Frauen dürfen arbeiten? Falsch! Wie Wörter gefährlich sein können

Frauen dürfen arbeiten? Falsch! Wie Wörter gefährlich sein können (Foto: nuno_lopes, Pixabay)

Vor 40 Jahren, am 1. Juli 1977, trat ein Gesetz in Kraft, das es Ehefrauen ermöglichte, auch ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Ihr eigenes Geld zu verdienen. Doch an den Meldungen zu diesem Jahrestag sieht man, wie gering unsere Fortschritte sind. Dort heißt es immer wieder: „Frauen dürfen arbeiten“ – das ist aber falsch! Und gefährlich.

Frauen dürfen arbeiten? Falsch! Wie Wörter gefährlich sein können (Foto: nuno_lopes, Pixabay)

Ein Beispiel: ZDFinfo twitterte zu diesem denkwürdigen Datum:

Ist doch nett, denken manche vielleicht, das müsste ZDFinfo ja gar nicht machen.

Krass, denken andere, erst 40 Jahre?

Himmel, denke ich, wann lernen sie es endlich? (Womit nicht allein ZDFinfo gemeint ist, sondern alle, die sich so ausdrücken.)

Das Wort „dürfen“ beinhaltet: Rechne jederzeit mit Entzug der Erlaubnis!

ZDFinfo schreibt: „Vor 40 Jahren DURFTEN Frauen …“ Das Wort „dürfen“ aber beinhaltet, dass jemand Übergeordnetes, in diesem Falle (Ehe-) Männer in der Regierung, den Untergeordneten (also den [Ehe-] Frauen) eine vorübergehende Erlaubnis gibt und diese Erlaubnis jederzeit, nach Belieben und ohne Angabe von Gründen, wieder entziehen kann.

Das ist nicht nur faktisch falsch, denn ein Gesetz kann in einer Demokratie nicht nach Belieben widerrufen werden. Das muss selbst Donald Trump, der amtierende US-Präsident, gerade lernen.

Dieses Wort „dürfen“ ist auch gefährlich.

Denn es übt Macht aus. Es suggeriert jenen, die jetzt von dieser vermeintlichen „Erlaubnis“ profitieren: „Fühl dich nicht zu sicher, sei immer schön brav, denn sonst kassieren wir diese Erlaubnis wieder ein! (Und zwar schneller als du mit deinen hübschen Wimpern klimpern kannst!)“

Ein Recht zu haben ist wesentlich stärker als etwas zu dürfen

Dementsprechend haben sich über viele Jahre und Jahrzehnte Frauen auch verhalten: demütig, dankbar, rücksichtsvoll gegenüber (ihren) Männern, weil sie in der Arbeitswelt ja nur geduldet sind, eine vorübergehende Erlaubnis haben.

Manche verhalten sich auch jetzt noch so, denn dieses Wort grassiert bis zum heutigen Tag im Zusammenhang mit Frauenrechten und übt ungehindert seine Macht aus. Erst recht, wenn Medien und andere Institutionen es immer wieder gedankenlos oder vielleicht sogar bewusst nutzen.

1977 trat aber ein Gesetz in Kraft, das für Frauen vieles zum Positiven veränderte. Das Erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1. EheRG) schaffte die „Hausfrauenehe“ ab und gab Frauen unter anderem ein Recht auf vollständige Selbstbestimmung in Bezug auf ihre eigene Erwerbstätigkeit.

Dieses Gesetz bedeutet: eine übergeordnete, demokratisch legitimierte Instanz hat festgelegt, dass Frauen ein unverbrüchliches Recht darauf haben, arbeiten zu gehen. Ein Recht, das ihnen nicht der Ehemann, nicht der Vater, der Onkel oder sonst ein Selbstermächtigter nach Belieben nehmen kann.

Ein Recht zu haben ist etwas anderes als etwas zu dürfen. Es ist wesentlich stärker, es ist unabhängig von privaten Anschauungen und Launen. Es ist da, und es geht auch so schnell nicht mehr weg.

Wir müssen viel mehr über das einzelne Wort nachdenken

Wenn nun in Postings, Artikeln und Diskussionen dennoch wieder und wieder das Wort „dürfen“ auftaucht, negiert es das Gesetz und unterminiert das Recht, das Frauen seit 40 Jahren endlich haben. Und es suggeriert Mädchen und Frauen weiterhin wie schon seit Jahrhunderten: „Wenn du nicht spurst, darfst du es nicht mehr.“

Ich bin mir sicher, dass sehr viele dieses Wort „dürfen“ unbewusst nutzen, aus der Gewohnheit heraus, weil so viele andere es tun, weil sie es immerzu irgendwo lesen oder hören.

„Aber wir haben das doch gar nicht so gemeint!“, sagen viele. Und das glaube ich auch. Und manche, die es hören oder lesen denken: „Ist doch nichts dabei, ich weiß doch, wie’s gemeint ist.“ Das glaube ich auch, aber sehr viele wissen eben nicht, wie’s gemeint ist, sondern hören allein das Wort.

Und das lautet „dürfen“ – und im Kopf von Mädchen und Frauen spult sich von frühester Kindheit an der Automatismus ab, der auf eine endlose Sammlung dessen zurückgreifen kann, was sie vermeintlich dürfen oder auch nicht.

Dabei haben wir alle, die wir diese Meldungen lesen, hören und vor allem schreiben, auch die Fähigkeit, über das, was wir ausdrücken, nachzudenken, bevor wir es ausdrücken. Wir müssten diese Fähigkeit nur mal nutzen. Wir müssten viel mehr über das einzelne Wort nachdenken.

Das käme der Gleichberechtigung der Frauen und der Stärkung der Mädchen sehr zugute. Nur ist vielleicht genau das das Problem.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Porträts und Reportagen für Medien sowie Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://birtevogel.de und http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

8 Gedanken zu “Frauen dürfen arbeiten? Falsch! Wie Wörter gefährlich sein können

  1. Liebe Birte,
    ich habe noch ein weiteres Problem mit der Formulierung.
    Wir „dürfen arbeiten“. Hahaha.
    Das klingt, als ob wir bis vor 40 Jahren (damals arbeitete ich als Studentin an meiner Ausbildung und deren Finanzierung) allesamt auf der faulen Haut gelegen hätten.
    Meine Urgroßmutter war nie „erwerbstätig“, sie hat aber sieben Kinder großgezogen, das Trinkwasser vom Brunnen in den fünften Stock und das Schmutzwasser wieder zurück zur Gosse geschleppt, für die ganze Bagage gekocht, gebügelt, geputzt, eingekauft etc. pp. Das war nicht in Deutschland, und es war Ende des 19. Jahrhunderts/ Anfang des 20. Jahrhunderts.
    Soll ich aus der Formulierung, „Frauen dürfen in Deutschland erst seit 40 Jahren arbeiten“ schließen, dass es meiner Ur-Oma hierzulande verboten gewesen wäre, die schwer Arbeit zu verrichten, die sie unentgeltlich erledigt hat und ohne die weder mein Großvater noch meine Mutter noch ich noch meine Tochter noch meine Enkeltochter existieren würden?!
    Mich ärgert es immer wieder, wenn „Arbeit“ auf „Erwerbsarbeit“ beschränkt wird. Ja, „Arbeit“ sollte belohnt werden, aber wird sie zur Nicht-Arbeit, wenn der Lohn fehlt? Arbeiten Sklaven und Sklavinnen nicht? Oder Hausfrauen und Hausmänner? Merkwürdige Definition.

    • Vielen Dank, Sophia!
      Seyran Ateş bekommt „die Quittung“ – WTF?! Die Berichterstattung über Frauen ist dermaßen unterirdisch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Immerhin scheint bei manchen Kolleg_innen langsam ein Umdenken einzusetzen. Noch lässt mich das allerdings nicht hoffen. Insofern wird es thea wohl noch eine ganze Weile geben (müssen) …

  2. Liebe Birte, ich wollte dir nicht Kontra geben, sondern dir nur signalisieren, dass der Artikel noch viel schlimmer ist, als du ihn korrekterweise in deinem Beitrag schilderst. Die Fragen gingen nur rhetorisch an dich. Quasi zur Bestätigung deiner Meinung. Hab trotzdem einen schönen Sommertag heute!

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