Der Sexismus hinter dem Hype um die neuen Feministen

Der Sexismus hinter dem Hype um Feministen

Sie sind hip, sie sind Väter, sie stehen mitten in einem coolen Beruf, und sie bekennen öffentlich, Feministen zu sein. Sie kommen in Mode, diese Feministen. Und sie finden in vielen Medien Gehör. Endlich!, denkt die müde gekämpfte Feministin im ersten Moment. Und stellt dann fest: dahinter steckt schon wieder so viel Sexismus, dass dieser neue Hype nur eins zeigt: wie weit der Weg tatsächlich noch ist.

Wie jetzt: dass Männer sich öffentlich zum Feminismus bekennen, soll sexistisch sein? Wieso das denn? Die Antwort ist: es ist kompliziert.

Der Sexismus hinter dem Hype um Feministen

Keine Frage: es ist fast 70 Jahre nach Erlass des Gesetzes zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern höchste Zeit, dass Männer endlich einsehen, dass diese Gesellschaft alles andere tut als diesem Gesetz gerecht zu werden. Es ist höchste Zeit, dass sie öffentlich anerkennen, dass sie sich ihre Privilegien keineswegs selbst und hart erarbeitet haben, sondern den entscheidenden Vorteil nachweislich dank ihres Geschlechts bekamen und bis heute bekommen. Und es ist höchste Zeit, dass Männer, vom Kanalarbeiter bis zum Bundesminister, vom faulen Sack bis zum Leistungsträger, daraus endlich Konsequenzen ziehen.

Es ist auch höchste Zeit, dass diese Gesellschaft aufhört, es für normal zu halten,

Diese Liste lässt sich ins Unendliche erweitern.

Insofern – grünes Licht und volle Fahrt voraus für jene Feministen, die kürzlich ganz zufällig vom Baum der Erkenntnis genascht und festgestellt haben: ‘Hey, stimmt ja alles, was die Feministinnen seit Jahrzehnten sagen!‘

Aber, und das ist kein kleines Aber: das, was da gerade passiert, hat mit Feminismus wenig zu tun. Im Gegenteil: es ist Sexismus pur. Warum?

Das Thema gewinnt erst dadurch an Legitimität, dass Männer es aufgreifen

Erst jetzt, da der eine oder andere Mann den Feministinnen und wissenschaftlichen Studien recht gibt, merken viele Leute auf und denken: ‘Jau, guck an, recht hatter!‘ Und so wird das, was Tausende Feministinnen seit Jahrzehnten kritisieren und bekämpfen, was belächelt, heruntergespielt oder sogar massiv unterdrückt wurde und wird, nun plötzlich zu etwas, das ein Mann erkannt hat und das alleine dadurch an Legitimität gewinnt. Wenn der das sagt, muss es ja stimmen. Viele Frauen kennen das schon aus ihrem beruflichem Umfeld, in dem sie einen Vorschlag machen, der überhört oder abgelehnt wird, und erst, wenn ein Mann ihn wiederholt, als Spitzenidee (des Mannes) gefeiert wird.

Diese neuen Feministen, von denen viele ihr Leben lang sämtliche Benachteiligungen aller Frauen in ihrem Leben ignoriert oder zumindest nicht öffentlich kritisiert und bekämpft haben, teilweise sogar prima davon profitiert haben, bekommen nun plötzlich eine Art Heiligenschein verliehen. Die reuigen Sünder werden nicht nur in feministischen und Mainstream-Kreisen freudig aufgenommen – sie werden erstaunlich oft gelobt, insbesondere von Frauen. Und vor lauter Dankbarkeit, dass sich auch mal ein Promi als vermeintlicher Feminist outet, wird ihm die Tatsache, dass er schon vor zwei Tagen bemerkt hat, dass seine Teenager-Tochter womöglich nicht dieselben Chancen haben wird wie die Jungen ihrer Generation, als „tolle“ Vaterschaft ausgelegt.

Hab ich gar nicht gewusst! Weil es bislang ja nur Frauen gesagt haben

Und natürlich sind es nun auch wieder Männer, die in den Medien der Welt erklären, wie das mit dem Feminismus eigentlich funktioniert und wie wir das alles einordnen sollen. Und prompt sagt die Welt staunend: ‘Ach, guck, hab ich gar nicht gewusst!‘ Weil das ja bislang immer nur Frauen gesagt haben.

Sie lassen sich halt auch gerne durch die Medien reichen, diese neuen Feministen, denn so können sie auch gleich ein bisschen was für ihre eigene Karriere tun. Mit der Bekanntheit wächst ja häufig auch die Auftragslage. Macht der neue Feminist mit dem Stichwort „Feminismus“ auf sich aufmerksam, bekommt er Platz in Fach- und überregionalen Medien, wird mit großen, teils gebührenfinanzierten Reichweiten interviewt, zu seiner Einschätzung befragt, schreibt selbst Artikel und wird freudig und dankbar in den Sozialen Medien gelikt und geteilt.

Weil er ein Mann ist.

Er wird veröffentlicht, selbst wenn er dasselbe sagt, das schon unzählige Frauen vor ihm gesagt haben, was aber weitgehend ungehört verhallt ist. Die Ansichten, Meinungen, Interpretationen der Männer landen nun genau dort, wo Feministinnen mit sehr ähnlich lautenden Artikeln und Einschätzungen seit vielen Jahren abgelehnt werden, weil’s angeblich thematisch nicht passt, weil sie nicht prominent genug sind, weil die Artikel vermeintlich zu radikal sind, weil angeblich niemand so etwas lesen will. Doch diese neuen Feministen finden jede Menge Gehör.

Mit einer Ausnahme.

Männer sollten sich den Frauen stellen, die sie diskriminieren

Als das Gastromagazin „Rolling Pin“ neulich die Nominierten für die Wahl „zum besten Koch Deutschlands“ vorstellte, gab es massive Kritik an der Auswahl, auch von einigen neuen Feministen. Denn unter den 50 Nominierten befand sich gerade einmal eine Frau. So als gäbe es außer der einen keine weiteren hervorragenden Köchinnen in Deutschland (was natürlich, wie meistens in diesen Fällen, Unsinn ist).

Die auf diese Kritik hin veröffentlichte wortreiche und völlig merkbefreite Reaktion von Jürgen Pichler, dem „Rolling Pin“-CEO, gipfelte darin, dass er einen dieser Kritiker der Aktion zu einem Gespräch einlud.

Merke: einen dieser Kritiker, männlich.

Mit diesem Kritiker (der natürlich nur rein zufällig was mit Essen macht und eine stattliche Anzahl von Follower_innen hat) wollte Pichler sich treffen, um zu beweisen, dass die Gastronomie, allen voran sein Blatt, überhaupt kein Stück sexistisch seien.

Doch jener Kritiker, Hendrik Haase, lehnte ähnlich wortreich, aber gehaltvoll ab. Erstaunlich, denn es hätte dem Feministen die Aufmerksamkeit vieler der über 100.000 Follower_innen des Magazins einbringen können. Haase hingegen fand, es sei nicht seine Aufgabe als Mann, dieses Gespräch zu führen. Pichler solle sich jenen Frauen stellen, die diese Branche diskriminiere.

Na, das ist doch mal ein revolutionärer Gedanke: Männer stellen sich denen, die sie diskriminieren. Das Problem ist nur: das wollen die meisten Männer gar nicht. Das Thema kennen sie ja schon seit Jahrzehnten von Diesen Furchtbaren Feministinnen, da hört doch schon gar keiner mehr zu, weil die immer dasselbe sagen, *gähn*! Und es könnte ja irgendwer feststellen, dass einige ihrer schönen Erfolge gar nicht hart erarbeitet sind, sondern ein Zwangsgeschenk von Frauen in der ewigen zweiten, dritten, vierten Reihe.

Das Wort eines Mannes ist noch immer wichtiger und glaubwürdiger als das einer Frau

Das andere Problem ist, dass dieser neue Hype nur das bestätigt, was wir Feministinnen seit Jahrzehnten wissen: wir können uns abrackern, mit Engelszungen reden und zahllose Fakten und Beweise für die strukturelle Diskriminierung der Frauen liefern – es ist egal. Es verhallt weitgehend ungehört. Weil das Wort eines Mannes immer noch wichtiger ist und glaubwürdiger als das einer Frau. Erst wenn ER sagt: ‘Jawoll, irgendwie werdet ihr ja schon ein bisschen unfair behandelt!‘ – erst dann trifft das auch zu.

Hinzu kommt: für das, wofür die neuen Feministen jetzt gehypt werden, müssen Feministinnen sich bis heute beschimpfen lassen, viele von ihnen werden ausgegrenzt, gebrandmarkt, und sie müssen unter dem Kanonenfeuer von Vergewaltigungs- und Morddrohungen miterleben, wie all ihre Bemühungen derzeit sogar einen kräftigen Rückschritt Richtung 1950er Jahre machen. Mit den neuen Feministen dagegen wird auf zwar tumbe, uninformierte und oft nur gefühls- und meinungsbasierte Weise diskutiert – Vergewaltigungs- und Morddrohungen sind da aber eher selten.

Wir müssen außerdem schon seit einiger Zeit miterleben, wie die Grabenkämpfe der bekanntesten Feministinnen die ohnehin nur sehr begrenzt vorhandene Solidarität unter Frauen noch weiter auseinanderreißen. Und wie die Arroganz einiger junger Feministinnen, die glauben, den viel besseren Feminismus erfunden zu haben, jenen Frauen einen Bärendienst erweist, für die sie angeblich kämpfen. Denn sie verwässern selbst Minimalziele noch zu einer Art Feminismus-Plüsch: schön weich, aber nicht echt.

Und nun erleben wir auch noch diesen neuen Hype um Männer, die das Wort für uns erheben und damit genau das tun, was sie schon seit Jahrhunderten tun: für Frauen sprechen. Im Sinne von: an ihrer Stelle sprechen.

Wir brauchen eine verstärkte Sicht- und Hörbarkeit der Diskriminierten, nicht ihrer Fürsprecher

‚Seid doch froh, dass Männer sich endlich für Frauen einsetzen!‘, sagen viele. Versteh mich nicht falsch: ich freue mich, dass kaum 70 Jahre nach Erlass des Artikels 3.2 GG, zunehmend Männer feststellen, dass die Unterdrückung und strukturelle Benachteiligung der Frauen in diesem Land auch sehr viele Nachteile für sie selbst und ihre Kinder hat.

Aber wenn sie es ernst meinten, die neuen Feministen, wenn sie das, wofür der Feminismus tatsächlich steht, wirklich verstanden hätten und unterstützen würden, dann würden sie sich nicht als die neuen Superhelden feiern lassen, sondern dafür einstehen, dass nicht schon wieder sie, Männer, durch Medien gereicht und auf Podien gestellt werden. Sie würden dafür einstehen, dass nicht wieder nur Männer diejenigen sind, die uns allen in dieser neusten Variante des Mansplainings die Welt erklären. Sie würden diese Deutungshoheit über die Lebensrealitäten der Frauen rundweg ablehnen.

Diese neuen Feministen würden auch nicht nur die eigenen Nachteile erkennen, die ihnen die strukturelle Benachteiligung der Frauen beschert. Sondern sie würden auch den – sicher in vielen Fällen unbewussten – Sexismus durchschauen, der in ihren eigenen öffentlichkeitswirksamen Aktionen steckt. Sie würden, wenn gefragt, nicht dem von Kindheit an geförderten Automatismus „Lassen Sie mich durch, ich bin ein Mann!“ nachgeben. Sondern sie würden gezielt in aller Öffentlichkeit in die zweite Reihe treten und Platz für Frauen machen.

So wie Hendrik Haase es getan hat. Denn nicht anders kann man diskriminierende Strukturen aufbrechen als durch eine verstärkte Sicht- und Hörbarkeit der Diskriminierten – der Diskriminierten selbst und eben nicht ihrer männlichen Fürsprecher. Alles andere ist nichts weiter als die alten frauenfeindlichen Strukturen verpackt in ein neues Gewand.

Birte Vogel

Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten. Sie schreibt Bücher, Reden, Web- und Blogtexte für Unternehmen und sie coacht Sachbuchautor_innen von der Idee bis zum fertigen Buch. Mehr zu ihrer Arbeit gibt's auf http://nordsee-text.de.
Birte Vogel

2 Gedanken zu “Der Sexismus hinter dem Hype um die neuen Feministen

  1. Ich habe den Hype um diesen Artikel von dem Typen mit der sechzehnjährigen Tochter überhaupt nicht verstanden. Inhaltlich war da ja nicht wirklich etwas Neues und ich fand es komisch, dass er erst so spät gemerkt hat, dass Mädchen und Jungen in Deutschland keinesfalls gleichberechtigt sind.
    Jetzt, nach der Lektüre deines Blogposts, habe ich verstanden, warum der Artikel so gefeiert wird und warum mich das gewundert hat. Solange Männer die Definitionshoheit über fast alle Themen haben, wird sich nichts ändern. Deswegen finde ich es, trotz aller berechtigten Kritik, doch gut, wenn Männer sich als Feministen bezeichnen und dafür Aufmerksamkeit bekommen. Um das allerdings reflektieren zu können, braucht es jahrelange Beschäftigung mit dem Thema. Und die haben die meisten Männer nicht.

    • Stimmt, Mrs_Tilney, es ist gut, wenn Männer ihre Privilegien und den eklatanten Mangel an Gleichberechtigung reflektiert betrachten und sich auch öffentlich dazu äußern. Das war schon lange überfällig.

      Aber es ist ein schmaler Grat zwischen Unterstützung der Frauen im Kampf um Gleichberechtigung und dem Zurückfallen in die immerselben Muster, die den Frauen wieder die Stimme nehmen. Und es ist ebenfalls ein schmaler Grat zwischen der Akzeptanz dieser längst überfälligen Unterstützung und dem Dankbarkeitshype. Nur sind wir dieses scheinfröhliche Dankbarsein so gewöhnt. Wir müssen es ja überall anwenden, um irgendwie weiterzukommen. Aber wir übersehen dabei, dass es uns im Grunde seit 1958 kaum einen Schritt weitergebracht hat. Denn wir müssen 2017 noch genauso um unsere Rechte kämpfen wie damals.

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