eines Mädchens unter Gewaltanwendung u. a.,
  • 6.732 Vergewaltigungen von Frauen durch Männer,
  • 220 Gruppenvergewaltigungen von Frauen durch Männer,
  • 20.311 Fälle sexuellen Missbrauchs von Frauen durch Männer,
  • 1.276 Fälle sexuellen Missbrauchs widerstandsunfähiger Frauen durch Männer,
  • 221.584 Fälle von Körperverletzung von Männern gegen Frauen,
  • 40.916 Fälle von Körperverletzung und Verstümmelung weiblicher Genitalien von Männern gegen Frauen,
  • 16.941 Fälle von Stalking von Frauen durch Männer,
  • 47 Fälle von Zwangsverheiratung von Mädchen und Frauen.

Und sie schweigen angesichts solcher Zahlen für 2015:

  • 51 Fälle von [gewaltsamem] Abbruch von Schwangerschaften mit männlichem Tatverdächtigen
  • 28.019 männliche Tatverdächtige bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung
  • 5.141 männliche Tatverdächtige in Fällen von Vergewaltigung und sexueller Nötigung
  • 312 männliche Tatverdächtige bei Gruppenvergewaltigungen
  • 13.346 männliche Tatverdächtige bei Stalking
  • 19.366 männliche Tatverdächtige bei Beleidigung auf sexueller Grundlage.

Und das ist nur eine kleine Auswahl der überhaupt zur Anzeige gebrachten Verbrechen. Die Dunkelziffer der nicht angezeigten Gewalttaten gegen Frauen soll weit höher liegen, manche tippen auf das Zehnfache.

Die Platzhirsche schweigen auch angesichts der jährlich etwa 15.000-17.000 Frauen, die in Frauenhäusern Schutz vor Männergewalt finden (es sind weit mehr, die Schutz suchen, aber wegen Platzmangels keinen Schutz erhalten).

Das Recht auf die eigene Unversehrtheit, das die meisten Männer als gegeben hinnehmen, existiert für Frauen nicht. Aber kein Platzhirsch fordert von seinen Geschlechtsgenossen dieselbe selbstverständliche Akzeptanz dieses Rechts für Frauen.

Kampagnen gegen Gewalt gegen Frauen werden verhöhnt

Wenn sich überhaupt mal einer von ihnen äußert, kommt z. B. so etwas dabei heraus:

Ausgerechnet der damalige Chefredakteur einer der mit Abstand frauenfeindlichsten Tageszeitungen des Landes, die Frauen immer wieder zu Objekten degradiert, die immer wieder impliziert, Frauen seien selbst schuld an der Gewalt gegen sie – ausgerechnet dieser Mann inszenierte sich 2015 als „Unterstützer“ der Kampagne #HeForShe, einer Kampagne der UN gegen Gewalt und Diskriminierung der Frauen.

Fassungslos standen viele vor dieser Verhöhnung nicht nur der UN-Kampagne, sondern auch all der Tausenden Frauen, die tagtäglich Opfer von Männergewalt werden. Denn hat Diekmann eine Kehrtwende bei der Bildzeitung gebracht? Zeigte er sich geläutert und hat er sich bei allen Frauen öffentlich für seinen Beitrag zur Männergewalt gegen Frauen entschuldigt? Ich habe nichts davon gehört.

Steht endlich gegen die Gewalt eurer Geschlechtsgenossen auf!

Gegen all diese Dinge, gegen diese größte Menschenrechtsverletzung der Welt, sollten Politiker, prominente Männer und Entscheider endlich aufstehen. Sie könnten ihren Status, der nicht nur Glanz und viel Geld, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung mit sich bringt, dazu nutzen, ihre Geschlechtsgenossen aufzufordern, die Gewalt einzustellen und Frauen mit mehr Respekt zu behandeln. Die Regierung dazu auffordern, die Finanzen für die Gewaltpräventionsarbeit und die Opferhilfen zu erhöhen. Den Programmen gegen Gewalt (wie Nicht mit mir oder #HeForShe) durch ihre Unterstützung zu wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz verhelfen.

Die Platzhirsche sollten endlich zeigen, dass ihre oft so öffentlich und plakativ proklamierte Liebe zu Frauen nicht allein daraus besteht, sie in Filmen, bei öffentlichen Anlässen und bei Charitys als Deko zu präsentieren, sondern auch daraus, endlich für ein Ende der alltäglichen Gewalt gegen die Hälfte der Menschheit einzutreten. Wann besser, als am Tag der Menschenrechte?

Aber was passiert? Nichts.

Ist der Mehrheit der Platzhirsche die Gewalt ihrer Geschlechtsgenossen gegen ihre Mütter, Frauen, Töchter und Freundinnen egal? Oder sind sie am Ende nichts weiter als leblose Deko?

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Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
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