Generalstreik der Frauen am 8. März? Was soll denn das?

Generalstreik der Frauen (Foto: Clker-Free-Vector-Images/Pixabay)

Am 8. März 2017 findet ein Generalstreik der Frauen statt. Die Gegenwehr, auch unter Frauen, ist groß. „Generalstreik der Frauen? Was soll denn das?“ – diese Frage höre ich seit Jahren, wenn ich dieses Thema anspreche. Also, was soll so ein Generalstreik? Warum solltest du streiken? Und was, wenn du nicht streiken kannst? Hier findest du theas zahlreiche Tipps.

Generalstreik der Frauen (Foto: Clker-Free-Vector-Images/Pixabay)

Die Skepsis ist groß. Für viele Frauen gibt es jede Menge Gründe, warum sie nicht streiken können oder wollen:

  • Sie haben niemanden, die_der sich an ihrer Statt um die Kinder kümmert,
  • sie haben niemanden, die_der in der Zeit den Haushalt macht oder die Eltern pflegt,
  • sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz oder davor, dort Nachteile zu erleiden, wenn sie streiken,
  • sie sind selbstständig und können sich keinen einzigen Tag Arbeitsausfall leisten,
  • sie fühlen sich längst gleichberechtigt und in keinem Lebensbereich benachteiligt,
  • sie haben Sorge, ein Outing als Feministin oder Unterstützerin des Feminismus könne ihnen negativ ausgelegt werden,
  • sie sehen nicht, was so ein (eintägiger) Streik überhaupt bringen soll.

Ein Tag ohne Frauen ist nicht genug

Bei diesen Argumenten frage ich mich: Wo sind eigentlich die Partner und Kindsväter? Warum glauben viele Frauen heute noch, sie allein seien für Kinder, Haushalt und Pflege der Eltern zuständig (oder ein Mann „könne das nicht so gut“)? Warum sollten Angestellte ganz allgemein für bessere Arbeitsbedingungen oder mehr Geld streiken dürfen, aber Frauen nicht? Wie kommen Frauen auf die Idee, sie und andere Frauen seien in diesem Land in keiner Weise benachteiligt, wenn sie es in jedem einzelnen Lebensbereich sind? Und woher kommt diese Skepsis, dass ein Streiktag nicht genau das dringend benötigte Zeichen sein könnte, das endlich allen klarmacht, dass es so nicht weitergehen kann? Dass Feminismus mitnichten das Feindbild ist, sondern eine sehr gute Basis für eine fairere, solidarischere und gesündere Gesellschaft!

In einer Sache stimme ich zu: Ein Tag ohne Frauen ist nicht genug, um eine dauerhafte Änderung in unserer Gesellschaft herbeizuführen, die wir noch erleben werden. Meines Erachtens wäre es nötig, den Equal Pay Day als Grundlage für einen jährlichen Streik zu nutzen: einen Streik, der so lange andauert, wie Frauen in diesem Land durchschnittlich umsonst arbeiten, während Männer dafür bezahlt werden. Der so lange andauert, bis Partner und Väter ihren Pflichten in Haushalt, Kindererziehung und Pflege vollständig und selbstverständlich nachkommen. Doch für den Anfang ist ein einzelner Streiktag schon ein wichtiges Zeichen –, auf dem wir aufbauen können und sollten.

Warum solltest du am 8. März für Frauenrechte streiken?

Vielleicht bist du selbst nicht von der strukturellen Benachteiligung der Frauen betroffen, vielleicht auch deine Tochter nicht. Aber schau dich mal um – sind deine Putzkraft, deine Sekretärin, die Rentnerin nebenan, die müde aussehende Frau in der Straßenbahn, die Frau am Kiosk, die Kollegin, die neben dem Vollzeitberuf ihren demenzkranken Vater pflegt, die Mutter der Schulfreund_innen deiner Kinder, die Hausfrau am Ende der Straße, die alleinerziehende Mutter, die junge Frau ohne Schulabschluss, die Frau auf dem Strich, die Frau mit dem gewalttätigen Mann und all jene Frauen aus viel ärmeren Wohnvierteln als deinem: sind diese Frauen gleichberechtigt?

Sind sie genauso gleichberechtigt wie du? Hatten und haben sie alle die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten wie du und deine Töchter? Sind ihre Chancen, ein gutes Leben führen zu können, so gut wie deine? Können sie so leben, wie sie es sich wünschen? Können sie alle ihre Sexualität frei leben? Werden sie in der Ausbildung, von Arbeitgeber_innen, vor Gericht und in den Medien genauso behandelt wie Frauen wie du oder wie Männer? Verdienen sie so viel wie gleichwertig qualifizierte Männer? Können sie von ihrer Rente leben? Bekommen sie ihren Traumjob, solange sie noch schwanger werden könnten? Schaffen sie es jemals in eine Führungsposition?

Die Antwort ist leider bis heute und viel zu häufig: nein.

Auf der anderen Seite profitierst du heute davon, dass zahlreiche Frauen für deine Rechte demonstriert haben, als du noch lange nicht geboren warst. Viele haben dabei ihr Leben riskiert oder wurden sogar dafür ermordet. Du wärst heute niemals in der Position, in der du bist, hätte Elisabeth Selbert nicht den Gleichberechtigungsartikel 3.2 ins Grundgesetz aufnehmen lassen. Du hättest heute niemals all die Freiheiten und Möglichkeiten, die du hast – von Bildung über freie Berufswahl bis hin zum Recht auf (körperliche) Selbstbestimmung –, würden nicht Feministinnen von Alice Schwarzer über Luise Pusch bis Margarete Stokowski trotz all der Shitstorme und Bedrohungen seit Jahren und Jahrzehnten auf ihre, deine und meine Rechte pochen und Diskriminierungen unermüdlich öffentlich anprangern.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Art. 3.2, Grundgesetz

Am 8. März und darüber hinaus kannst nun du deinen Töchtern und anderen Frauen helfen, die nicht so privilegiert sind wie du. Du kannst dazu beitragen, dass sie und ihre Töchter eines Tages tatsächlich gleichberechtigt sein werden. Du kannst dazu beitragen, dass es nicht noch weitere 60 Jahre oder länger dauern wird, bis Staat und Gesellschaft Artikel 3.2 unseres Grundgesetzes endlich genauso als selbstverständliche Pflicht ansehen wie alle anderen Artikel.

Bedenke dabei eins: wir Frauen machen die Mehrheit der Bevölkerung aus. Wir haben allein zahlenmäßig die Macht, dauerhafte Veränderungen herbeizuführen. Wir müssten nur endlich gemeinsam und solidarisch dafür eintreten. Und zwar unabhängig davon, ob wir persönlich von Diskriminierungen betroffen sind oder nicht. Diese Chance haben wir am 8. März. Sei dabei!

Du kannst am Generalstreik der Frauen nicht teilnehmen? Das kannst du stattdessen tun

Und was ist nun, wenn du nicht am Generalstreik der Frauen teilnehmen kannst? Dann kannst du den Streik dennoch unterstützen (und nicht nur an diesem einen Tag), zum Beispiel so:

1. Trage Rot

Trage am 8. März rote Kleidung als Zeichen deiner Solidarität mit den Frauen, die streiken, und all den anderen, die nicht streiken können.

2. Zeige deine Unterstützung öffentlich

Hast du ein Profil in den Sozialen Netzwerken, ändere dein Profilbild in eins, auf dem du rote Kleidung trägst oder in ein rotes Streik-Bild, und erkläre in einem Posting deine Solidarität mit den streikenden Frauen. Hänge Tags wie z. B. #womensday oder #Frauentag an.

3. Unterstütze Frauen gegen Frauenhass

Unterstütze Frauen, die beleidigt, herabgewürdigt, gedemütigt und bedroht werden – online und offline. Steh ihnen in Diskussionen bei, melde dich zu Wort, wenn du mitbekommst, dass sie gezielt Angriffen ausgesetzt sind. Diese Angriffe können übrigens, anders als z. B. im Tagesanzeiger beschrieben, durchaus auch von anderen Frauen kommen – sieh und höre deshalb immer sehr genau hin. Schütze dich selbst, aber hilf auch den betroffenen Frauen, damit sie dem Frauenhass im Netz, auf der Straße, bei der Arbeit und im Privatleben nicht mehr alleine begegnen müssen.

4. Fordere Antworten von Kommune, Landes- und Bundesregierung

Frage deine Kommune, deine Landesregierung und die Bundesregierung, welche Bestrebungen sie in den vergangenen 60 Jahren zur Erfüllung ihrer Pflicht aus Artikel 3.2 des Grundgesetzes (s. weiter unten) unternommen haben. Um keins der oft üblichen inhaltsleeren PR-Statements zu bekommen, verlange eine detaillierte und zitierfähige Aufstellung dieser Bestrebungen mit einer Beschreibung der Maßnahmen und der genauen Ergebnisse. Verlange außerdem eine detaillierte und zitierfähige Aufstellung der geplanten Maßnahmen für den weiteren Verlauf ihrer Amtszeit. Mache die Antworten öffentlich, z. B., indem du sie an eure Zeitung weiterleitest und in den Sozialen Netzwerken teilst.

5. Kaufe keine sexistischen oder sexistisch beworbenen Produkte

Frauen haben eine ungeheure Marktmacht, derer sie sich meist gar nicht bewusst sind. Kaufe deshalb ab sofort keine Produkte mehr von Firmen, die mädchen- und frauenfeindliche Werbung machen, oder die sexistische Produkte verkaufen. Viele davon findest du z. B. bei Pinkstinks. Schreibe diesen Firmen und äußere deinen Unmut über ihre sexistischen, diskriminierenden Kampagnen. Und kaufe Produkte nur noch bei Firmen, die sich die Gleichberechtigung nicht nur auf die Fahnen geschrieben haben, sondern sie auch aktiv fördern. Wenn du nicht weißt, wie sie dazu stehen, frage die Firma nach Zahlen und Nachweisen, wie sie die Gleichberechtigung aktuell durchsetzen und welche Ergebnisse sie bislang erzielt haben.

6. Fordere von Medien gleichberechtigte Repräsentation von Frauen

Setze deine Marktmacht auch gegenüber Medien ein. Die meisten Redaktionen werden von Männern geführt, und die meisten Medien sind weitgehend frauenblind. Das heißt, sie berichten kaum oder nur nachrangig über Frauen, sie zitieren sie selten, gestalten Talkshows fast ohne sie, oder sie verstärken die sexistischen Klischees durch ihre Berichterstattung (Beispiele für all das siehe z. B. hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier). Weise die Redaktionen darauf hin, wenn du solche frauenfeindliche und frauenblinde Berichterstattung entdeckst. Verlange – insbesondere von öffentlich-rechtlich finanzierten Medien – eine inhaltlich und sprachlich gleichberechtigte Repräsentation von Frauen. Unterstütze andere Frauen, die das von den Medien einfordern. Nebenbei, eine Frau als Chefredakteurin ist leider nicht automatisch ein Zeichen für nicht-sexistische Berichterstattung – den besten Beweis dafür liefert die Bildzeitung.

7. Sprich strukturelle Diskriminierung am Arbeitsplatz an

Sprich an deinem Arbeitsplatz mit Kolleg_innen und Vorgesetzten über geschlechtsspezifische Diskriminierungen am Arbeitsplatz. Mache sie darauf aufmerksam, wenn du strukturelle Benachteiligungen im Betrieb entdeckst. Zeige dich solidarisch mit Kolleginnen und weiblichen Vorgesetzten, wenn du bemerkst, dass sie gezielt und aufgrund ihres Geschlechts gemobbt oder diskriminiert werden.

Weißt du oder findest du heraus, dass du oder Kolleginnen schlechter bezahlt werdet als Kollegen, trotz gleichwertiger Qualifikation und Erfahrung, wehr dich/wehrt euch dagegen. Ihr werdet in der Regel nicht schlechter bezahlt, weil ihr schlechter verhandelt habt (das ist ein frauenfeindliches Klischee), sondern weil Frauen strukturell benachteiligt werden – was sich auch in geringeren Gehältern ausdrückt.

8. Erläutere die Vorteile der Gleichberechtigung für deine Firma

Sprich mit deinen Vorgesetzten darüber, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderbetreuung und Elternzeit genauso wenig reine Frauenthemen sind wie Führungsverantwortung ein reines Männerthema ist. Erkläre ihnen, worin die Vorteile der Gleichberechtigung für die Firma liegen und rege an, gemeinsam Möglichkeiten für mehr Gleichberechtigung zu suchen. Argumente findest du z. B. hier und hier.

9. Kläre deine Kinder und Enkelkinder über Diskriminierung auf

Sprich mit deinen Kindern und Enkelkindern, egal welches Geschlecht sie haben, über Frauenrechte, über Gleichberechtigung und darüber, wie sie die Diskriminierung von Mädchen und Frauen erkennen und was sie auch schon als Kinder und Jugendliche dagegen tun können. Hilfreich dabei kann z. B. ein Blick auf die „Rosa-Hellblau-Falle“ sein.

10. Wehre dich gegen Diskriminierung durch Behörden

Wirst du, z. B. als alleinerziehende Mutter oder Pflegende, von Behörden benachteiligt oder kennst solche Fälle? Sprich die Behörden darauf an, mache es öffentlich, und/oder tritt Netzwerken bei, die sich gemeinsam gegen solche Fälle engagieren.

11. Verteile Haushalt und Kinderbetreuung fair und gleichberechtigt

Lass an diesem einen Tag alles im Haushalt ruhen. Kein Aufräumen, kein Putzen, kein Einkaufen, kein Kochen. Lebst du in einer Beziehung, besprecht, wie ihr ab sofort Haushalt und Kinderbetreuung fair und gleichberechtigt aufteilt. Gib nicht nach, wenn es immer nur zu deinen Lasten geht. Vergiss auch nicht, dass jedes Mehr an Haus- und Kinderarbeit am Ende für dich zu schlechteren Wiedereinstiegschancen, geringerem Gehalt und niedrigerer Rente führen kann.

12. Spende Frauenorganisationen Geld

Wenn du die finanziellen Möglichkeiten hast, spende einer Organisation Geld, die sich gezielt um Frauenrechte kümmert. Die meisten frauenbezogenen Organisationen und Medien leiden unter derselben strukturellen Benachteiligung wie Frauen generell – ihre Budgets sind oft erheblich niedriger als die anderer Ressorts, in vielen Fällen sogar nichts weiter als Lippenbekenntnisse.

13. Informiere geflüchtete Frauen über ihre Rechte

Ob du dich bereits für Geflüchtete engagierst oder nicht: verteile den Flyer über Frauenrechte oder anderes Informationsmaterial an geflüchtete Frauen und sprich mit ihnen darüber, welche Rechte sie in Deutschland haben.

14. Tritt einem Frauennetzwerk bei

Tritt einem Frauennetzwerk bei und engagiere dich dort, finanziell oder aktiv. Gib deine Erfahrungen freigiebig an andere Frauen in deinem Netzwerk weiter. Tauscht euch über strukturelle Benachteiligungen genauso aus wie über Karriere-Perspektiven für Frauen. Unterstützt einander, macht einander Mut.

15. Werde Mentorin oder Business Angel für Frauen

Werde Mentorin oder Business Angel für Frauen. Mädchen und junge Frauen brauchen viel mehr weibliche Vorbilder in Lehre und Beruf, denen sie folgen können. Längst nicht nur in MINT-Berufen, sondern auch überall dort, wo Frauen aufgrund struktureller Diskriminierung von Frauen unterrepräsentiert sind und unterbezahlt oder anderweitig benachteiligt werden.

16. Achte auf deine Sprache

Achte auf deine Sprache. Sprichst und schreibst du Frauen mit? Benutzt du generische Maskulina wie „der Leser“, „der Steuerzahler“, „der Arbeitgeber“, die Frauen grundsätzlich ausschließen? Und worüber sprichst du, wenn du über Frauen sprichst? Welche Klischees bedienst du, inwiefern beteiligst du dich am destruktiven Lästern und Mobbing gegen Frauen? Wenn du dir bewusst werden solltest, dass du in deiner Sprache und den Inhalten andere Frauen diskriminierst, versuche Wege zu finden, wie du anders über sie reden kannst. Hilfreiche Tipps dazu findest du hier auf thea.

Nimm teil am Generalstreik der Frauen – egal wie

Also: Sei dabei am 8. März (und danach) – egal, auf welche Weise, und so gut du eben kannst. Jede kleine Unterstützung, jedes Zeichen von Solidarität kann schon sehr hilfreich sein. Lass die Frauen nicht allein, die für deine Rechte und die Rechte deiner Töchter und Enkelinnen und die der weniger privilegierten Frauen kämpfen. Und kämpfe auch für deine eigenen Rechte – selbst wenn du heute gleichberechtigt bist, kann sich das morgen schon ändern.


Übrigens: thea finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Möchtest du meine Arbeit unterstützen? Dann kannst du das hier tun!

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Porträts und Reportagen für Medien sowie Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://birtevogel.de und http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

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