Generisches Maskulinum – na und?

Generisches Maskulinum – na und? Wen stört's? (Foto: pixabay.com)

Der Steuerzahler, der Chef, der Wähler – immer wieder wird das generische Maskulinum benutzt, um eine Gruppe von Männern und Frauen zu bezeichnen. Vielen Frauen fällt das schon gar nicht mehr auf. Wer diese Praxis dennoch kritisiert, muss sich anhören, das generische Maskulinum meine Frauen natürlich immer mit. Studien zeigen jedoch, dass das nicht stimmt.

Als die Universität Leipzig 2013 beschloss, an ihrem offiziellen Sprachgebrauch etwas zu ändern, um Frauen im Unibetrieb sichtbarer zu machen, war die Empörung groß. Es hagelte Beschimpfungen und Häme, die Aktion wurde von vielen Medien als Genderwahn(sinn) abgekanzelt.

Ist Gendern „brutaler Sprachmissbrauch“?

Wir seien doch bislang hervorragend mit dem generischen Maskulinum klargekommen, hieß es. Da müsse man dieses ausgezeichnet funktionierende System doch nun wirklich nicht mit Gewalt ändern und unsere schöne Sprache verschandeln. Erst recht nicht, wenn dieser „hysterische Irrsinn“ aus Steuergeldern finanziert werde (sprich: aus Steuergeldern, die Männer gezahlt haben).

Generisches Maskulinum – na und? Wen stört's? (Foto: Ryan McGuire / pixabay.com)
Generisches Maskulinum – na und? Wen stört’s? (Foto: Ryan McGuire / pixabay.com)

Der Cicero verstieg sich gar zu Aussagen wie „Gewalt der Begriffsverbieger“, „brutaler Sprachmissbrauch“ und „radikalfeministisches Herrschaftsinstrument zum Austrieb des Männlichen“. Dennoch bestehen viele Frauen darauf, dass unsere Sprache gegendert wird und Frauen auch sprachlich endlich vollständig sichtbar werden. Warum?

Lies doch bitte einmal diese Sätze:

„Durch die Dramaturgie seines Bilderzyklus soll der Betrachter angeregt werden, sich ein eigenes Bild von Bea und ihrer Geschichte zu machen.“ (zeit.de)

„Der Markt liefert was der Kunde will.“ (Tchibo)

„Public Domain bedeutet, dass der Fotograf oder der Grafiker die Rechte am Bild abtritt und daher für eine Nutzung nicht um Erlaubnis gefragt werden muss.“ (Pixabay)

„Das Risiko trägt der Steuerzahler“ (handelsblatt.com)

„Wieder muss der Steuerzahler Griechen retten“ (welt.de)

„Aber wenn der Abwicklungsfonds nicht ausreicht, […] steht der jeweilige Mitgliedstaat in der Verantwortung. Das heißt: der Steuerzahler!“ (spiegel.de)

Und, was genau hast du gesehen, als du die Worte „der Betrachter“, „der Kunde“, „der Fotograf“, „der Grafiker“ und „der Steuerzahler“ gelesen hast? Hattest du jedesmal Frauen vor deinem inneren Auge?

Frauen werden eben nicht mitgedacht

Sollte das tatsächlich der Fall gewesen sein, dann gehörst du zu den wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtete, haben Studien nämlich längst bewiesen, dass Frauen beim generischen Maskulinum weder mitgedacht noch gesehen werden.

Prof. Dr. Evelyn Ferstl von der Uni Freiburg, deren Forschungsschwerpunkt die Kommunikation im Kontext ist, hat laut der Zeitung durch eigene Forschung und durch die Analyse anderer Studien herausgefunden:

„Auch Sprache beeinflusst die Gleichberechtigung der Geschlechter […]. Und wenn Frauen nicht explizit genannt werden, werden sie auch nicht mitgedacht.“

Doch sind diese Erkenntnisse bis heute weder in der Gesellschaft noch in den Medien angekommen. 2014 habe ich schon einmal über die zunehmende Vermännlichung der Sprache gebloggt, und bekam als Reaktion u. a. zu hören, dass es manchem Mann „scheißegal“ sei, wie Frauen sich dabei fühlten, sprachlich nicht vorzukommen.

Erst das Maskulinum, dann die Grammatik

Was hat sich seitdem geändert? Die Vermännlichung unserer Sprache (und unserer Gesellschaft) geht weiter. Es geht sogar mittlerweile so weit, dass Medien die maskuline Form selbst dann nutzen, wenn es sich ganz klar um ein weibliches Objekt oder eine weibliche Person handelt. Schau mal hier:

„Familie Ströher wird neuer Teilhaber der AG“ (boersenblatt.net)

„Darmstädter Unternehmerfamilie Aktionär bei Suhrkamp“ (hr-online.de)

„Das Image von Journalisten ist mies: Die Bild versucht das nun zu ändern und baut drei seiner Reporter zu YouTube-Stars auf.“ (Meedia)

„Frau Ates wäre in der Beziehung sicherlich der bessere Ansprechpartner.“ (faz.net)

„Ich bin ein großer Freund der Wahrheit.“ (Kommissarin Lindholm im „Tatort“)

Flüchtigkeitsfehler? Nein, selbst die Grammatik wird immer öfter durch das Maskulinum außer Kraft gesetzt. Denn es ist ja nicht so, als gäbe es die Wörter Teilhaberin, Aktionärin, Reporterin, Ansprechpartnerin und Freundin nicht. Und diese Beispiele sind keine Ausnahme, sondern auf dem besten Weg, die Regel zu werden.

Möchtest du wirklich nur MITgemeint sein?

Und trotzdem meint Cicero, in Bezug auf die Bestrebungen der Uni Leipzig:

„Dort werden Waffen geschmiedet im Kampf gegen das Männliche als Prinzip, Form und Person, mal auf grammatikalischen, mal auf diskurspolitischen Wegen.

Es sind letztlich Verteilungskämpfe um Macht und Geld, die eine männerfeindliche Lobbygruppe momentan zu ihren Gunsten entschieden hat. Spätestens aber, wenn die globale Rezession ihr Haupt erhebt und die Armen der Erde auch in Deutschland stranden werden, wird sich diese Operation am offenen Herzen der Vernunft als das entpuppen, was sie heute schon ist: eine Luxusbeschäftigung für verwöhnte, anderweitig unausgelastete Akademiker.“

Ah ja. Interessanterweise war’s allerdings ein Mann, der diese Änderung der Sprache überhaupt vorgeschlagen hatte. Aber Schwamm drüber.

Ich frage einfach mal ganz anders. Angenommen, die Studien wären Quatsch und diese Sache mit dem Mitgemeint-Sein würde wirklich stimmen: möchtest du wirklich weiterhin nur mitgemeint sein? Möchtest du als Frau, die du statistisch zur Mehrheit der Bevölkerung gehörst (51,1 %) und seit Jahrzehnten ein im Grundgesetz verbrieftes Recht auf Gleichberechtigung hast, tatsächlich im Bewusstsein der Bevölkerung weiterhin nur als Adams Rippe vor dich hin dümpeln? Ist es das, was deine Töchter, Nichten und Enkelinnen für die Zukunft von dir lernen sollen? Dass auch sie nur mitgemeint sind?

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

12 Gedanken zu “Generisches Maskulinum – na und?

  1. Liebe Birte,

    wenn mir einer sagt, Frauen seien mitgemeint, antworte ich stets: für mich ist „mitgemeint“ ein anderes Wort für „geduldet“ und das reicht mir nicht. Manchmal wirkt´s. Besonders bei Einladungen. 😉

    Finde diesen Standpunkt abscheulich.

  2. Liebe Birte,
    als damals noch in Leipzig Lebende habe ich diese Häme gegen die Universität Leipzig, an der meine Tochter studierte und lehrte, nie verstanden. Die Uni hat doch nur das Prinzip des „mitgemeint“ umgekehrt angewendet. Nach wie vor waren Professoren dort Professoren, nur Professorinnen und Professoren waren eben Professorinnen. Und hey, im Wort „Professorinnen“ ist das Wort „Professoren“ doch enthalten – im Wort „Professoren“ ist dagegen das Wort „Professorinnen“ NICHT enthalten. Das ist häufig so.
    Daher finde ich, keine Person oder Institution vergewaltigt die Sprache, wenn sie die (üblicherweise längeren) weiblichen Formen als einzige verwendet, die männlichen nicht nur mit-meinend, sondern sogar mit-sagend oder -schreibend.
    Bei „Hebammen“ würde ich allerdings dann auf „Geburtshelferinnen“ ausweichen, um eines der wenigen Gegenbeispiele zu nennen. Ich finde auch nicht, dass die Demokratisierung der Sprache (ihre Anpassung an die Mehrheit des hier lebenden Demos) etwas Nebensächliches ist. Denn Sprache bestimmt das Denken genauso wie umgekehrt das Denken die Sprache prägt.

    • Liebe Elke,
      stimmt, so manche Berufsbezeichnungen sollten wirklich mal angepasst werden – dazu wollte ich irgendwann auch noch was schreiben. „Krankenschwester“ vs. „Krankenpfleger“ wäre da auch so ein Beispiel – in „Ammen“ und „Schwestern“ steckt viel Unausweichliches, fast Naturgegebenes (ergo Weibliches). „-helfer_in“ und „-pfleger_in“ dagegen wäre die bessere Berufsbezeichnung.

  3. Danke und Zustimmung. Wobei mich das Thema mit seinen ritualisierten Diskussionen manchmal echt müde macht. Und was mich echt erschreckt, sind die Gewaltmetaphern der Sprachpurist_innen. Als wäre es wichtiger, dass man der Sprache nicht „wehtut“, als dass man Menschen sprachlich negiert.

    • Absolut, Sabine. Ein sehr passendes Bild mit dem „Wehtun“. Interessant ist ja auch, dass die, denen die Sprache angeblich so heilig ist, sich eher selten dadurch auszeichnen, sie wirklich sorgfältig und bedacht zu gebrauchen.

    • Und ich empfehle Ihnen, meinen Artikel bis zum Ende zu lesen. Denn dann würden Sie u. a. über Dinge stolpern wie „Prof. Dr. Evelyn Ferstl […] hat […] durch eigene Forschung und durch die Analyse anderer Studien herausgefunden“ … „wenn Frauen nicht explizit genannt werden, werden sie auch nicht mitgedacht.“ Das sind Worte, die nicht nur zur Deko dort stehen, weil sie sich so hübsch machen, gerade das Fettgedruckte, das ja eine ganz entzückende kleine Oase in der Bleiwüste ist. Nein, diese Worte haben auch einen Sinn. Noch dazu sind sie wissenschaftlich vielfach belegt.

  4. Weil die Zahlen nicht stimmen, wollen Sie die Rechenregeln ändern – das muss sich die deutsche Sprache aber nicht gefallen lassen.

    Wenn beim Wort „Vorstand“ jeder an einen Mann denkt, dann doch wohl, weil es in deutschen Vorständen zu wenig Frauen gibt. Statt die Grammatik zu vergewaltigen, sollte man dann doch wohl eher – z.B. durch die Frauenquote – an den Ursachen etwas ändern.

    Ich hoffe, Sie haben den verlinkten Text in Gänze gelesen. Dort finden Sie ein schönes Beispiel, rund um die „frauenfreundliche“ Straßenverkehrsordnung: „Der Hand­lungsbedarf besteht nicht im Verkehr, sondern im Ver­kehrs­ministe­rium. Zum Zeitpunkt der Novel­lierung amtierte ein Mann als Ver­kehrs­mini­ster. Ihm unterstanden fünf Staats­sekre­täre. Keiner davon war eine Frau.
    Dabei schreibt das Bundesgleichstellungsgesetz dem Minister vor, dass er neue Posten mit Frauen zu besetzen hat, zuletzt im Oktober 2012, als Michael Odenwald verbeamteter Staatssekretär wurde.
    Wenn zu diesem Zeitpunkt keine Frau mit gleichen Qualifikationen zur Verfügung stand, lautet die Frage: Wieso nicht? Das BGleiG war damals seit zwölf Jahren in Kraft und schreibt die För­derung der Qua­lifi­kation von Frauen vor. Von der För­de­rung von Partei­kamera­den steht darin hingegen kein Wort.
    Würde es die Gleichstellung der Frau nicht eher fördern, wenn sich der Minister an dieses Gesetz hielte, als wenn er das deutsche Weibsvolk in Wort und Schrift besingt wie Walther von der Vogelweide?“

    • Inwiefern wird die Sprache denn vergewaltigt, wenn man sie – im Gegensatz zu den Priestern des heiligen generischen Maskulinums – grammatikalisch korrekt anwedet, wie das schon die Gebrüder Grimm selig und andere gemacht haben? Die Vermännlichung alles sprachlich Weiblichen respektive die von Ihnen proklamierte und im Artikel kritisierte Vermischung von Genus und Sexus ist wirklich ein junges Phänomen!

  5. Liebe Birte, toller Artikel, danke!
    ..dass Cicero so ein frauenhassendes Hetzblatt ist, war mir nicht klar. Schockierend, wie gewalttätig, sie schreiben, wenn es darum geht, ihre männlichen Privilegien zu verteidigen.

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