Frauentag abschaffen! Keine Förderung mehr für Mädchen!

Frauentag: Haben Frauen die Männer längst geschlagen? (Foto: Ryan McGuire / pixabay.com)

Immer öfter wird gefordert: Weg mit der Förderung für Mädchen! Die Privilegien für Frauen müssen ein Ende haben! Und am besten auch gleich den Frauentag mit abschaffen! Schließlich seien mittlerweile Jungs und Männer benachteiligt, und nicht mehr Mädchen und Frauen. Was all die Emanzen forderten, sei schließlich längst Realität oder vollkommen überflüssig.

Das ist in etwa der Schluss, den man aus der letzten „Hart aber fair“-Sendung ziehen könnte, zumindest wenn man der Mehrheit der Teilnehmer_innen und der Verteilung des Applauses Glauben schenken möchte. Doch die Töne klingen häufig auch andernorts ähnlich, wenn man die Diskussionen über Frauenrechte verfolgt.

Frauentag: Haben Frauen die Männer längst geschlagen? (Foto: Ryan McGuire / pixabay.com)
Frauentag: Haben Frauen die Männer längst geschlagen? (Foto: Ryan McGuire / pixabay.com)

Dann wollen wir doch mal sehen, wie das so ist mit der Realität und der Überflüssigkeit.

  1. Frauen in Führungspositionen verdienen knapp ein Viertel weniger als Männer (DIW).
  2. Der Frauenanteil beträgt in Vorständen: 5,8 % (Spiegel).
  3. Frauen der Babyboomerjahre werden trotz Erwerbstätigkeit bis zu 44 % weniger Rente bekommen als  Männer (DIW, OECD).
  4. Wenn die Kassen klamm sind, was soll dann Peer Steinbrück zufolge zuerst gestrichen werden? Die Mütterrente (Spiegel).
  5. Frauen bekommen durchschnittlich 22 % weniger Gehalt (faz.net).
  6. Frauen bekommen von ihren Arbeitgeber_innen weniger Weiterbildungen finanziert als Männer (faz.net).
  7. Frauen erhalten seltener Gewinnbeteiligungen, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. (faz.net)
  8. Alleinerziehend mit Kindern: zu 90 % Frauen. Der Anteil der alleinerziehenden Väter ist zwischen 1996 und 2010 sogar noch gesunken (von 13 auf 10 %; Statistisches Bundesamt).
  9. Alleinerziehende beziehen zu etwa 40 % Hartz IV (Welt).
  10. Angehörige, die zu Hause gepflegt werden müssen, werden zu 73 % von Frauen gepflegt (UKE).
  11. Frauen arbeiten im Durchschnitt fast doppelt so lange im Haushalt wie Männer (Statista).
  12. Althergebrachte Verhaltensmuster benachteiligen Frauen und Mädchen bis heute: Beispiel MINT-Fächer (OECD).
  13. Erfolgreiche Frauen werden (sogar von Frauen) meistens gefragt, wie sie ihre Karriere mit den Kindern vereinbaren können. Männer so gut wie nie, schon gar nicht erfolgreiche. (s. z. B. Grünen-Vorsitzende Simone Peter in der BUNTE).
  14. Seit den 1980er Jahren hat sich das klischeehafte Rollenverständnis von Kindern kaum verändert. (Tagesspiegel).
  15. Fußballtor des Jahres, geschossen von einer Frau (seit 1971): eins (Sportschau).
  16. Frauen kommen in den Medien immer seltener vor – auch bildlich und inhaltlich. Wenn sie vorkommen, dann häufig klischeehaft, diskriminierend oder diffamierend dargestellt (s. dazu den gesamten Inhalt von thea).
  17. Es gibt um die 80 Frauenzeitschriften. Der Großteil beschränkt sich auf Klatsch, Tratsch, vermeintlich „typisch weibliche“ Themen und zeigt fast ausschließlich sehr dünne, sehr stark geschminkte und retuschierte Frauen auf dem Cover. Und die meisten geben „Tipps“, wie Frauen sich immer weiter optimieren sollten, weil sie angeblich von Natur aus nicht genügen. Auch mit dieser Mär und dem daraus entstehenden Druck müssen Mädchen von frühester Kindheit an leben.
  18. Mode, auf die Frauen deshalb so viel Wert legen sollen, ist für die Körperformen von geschätzt 5 % aller Frauen gemacht, nicht für die restlichen 95 %.
  19. Nur 4 % aller Frauen empfinden sich als schön (Focus).
  20. Frauen kommen auch sprachlich immer seltener vor. Es wird immer öfter der maskuline Singular gewählt, wenn von gemischten Gruppen die Rede ist: „der Steuerzahler“, „der Zuschauer“, „der Leser“ usw. Selbst Frauen sagen und schreiben immer öfter: „einer von uns …“, statt „eine von uns …“, wenn sie von einer reinen Frauengruppe sprechen (s. dazu „Generisches Maskulinum – na und?“ sowie diese beiden Artikel hier und hier).
  21. Gewalt gegen Frauen wird (nicht nur sprachlich) oft verharmlost, z. B. durch Begriffe wie „Ehrenmord“.
  22. Jährlich 15.000 angezeigte Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung von Frauen sind nur die Spitze eines Eisbergs, weil die meisten Taten nicht angezeigt werden (Weißer Ring).
  23. 67 % der weiblichen Gewaltopfer in der EU meldeten die schwerwiegendsten Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft nicht der Polizei oder einer anderen Organisation (Agentur der EU für Grundrechte).
  24. Eine von 20 Frauen in der EU wurde seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt (Agentur der EU für Grundrechte).
  25. 22 % der Frauen in der EU haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt (Agentur der EU für Grundrechte).
  26. 55 % der Frauen in der EU haben irgendeine Form der sexuellen Belästigung erlebt (Agentur der EU für Grundrechte).
  27. Sexuelle Belästigung gilt häufig als Kavaliersdelikt.
  28. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 18 Jahren strafbar.
  29. Ein „Nein!“ zählt bis heute vor Gericht nicht als eindeutig zu verstehende Ablehnung von (erzwungenem) Geschlechtsverkehr.
  30. Viele Männer (und Frauen) glauben bis heute, dass Frauen selbst schuld an einer Vergewaltigung seien.
  31. Es sind auch heute noch Tausende Mädchen in Deutschland von Zwangsverheiratung bedroht. Knapp 30 % von ihnen sind unter 17 Jahren (BMFSFJ).
  32. Etwa 24.000 Frauen und Mädchen in Deutschland sind beschnitten. (Welt).
  33. Zahllose Frauen trauen sich nicht, Abends bzw. im Dunkeln alleine spazieren zu gehen, aus Angst vor einer Gewalttat. Mit dieser Angst und starken Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit müssen die meisten Mädchen von Kindesbeinen an leben.

Diese Liste könnte ich leider noch endlos weiterführen. So viel sich seit Festlegung der Gleichheit von Frau und Mann im Grundgesetz für die Frauen zum Positiven verändert hat – es reicht ganz offensichtlich bei weitem nicht aus. Die Realität kann auch 58 Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes immer noch nicht mithalten.

Wie also kann jemand angesichts solcher Zahlen und Fakten ernsthaft fordern, dass wir nachlassen in dem Kampf für gleiche Rechte und gleiche Chancen? Dass Mädchen nicht mehr gefördert werden sollten? Dass Politik, Presse und Gesellschaft sich endlich mal um „wichtigere“ Dinge kümmern sollten als die strukturelle Benachteiligung der Mehrheit der Bevölkerung (51,1 %)?

Fakt ist: sie alle haben sich bislang nicht ansatzweise genug gekümmert. Es wird Zeit, das einzufordern.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

6 Kommentare zu „Frauentag abschaffen! Keine Förderung mehr für Mädchen!

  1. Dabei übte die Gottheit doch bloß, als sie den Mann schuf. Und sie schuf die Menschen mit Vorbedacht als Mann und Frau. Damals, als sie noch nicht Gott der Herr war, sondern die göttliche Allmacht, die gerade den Urknall geboren hatte. Aber der gebärunfähige Teil der Menschheit konnte die schöpferische Überlegenheit der weiblichen Idee nicht anerkennen und setzte qua Muskelkraft die maskuline Symbolik in den großen monotheistischen Religionen durch. Schade eigentlich.

  2. Ich möchte gerne zum thema: Alleinerziehende Mütter etwas sagen und zwar weis ich aus meinem umfeld und aus eigener Erfahrung das sehr viele mütter selbst dafür wählen um Alleinerziehend zu sein.
    Für mich als mann gibt es da absolut keinen Schutz!
    Ich würde meinen kleinen mann gerne immer um mich herum haben und ihn aufwachsen sehen aber sie nicht!
    Ich würde mich gerne an der Erziehung beteiligen aber sie möchte das nicht…
    Kein schutz für mich und keinerlei gleichberechtigung denn diese armen frauen haben es ja ohnehin schon sooo schwer!
    Es geht auch andersrum aber wenn man natürlich nur die negativen seiten auflistet….

    • Es tut mir leid, dass Du Dein Kind nicht so oft sehen kannst, wie Du möchtest. Leider sind viele Väter in einer ähnlichen Situation, und ich habe großes Verständnis für ihre Wut und Verzweiflung. Jeder gewaltfreie Vater sollte ganz selbstverständlich in jeder Hinsicht zu 50% Anteil an seinen Kindern haben dürfen (und müssen!).

      Dass Du in einer solchen Situation bist, hat leider aber tatsächlich damit zu tun, dass die Kindererziehung nach wie vor in erster Linie als Aufgabe der Mütter angesehen wird. Es sind einfach viel zu wenige Väter bereit, für ihre Rechte und ihre Anteile an ihren Kindern zu kämpfen und schon gar nicht, die Kindsmütter bei der Kindererziehung zu unterstützen und dafür im Beruf kürzer zu treten. Und deshalb unterstützt der Staat das auch nicht.

      Würden deutlich mehr Männer die Frauen in ihrem Bestreben nach echter, realer Gleichberechtigung unterstützen, würde das auch langfristig Dir und Deinem Kind nützen – denn es würde bedeuten, dass auch Väter ihre 50% Anteil übernehmen können (und müssen), so wie es das Gesetz eigentlich vorsieht. Und dass der Staat diese Gleichberechtigung ebenfalls durchsetzt, wie er eigentlich sollte. Solange aber über 90% der Väter offenbar ganz zufrieden damit sind, den Alltag der Kinder nicht mit durchstehen zu müssen, sondern sie nur zu den schönen Zeiten (Wochenenden und Ferien) zu sehen, wird das in nächster Zeit wohl eher nicht passieren. Ein Grund mehr, die Frauenbewegung zu unterstützen!

      Aber bei einer Sache liegst Du falsch: Die meisten Frauen suchen sich wirklich nicht aus, alleinerziehend zu sein. Sie laden sich nicht freiwillig die schwierigste Arbeit auf. Fast die Hälfte von ihnen sucht sich auch nicht aus, mangels angemessener Unterstützung (sowohl persönlich als auch finanziell) der Kindsväter, Hartz IV beantragen zu müssen. Sie suchen sich auch nicht aus, nur Teilzeit arbeiten zu können, weil die Kindsväter nur so selten für die Kinder da sind, wenn überhaupt. Sie suchen sich auch ganz bestimmt nicht aus, aus all diesen Gründen am Ende eine wesentlich geringere Rente zu bekommen als die Kindsväter.

      Das grundlegende Problem, das auch mit Deiner persönlichen Situation zusammenhängt, ist daher, dass Frauen noch immer strukturell benachteiligt werden. Und diese Benachteiligung wirkt sich in vieler Hinsicht auch negativ auf die Männer aus – auch auf Väter, die ihre Kinder gerne zu 50% betreuen würden, aber vom Staat nicht gelassen werden. Es ist also gar kein Kampf gegeneinander – es sollte ein Kampf miteinander sein. Es würde beiden Seiten helfen, nicht nur einer.

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