Frauenblindheit – was ist denn das?

Frauenblindheit ist leider noch nicht ausreichend erforscht. (Foto: RyanMcGuire/pixabay.com)

Kennst du Gesichtsblindheit? Menschen, die gesichtsblind sind, können andere Menschen nicht anhand ihres Gesichtes identifizieren, weil für sie jeder Mensch gleich aussieht. Die Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie ist sicher die bekannteste der Seelenblindheiten. Die Frauenblindheit dagegen ist die alltäglichste, aber dennoch am wenigsten behandelte.

Frauenblindheit ist leider noch nicht ausreichend erforscht. (Foto: RyanMcGuire/pixabay.com)

In der gestrigen ARD-Sendung „Günther Jauch“ und in einem Artikel auf ZEIT Online über diese Sendung habe ich zwei schöne Beispiele der bislang noch nicht (ausreichend) erforschten Form der Seelenblindheit in Verbindung mit einer neuen Form der Seelentaubheit gesehen: die Frauenblind- und -taubheit.

Da sitzt in dieser Gesprächsrunde bei Günther Jauch rund ums Thema Flüchtlinge mit Maya Alkhechen nicht nur der einzige Flüchtling, sondern auch die einzige Frau (was schon auf erste Symptome einer Frauenblindheit hinweist). Dann darf diese ein paar Ja- und Nein-Fragen mit Ja und Nein beantworten und schließlich über ihre Flucht aus Syrien sprechen.

Typischer Fall von Frauenblindheit Nr. 1: Es ist eins der wenigen Male, dass diese einzige Frau in der Runde überhaupt um ihr Wort gebeten wird.

Er hat sie weder gesehen noch gehört

Nun erzählt Alkhechen also von ihrer Todesangst, als ihre Gedanken in dem völlig überfüllten Flüchtlingsboot darum kreisten, ob ihre kleinen Kinder werden zusehen müssen, wie ihre Mutter ertrinkt, oder ob sie wird zusehen müssen, wie ihre Kinder ertrinken, und welches Kind sie im Zweifelsfall zuerst wird loslassen müssen.

Man muss nicht Mutter sein, um die unendliche Tragik dieser Sätze – die im Grunde alles zusammenfassen, um das es in der aktuellen Debatte um Hunderte im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge gehen sollte – so schnell nicht wieder vergessen zu können.

Doch der Zeit.de-Journalist Matthias Kalle hat Alkhechen und ihre Geschichte weder gesehen noch gehört: typischer Fall von Frauenblindheit Nr. 2. Alles, was Kalle gesehen und gehört hat, war, dass da vier männliche Gäste diskutierten und ein hilfloser Moderator daneben saß. Und dass dann noch ein fünfter männlicher Gast hinzukam, der die Sendung überhaupt erst gerettet habe, weil er die Menschlichkeit in die Sendung gebracht habe, die zuvor ja gar nicht dagewesen sei – das Menschliche, das die einzige Frau erzählte (s. o.), interessiert ja nicht konnte er wohl aufgrund seiner Störung nicht wahrnehmen. Was sich dann u. a. so liest (Quelle: ZEIT Online):

„Als Günther Jauch das Flüchtlingsunglück im Mittelmeer thematisierte, hörte man zunächst das übliche Gerede. Doch dann stand der Brandenburger Harald Höppner auf.

Bis kurz vor Schluss war eigentlich alles wie immer: Heribert Prantl hatte Recht, Günther Jauch wirkte latent überfordert und Roger Köppel war Roger Köppel. […]

Dann kam die entscheidende Minute, die eigentlich gar keine Minute war, sondern eine Sternstunde des Fernsehens und der Menschlichkeit.“

Aha.

Ist Frauenblindheit eine „alte Krankheit“?

Wir lernen: es gibt unterschiedlich schwer ausgeprägte Formen der Frauenblindheit. Zur schweren Form gehört, eine Frau, selbst wenn sie die Henne im Korb ist, so gut wie gar nicht wahrzunehmen oder zu Wort kommen zu lassen. Zur besonders schweren Form gehört es, insbesondere bei Journalist_innen, diese Frau weder zu sehen, noch ihre Worte zu hören, und sie deshalb am Ende vollkommen zu verschweigen.

Zuletzt veröffentlichte die Psychoanalytikerin Margarete Stegmann im Jahr 1929 ihre Erkenntnisse über die Frauenblindheit, die sie als „alte Krankheit“ bezeichnete. Mangels weiterer Forschung ist leider bis heute nicht geklärt, ob diese Blindheit eine strukturell bedingte Bild- und Tonstörung ist oder eine selektive und bewusst herbeigeführte Störung, wie sie sich besonders häufig im „Manterrupting“ und im „Bropropriating“ zeigt:

Manterrupting: Unnötiges Unterbrechen einer Frau durch einen Mann.

Bropropriating: Als Mann die Idee einer Frau als die eigene ausgeben.

Mehr zu diesen beiden unaussprechlichen Worten kannst du hier im Time Magazine nachlesen. Mehr über Frauenblindheit und all die anderen uralten Krankheiten hier auf thea. Und solltest du Flüchtlingen, die ähnlich Furchtbares durchgemacht haben wie Maya Alkhechen, helfen wollen, findest du hier zahlreiche inspirierende Projekte: Wie kann ich helfen?

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Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft und Gleichberechtigung. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
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