Die ewige Schuld der Frau … diesmal: am Rechtsruck in Deutschland?

Die ewige Schuld der Frau: Wenn ihr Recht, Stopp zu sagen, einen politischen Rechtsruck ausgelöst haben soll (Foto: Unsplash/pixabay.com)

Ach ja, die ewige Schuld der Frau: Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Frauen die Schuld für den verstärkten Rechtsruck in Deutschland in die Schuhe geschoben wurde. Nun also von einem Kolumnisten, der dazu noch tief in die Kiste traditioneller Sprachmuster greift, um Frauen, die sich gegen Sexismus wehren, (endlich) zum Schweigen zu bringen.

Die ewige Schuld der Frau: Wenn ihr Recht, Stopp zu sagen, einen politischen Rechtsruck ausgelöst haben soll (Foto: Unsplash/pixabay.com)
Die ewige Schuld der Frau: Wenn ihr Recht, Stopp zu sagen, einen politischen Rechtsruck ausgelöst haben soll (Foto: Unsplash/pixabay.com)

Jan Fleischhauer ist Kolumnist auf „Spiegel Online“ und für eine gewisse Hemmungslosigkeit im Austeilen bekannt. Nun hat er sich aber selbst übertroffen. Er wirft einen Haufen althergebrachter, sexistischer Sprachmuster mit Namen wie Brüderle, AfD, Trump und Erdoğan in einen Topf, um damit vermeintlich nachzuweisen, dass nur eine Bevölkerungsgruppe am verstärkten Rechtsruck in Deutschland schuld ist: die Frauen. Doch, doch, du hast richtig gelesen.

Fleischhauer schreibt in seiner Kolumne:

„Wenn es einen Moment gibt, an dem die neue soziale Bewegung ihren Ausgang nahm, deren sichtbarster Ausdruck die AfD ist, dann in der Brüderle-Affäre. Hier liegt die Geburtsstunde des Rechtsrucks“.

Ja, staune nur, es kommt gleich noch besser.

Aber erst einmal für die, die sich nicht erinnern: die „Brüderle-Affäre“ begann damit, dass der FDP-Politiker Rainer Brüderle eines Abends mehrfach die Grenzen der Journalistin Laura Himmelreich überschritt, sexistische Bemerkungen machte und sich ihr ungebührlich näherte. Und sie diese Erfahrung ein knappes Jahr später in ein Porträt über Brüderle im „Stern“ einfließen ließ.

Diesem Porträt folgte eine öffentliche Debatte, die jedoch am Ende so gut wie nichts bewirkt hat. Denn diese Gesellschaft will es Frauen bis heute schlicht nicht zugestehen, dass niemand anders als sie selbst das Recht haben, zu entscheiden, wo für sie persönlich die Grenzen des Hinnehmbaren liegen. Fleischhauer ist da, seinem Artikel nach zu urteilen, keine Ausnahme.

Gleich zu Beginn macht er klar, wie er die Sache sieht:

„Am Anfang steht die gesellschaftliche Vernichtung eines Mannes, der einer Frau ein zweifelhaftes Kompliment gemacht hatte.“

Sofort ergreift der Journalist also Partei für den Politiker (und damit gegen die Journalistin und ihr Recht, a) Grenzen zu setzen und b) ihren Job richtig auszuüben). Er stellt Brüderle als hilf- und wehrloses Opfer dar, das wegen einer angeblich harmlosen, noch dazu angeblich gut gemeinten Galanterie nicht nur alles verloren habe, sondern gleichsam brutal zu einem gesellschaftlichen Nichts zertrampelt worden sei, das selbst von der eigenen Familie verlassen worden sei. Das zumindest implizieren die Frames oder Deutungsrahmen der Worte

„zweifelhaftes Kompliment

und

„gesellschaftliche Vernichtung“.

Fleischhauer negiert mit dieser Verharmlosung der Vorgänge, dass das, was Brüderle gesagt hat, mitnichten ein „Kompliment“ war, sondern eine herablassende, herabwürdigende sexuelle Anspielung und eine eindeutige Überschreitung von Himmelreichs Grenzen. Ein inakzeptables Verhalten, das der Politiker, wie Himmelreich schreibt, nicht einmal dann unterließ, als sie ihn mit dem Satz:

„Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“

besonders höflich, aber dennoch unmissverständlich in die Schranken wies.

Und dann versteigt sich der Kolumnist in die eingangs zitierte Aussage, die Affäre um das sexistische Verhalten des Politikers sei „die Geburtsstunde des Rechtsrucks“. Doch diskreditiert er hiermit nicht nur eine Kollegin, die ihren Job sehr gut gemacht hat, als sie Fakten aus früheren Begegnungen in ein Porträt einfließen ließ und damit ganz bestimmte charakterliche Facetten eines Berufspolitikers hervorhob.

Darüber hinaus macht Fleischhauer aber auch Frauen, die eine Überschreitung ihrer persönlichen, sexuellen und sonstigen Grenzen durch einen Mann ablehnen, zum ursächlichen Beginn einer sehr gefährlichen gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Einer Entwicklung, die dazu führt, dass Rechtsextremismus wie schon vor 80 Jahren von immer mehr Menschen als etwas Normales und dadurch Positives oder gar Erstrebenswertes angesehen wird.

Eine Verbindung zu ziehen zwischen der Ablehnung sexistischer Übergriffe einerseits und dem Erstarken des rechten Spektrums und des Rechtsextremismus andererseits, wäre einfach nur absurd, wäre es nicht auf überdeutliche Weise perfide und frauenfeindlich. (Geschenkt, dass dieser Rechtsruck schon sehr, sehr viel früher begonnen hat. Um das aber zu wissen, müsste man halt ab und zu mal das eigene Blatt lesen – denn seit sehr vielen Jahren schon warnen Expert_innen auch im Spiegel und auf Spiegel Online vor zunehmenden Bewegungen von Politik und Gesellschaft nach rechts und rechtsaußen.)

Wie perfide und frauenfeindlich diese Schuldzuweisung wirklich ist, beweist Fleischhauer dann im Rest des Artikels. Zum einen zieht er in diesem Zusammenhang Namen wie Frauke Petry, Donald Trump und Recep Tayyip Erdoğan heran: eine rechte Politikerin, deren Partei mit Ausländerfeindlichkeit, scheinbar verharmlosten rechtsextremen Parolen und billigem Schwarz-Weiß-Populismus Stimmen fängt; einen Milliardär, der durch dumpfe Hassparolen und überdimensioniertes Männlichkeitsgehabe den rechten Rand der USA einfängt; und einen Despoten, der vor den Augen der Welt die Menschenrechte gewaltsam bekämpft.

Damit setzt Fleischhauer diese drei Genannten, die in der Öffentlichkeit irgendwie nicht wirklich ernst genommen werden, auf dieselbe Stufe wie Frauen, für die sexistisches Verhalten von Männern gegenüber Frauen schlicht inakzeptabel ist. Damit verharmlost er Sexismus, macht die betroffenen Frauen lächerlich und impliziert, man müsse sie genauso wenig ernst nehmen, wie Petry, Trump und Erdoğan. Es sei denn, sie haben den Rechtsruck zu verantworten – das muss man dann plötzlich ernst nehmen.

Zum anderen ist die ewige Schuld der Frau noch dazu etwas, das wir spätestens aus der Bibel kennen (Eva ist ja angeblich schuld daran, dass wir alle heute nicht mehr im „Paradies“ leben). Bis heute gibt es kaum etwas, an dem Frauen nicht die Schuld zugewiesen wird, vom Verschwinden der Fernbedienung über die Pflicht, mindestens finanziell Verantwortung für die eigenen Kinder zu übernehmen, bis hin dazu, dass so viele Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind. Dieses Schuldmuster hält sich seit mindestens zwei Jahrtausenden hartnäckig.

Als seien absurde und zynische Vergleiche und biblische Verweise allein nicht genug, holt der Kolumnist noch einmal kräftig aus. Um sicherzugehen, dass seine Botschaft wirklich ankommt, greift er tief in die Kiste jener Wörter, die traditionell gegen Frauen verwendet werden, entweder, um sie und ihr Anliegen lächerlich zu machen, um ihnen das Recht und die Berechtigung, sich zu wehren, abzusprechen, oder um sie gleich ganz mundtot zu machen. Das sind Wörter wie:

Wehleidigkeit“,

zunehmende Empfindlichkeit“,

Kränkung“,

wie bei Kindern“.

Alles Symptome in der heutigen Gesellschaft, an denen die Frauen schuld haben. Und natürlich darf in diesem Zusammenhang ein Wort nicht fehlen – ganz am Ende kommt es auch, verkleidet in ein Zitat:

hysterisch“.

Dieser Zitat-Kniff soll wohl jedem Sexismus-Vorwurf gegen den Kolumnisten zuvorkommen, weil das Wort ja aus dem Artikel einer Frau (!) stammt. Ist nur viel zu durchsichtig, um zu funktionieren.

Und dann gibt der Kolumnist dem Ganzen auch noch einen vermeintlich wissenschaftlichen Anstrich, indem er einen Fachbegriff ins Spiel bringt:

„“Mikroaggression“ heißt das Konzept

Aha, jetzt ist es also schon ein Konzept, das dahinter steckt, also ein systematisches Vorgehen. Und es gibt einen Fachbegriff dafür. Seine Thesen, impliziert der Kolumnist damit, hätten einen wissenschaftlichen Kontext, seien also Fakt und dadurch nicht angreifbar.

Du wirst vielleicht jetzt denken: aus einem längeren Text nur ein paar vereinzelte Worte herauszupicken, könne doch rein gar nichts beweisen. Dann empfehle ich Dir das Buch „Politisches Framing“ der Linguistin (Sprachwissenschaftlerin) Elisabeth Wehling. Sie erklärt darin sehr leicht verständlich, dass nicht das große Ganze eines Textes unsere Meinung prägt. Es sind vor allem einzelne Worte, die bestimmte Bilder und Wertungen in uns hervorrufen, und zwar Wertungen, die sich auf den gesamten Text auswirken, egal, was da sonst noch an Füllwörtern steht. Viele Worte und Begriffe bringen nun einmal eine sehr lange Geschichte mit sich. Diese Geschichte und alles, was das Wort impliziert, wird automatisch, bewusst oder unbewusst in unseren Köpfen beim Lesen aufgerufen und trägt dazu bei, wie wir den Text insgesamt verstehen.

Der Rest des Fleischhauerschen Textes weist jedenfalls nicht im geringsten nach, dass Frauen tatsächlich schuld sein könnten am Rechtsruck in Deutschland. Aber das soll er wohl auch gar nicht. Viel mehr stellt Fleischhauer Frauen sehr offensichtlich als gefühlsgesteuerte, überreagierende und naive Wesen dar, die vermeintlich durch ihr Verhalten eine gefährliche Bewegung in Gang setzten. Das ist ein uraltes, traditionell gegen Frauen gebrauchtes Bild, das sie mundtot machen soll (denn beweis mal, dass du nicht „gefühlsgesteuert“ bist oder „überreagierst“!). Sexistischer geht’s kaum.

Fleischhauers Text bestätigt nur eins ganz deutlich: dass Feminismus nötiger ist als je zuvor. Dass Frauen und Männer sich noch viel stärker bewusst machen müssen, mit welch perfiden und für viele auf ersten Blick kaum erkennbaren Mitteln viele Menschen massiv darauf hinarbeiten, Frauen klein und stumm zu halten. Mit welch unverhohlener Unverschämtheit, mit welch wirren und/oder zynischen Herleitungen und mit welchen immer gleichen Worten und Frames dies tatsächlich in aller Öffentlichkeit wieder und wieder geschieht. Und zwar über eine der stärksten Wurzeln der Frauenfeindlichkeit: die Sprache.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin. Für Medien (Print und online) und Unternehmen schreibt und berät sie in den Themenfeldern Tourismus, Kultur, Natur- und Umweltschutz, Gesellschaft, Gleichberechtigung und diskriminierungsfreie Sprache. Mit ihrem Blog http://wie-kann-ich-helfen.info war sie 2015 Preisträgerin des Aktiv Wettbewerbs. Ihr Porträtband „Hannover persönlich“ wurde 2013 von der Leipziger Buchmesse und neobooks mit einem autoren@leipzig Award ausgezeichnet. 2011 stand sie auf der Shortlist des Schneelöwen Journalistenpreises für einen Artikel über den Dalai Lama in der Neuen Zürcher Zeitung.
Birte Vogel

1 Gedanke zu “Die ewige Schuld der Frau … diesmal: am Rechtsruck in Deutschland?

  1. Liebe Birte,
    ich habe mir Fleischhauers Artikel gerade angetan. Und ich muss dir recht geben. Er richtet sich (auch) gegen Frauen. Aber er ist nicht nur gegen Frauen gerichtet, sondern ebenso gegen andere Minderheiten (Schwule, Menschen mit dunklerem Teint, Menschen mit ungewöhnlichem Akzent, unausgesprochen auch gegen Menschen mit sonstigen Beeinträchtigungen), denn er wettert generell gegen die „politische Korrektheit“ (PC), die als andersartig wahrgenommene oder (bewusst oder unbewusst) „veranderte“ Menschen vor sprachlicher Diskriminierung schützen soll. Diese PC versucht, unterbewusste Diskriminierung (die jeder und jedem von uns passieren kann) bewusst zu machen, um diskriminierten Menschen zumindest sprachlich ein Stück Würde zurückzugeben. Allerdings macht die genannte Ausweitung der implizit Beschuldigten am Rechtsruck Fleischhauers Ansichten aus meiner Sicht nicht weniger gefährlich. Sondern gefährlicher.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: