Die Angst eines Landes vor seinen Frauen

Es gebe nur eine einzige Vorschrift, über die sich alle Politiker_innen ihres Landes einig seien, egal ob konservative, moderate oder Reform-Politiker_innen. „Ich lebe jetzt in Freiheit“, schreibt mir eine Kollegin, „aber ich kann diejenigen Frauen nicht vergessen, die diese Freiheit nicht haben.“ Weshalb sie eine beeindruckende Aktion ins Leben gerufen hat.

Gerade gewann der Film eines mit Berufs- und Reiseverbot belegten iranischen Regisseurs den Goldenen Bären der Berlinale. Jafar Panahis Filme, so der Festivalleiter Dieter Kosslick, sollten so lange gezeigt werden, bis Panahi persönlich zur Berlinale kommen dürfe. Es ist ein herzerwärmendes Zeichen, dieser sture Kampf gegen die Willkür eines rigiden Regimes und für die Freiheit der Kunst und eines einzelnen Mannes.

Frauen können auf diese Art der öffentlichkeitswirksamen Unterstützung von behufener Seite nur äußerst selten zählen, wenn überhaupt. Sie müssen in der Regel ihren Kampf alleine führen, und allzu oft sogar gegen den erbitterten Widerstand ihres eigenen Geschlechts. Masih Alinejad führt einen solchen Kampf. Die iranische Journalistin wurde in ihrer Heimat schlagartig berühmt, als sie 2005 einen Skandal im iranischen Parlament aufdeckte.

Journalistin wird zur Persona non grata

Daraufhin wurde sie zur Persona non grata (zur „unerwünschten Person“) erklärt und durfte nicht mehr aus dem Parlament berichten. Doch ließ sie sich ihre Kritik nicht verbieten, und sie ist eine Frau. Der Druck auf sie wurde deshalb immer stärker, steigerte sich sogar bis zum Rufmord, bis Alinejad das Land verlassen und ins Exil gehen musste. Doch auch dort, in Großbritannien, ließ man sie nicht in Ruhe.

Wie der Guardian 2013 berichtete, wurde ihre Familie im Iran schikaniert, ihr Vater wurde derart gegen seine eigene Tochter aufgehetzt, dass er schon seit drei Jahren nicht mehr mit ihr spräche. Sie selbst erhielt Morddrohungen, wurde bezichtigt, eine Spionin zu sein, und es wurde allgemein davor gewarnt, mit ihr zu sprechen.

(Foto: privat via My Stealthy Freedom)
(Foto: privat via My Stealthy Freedom)

Wenn die Regierung jedoch glaubte, sie damit nun endlich zum Schweigen gebracht zu haben, dann hatte sie sich getäuscht. Alinejad nahm den Kampf wieder auf und startete am 3. Mai 2014 eine Aktion, die ungeahnte Ausmaße angenommen hat: My Stealthy Freedom („Meine heimliche Freiheit“; auf Twitter: #mystealthyfreedom). Sie schreibt mir:

„Ein Mädchen im Iran muss, sowie es zur Schule kommt, den Hidschab [den Kopfschleier; Anm. d. Red.] tragen. Ab dem Alter von sieben Jahren ist der Hidschab das wichtigste Thema für dich als Mädchen, selbst wenn du in einem freien Land lebst.“

Und genau dieser Kopfschleier sei die einzige Vorschrift, über die sich die iranischen Parteien aller Lager einig seien, schreibt sie. Mit „My Stealthy Freedom“, mit der Befreiung vom Kopfschleier, dem sichtbarsten Zeichen für die Unterdrückung der iranischen Frauen, kämpft sie deshalb auf öffentlicher Bühne für deren Freiheit. Sie postet dort Fotos von mutigen Frauen, die sich an ganz unterschiedlichen Orten des Schleiers entledigen, wenn auch nur für den Moment dieses Fotos.

Ihr Engagement löst große Wut aus

Die Seite ist nicht einmal ein Jahr online, doch hat sie schon fast 764.000 Fans, und Alinejad konnte bereits etwa 2.000 Fotos und Filme veröffentlichen. Nur, im Iran, dessen Regierung bei ausgerechnet dieser Vorschrift derart geeint ist, löst ihr Engagement große Wut aus. Alinejad schreibt mir:

„Die Anzahl der Frauen, die mir ihre Fotos geschickt haben, war so groß, dass die Regierung sie nicht alle zum Schweigen bringen konnte. Deshalb attackiert sie mich.“

Die iranische Regierung nimmt also weiterhin sehr genau Notiz von ihr, und sie schätzt diese einzelne Journalistin als so gefährlich ein, dass sie Alinejad, obwohl sie weit weg im Exil lebt, in ihrer Heimat weiterhin einer beispiellosen Rufmord-Kampagne aussetzt. Alinejad schreibt mir:

„Das iranische Staatsfernsehen brachte die Nachricht, dass ich von drei Männern vergewaltigt worden war, nachdem ich splitterfasernackt durch London gelaufen sei. Sie schämten sich nicht einmal, meinen Sohn in diese Sache hineinzuziehen: sie behaupteten, er habe dabei zuschauen müssen, wie seine betrunkene und unter Drogen stehende Mutter vergewaltigt wurde.“

„Frauen muss der Gehorsam eingeprügelt werden“

Lügen, die westliche Politiker_innen ihren Job kosten würden. Doch im Iran beschädigt diese Kampagne nicht die Regierung, sondern Alinejads eigenen Ruf und den ihrer gesamten Familie. Während die Kampagne gegen sie weiterginge, schreibt Alinejad weiter, führen Geistliche ganz andere Geschütze gegen Frauen ohne Kopfschleier auf:

„Die Geistlichen nutzen die Medien, auch das staatliche Fernsehen, um sich gegen Frauen auszusprechen, die sich nicht ganz korrekt an das Gesetz des Hidschab halten. Sie ermutigen die jungen Basidschis [paramilitärische Miliz von Freiwilligen, auch Frauen; Anm. d. Red.], in den Straßen etwas gegen solche Frauen zu unternehmen.

Der Führer des Freitagsgebets in Teheran, Ahmad Khatami, sagte sogar, um Frauen ohne den Hidschab die Stirn zu bieten, müsse unschuldiges Blut fließen! Und der Führer des Freitagsgebets in Isfahan sagte, diesen Frauen müsse der Gehorsam eingeprügelt werden.“

Masih Alinejad beschränkt sich aber nicht nur auf den Kampf gegen das Kopftuch. Frauen im Iran ist es bspw. auch untersagt, solo zu singen, wie die deutsche Komikerin Enissa Amani gerade auch der FAZ Online bestätigte:

„Nicht mal eine CD darf eine Frau dort allein aufnehmen. Die weibliche Stimme gilt als zu sexy.“

Die Stimmen der Frauen sollen gehört werden

Alinejad berichtet mir weiter, dass die iranischen Behörden dem berühmten Musiker und Komponisten Majid Derakhshani kürzlich die Ausreise verwehrt haben, weil er ein reines Frauenensemble anführte. Sie schreibt:

„Majid Derakhshani sagte der iranischen Tageszeitung Etemad am 5. Januar, dass Sicherheitsbeamte am Imam Chomeini Flughafen seinen Pass einzogen, als er auf dem Weg nach Dubai war. Die Behörden hätten ihm gesagt, er habe Ausreiseverbot. Derakhshani sagte, er glaubte, die Tatsache, dass in dem aktuellen Video seines Ensembles Mah Banoo Frauen solo sängen, sei der Grund dafür.“

Der Preis, den Alinejad selbst für ihre Ansichten und ihren öffentlichen Einsatz für die Rechte der Frauen zahlen muss, ist besonders hoch und grausam. Dennoch teilte sie nicht nur genau dieses Video von Mah Banoo auf Facebook (hier zu sehen), sondern setzt sich nun auch zusammen mit Sängerinnen für diese Frauen und für das Recht auf eine freie Stimme ein, mit der Kampagne #‎myforbiddensong‬. Zwei Videos dieser Kampagne sind hier und hier zu sehen.

„Ich darf nicht in meine Heimat zurück“, schreibt sie weiter, „aber ich hoffe, ich kann es schaffen, dass die Stimmen der Frauen meines Landes gehört werden.“

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

5 Gedanken zu “Die Angst eines Landes vor seinen Frauen

  1. keine gute Titel; das Land hat doch keine Angst, die Politiker haben. Wenn es gibt keine Demokratie, kann man nicht die Politiker mit dem Land egal annehmen.

  2. Danke für diesen interessanten und erschreckenden Bericht. Ich gebe allerdings Atbin Recht: Nicht das Land hat Angst vor seinen Frauen. Ein paar undemokratische Politiker/innen und Staatsdiener/innen haben Angst. Ich habe selbst lange genug in einer Diktatur gelebt, um auf diesen Unterschied großen Wert zu legen.

  3. Der Titel ist verallgemeinernd, das stimmt. Aber er ist mit Bedacht gewählt, denn ich denke eben nicht, dass es nur ein paar Politiker_innen und Staatsdiener_innen sind, die eine solche Angst vor Frauen haben. Ein solches Regime hat immer zahllose Anhänger_innen und Mitläufer_innen, in diesem Fall offensichtlich auch unter den Frauen. Dabei ist es egal, ob die Menschen genauso denken oder „nur“ mitlaufen: die Frauen werden mit dieser Kopftuchpflicht im ganzen Land unterdrückt. Wenn es wirklich in der Bevölkerung eine Mehrheit gäbe, die gegen die Unterdrückung der Frauen wäre, würde die sich hinter Alinejad und ihre Forderungen stellen. Dann hätte es längst eine Aufhebung der Kopftuchpflicht gegeben, Alinejad hätte nicht ins Exil gehen müssen, und es müsste keine heimlichen Freiheiten mehr für die Frauen geben.

  4. Ich denke ja immer, wenn Männer verhüllte und stille Frauen fordern, weil weibliche Haare, Knöchel, Arme oder die Stimme zu aufreizend seien, dann stellen sie sich damit nur selber ein erbärmliches Zeugnis aus: Wie wenig haben sie sich offenbar unter Kontrolle, dass sie damit nicht umgehen können?

  5. Es gibt ja genug Ausreden, warum Frauen noch immer nicht gleichberechtigt sind, auch in unserer vermeintlich so freien Gesellschaft. Aber das ist wirklich so ziemlich die absurdeste und erbärmlichste Ausrede von allen, Katja, da gebe ich Dir absolut recht.

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